Im Paradiesgarten zeitgenössischer Kunst
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Jetzt S+ abonnierenDer Morgen der Eröffnung der Biennale in Gröden verheißt wieder ein strahlender, warmer Tag zu werden. Wir fahren nach Mittag los, nachdem die letzten Verpflichtungen und Erledigungen des Tages abgehakt sind. Manche sind schon seit 9 Uhr da, es gab auch an den Tagen davor schon Führungen und Pressetermine. Der Platz im Zentrum von St. Ulrich ist recht voll, nicht zu voll. Auf einem Tisch liegt dunkle Blumenerde, und darauf Keramikteller mit Frischkäse und einem süßen Sirup, Schüttelbrot hängt auf kleinen Holzständern, Wiesenblumen (Bürgi Tenorio). Die Leute knabbern und füllen ihre Weingläser mit Wasser vom Brunnen, es ist heiß. Wir haben die Ansprachen verpasst, die Direktorin wird später sagen, dass es nur gute Reden gegeben hat.
In seinen Skulpturen schimmert Hoffnung durch, gespeist von kindlichen Narrativen und Objekten.
Am Brunnen lehnen zwei Gestalten, menschlich im Umriss, gnomenhaft im Ausdruck, aus denen junge, frische Pflanzen sprießen, viele verschiedene Sorten (Wirz/Marder). Aus dem Kopf wachsen die Brennnesseln, wegen Urtisei, ortica.
Sandra Knecht hat die angekündigte kulinarische Intervention abgesagt, weil sie davor an der Biennale in Venedig teilgenommen hat und alles zu viel geworden war. Dafür hat sie eine Figur im Zentrum von St. Ulrich aufgehängt, die zwischen heller Maske und dunklem Gesicht wechseln kann, von den BesucherInnen aktiviert. An diesem Ort könne man nichts Romantisches machen, an einem Ort, wo alles und alle verwendet werden für etwas, so die Künstlerin.
Die Autorin
Margareth Kaserer, geboren 1983, ist Künstlerin, Kuratorin, Köchin, Bäuerin und Mutter eines Kindes. Sie studierte Vergleichenden Literaturwissenschaften in Wien und anschließend Performancekunst in Antwerpen (Belgien). Seitdem realisiert sie eigene performative Projekte und nimmt an Ausstellungen teil. Kaserer ist Gründerin und Leiterin des Kunstprojektes Hotel Amazonas auf einem Bauernhof am Ritten.
Der diesjährigen Grödner Biennale, kuratiert vom Schweizer Samuel Leuenberger, ist ein recht interessanter zeitgeistiger Entwurf gelungen. Dunkle Stimmungen aufgrund der ökologischen und klimatischen Krise (Trenkerhaus, mit der zentralen Video-Arbeit von Wang) treffen auf folkloristische Erneuerung (Hotel Badia). Viele Interventionen sind wie aus den Orten herausgeschnitzt (Prugger), ihnen angegossen, das erfordert eine genaue Beobachtung und einen sorgfältigen Umgang mit Vorgefundenem bei der Vorbereitung. Noguchi hat die Anstrengung unternommen, in einem feuchten Tunnel ein Himmelszelt zu malen. In seinen Skulpturen schimmert Hoffnung durch, gespeist von kindlichen Narrativen und Objekten. Oben vor dem Adler Balance ein Holzhaufen, Teile einer abgebauten Hütte, massives, verwittertes Holz (Serapinas). Unsere Hütten, unsere Bergidentität, Nostalgie und Trauer wechseln sich ab: wenn für Altholz als letzte Station die Kunst wartet, was kommt danach?
Die Sonne geht unter und taucht die Bergmassive in orange-pinkes Licht.
Eine Art zeitgenössische Goth-Ästhetik (Arutiunian, Cenci) verbindet einige der Arbeiten, es sind trauernde Töne statt Wut zu spüren, Abgesänge an sich als nicht funktional erwiesene Ansätze oder Abschiedsszenarien für bedrohte, verschwindende Gegebenheiten. Der Garten ist nämlich auch nicht mehr das, was er einmal gewesen ist, sondern ein viel komplexerer Ort, abgesehen davon, dass es DEN einen Garten gar nicht gibt, was der Titel schon richtig vermittelt.
Die botanische Natur ist im Fokus der Ausstellung, ihre Schönheit und Gefährdung, und Mythen und Geschichten sollen zur Hilfe eilen. Handwerkliche Errungenschaften, die Erkundung von Vielfalt und die Aufmerksamkeit auf Bedrohtes sollen ins Bewusstsein befördert werden.
Es ist, als würde sich die Kunst ihrer eigenen Grenzen einer in den letzten Jahren auf vielen Ebenen dunkler gewordenen Welt bewusst werden, und trotz allem Präsenz zeigen. Sie ahnt, dass auch sie Teil des Problems ist, wenn sie Ressourcen frisst und kapitalistische Logiken speist. Die Kunst will sich aber erneuern, trotz allem und schlägt wieder andere Töne an, mit Langsamkeit, Fragilität, Poesie. Da wirkt der auf Pilat, dem atemberaubend steil gelegenen Hof mit Atelier im Stadel von Gregor Prugger, also der auf Pilat aufgetauchte Klaus Biesenbach, auch fast schon wie aus der Zeit und dem Ort gefallen, der vielreisende, mediale Kunst-Vervielfältiger, der mit seinen Posts noch mehr TouristInnen in die Dolomiten locken wird.
Die Sonne geht unter und taucht die Bergmassive in orange-pinkes Licht. Eine der Bäuerinnen in Tracht, die das Catering gebracht haben, bringt die übriggebliebenen Striezl und Häppchen zu den Tanzenden vor dem Stadel, die Hände recken sich danach. Die folgende holprig-rasante Bergfahrt zurück ins Tal bildet die Klammer dieser gelungenen experience.