Wo Bach und Techno Almluft atmen
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Jetzt S+ abonnierenDas Wortspiel ist so schlicht wie einleuchtend: „Alles, was auf einer gewissen Höhe über dem Meeresspiegel geschieht, zählt ohne Weiteres zur Hochkultur.“ Aus dieser augenzwinkernden Idee heraus riefen die zehn Musikerinnen und Musiker der Osttiroler Musicbanda Franui 2023 das „Hochkultur Festival“ auf der Unterstaller Alm ins Leben. Nach dem Premierenerfolg geht das musikalische Experiment nun in die zweite Runde – und verwandelt das Villgratental ab dem 12. August erneut in einen alpinen Schauplatz für ungewöhnliche Klangbegegnungen. Für das viertägige Spektakel reist internationale Musikprominenz nach Innervillgraten in Osttirol. Auf 1.673 Metern Meereshöhe – direkt auf der Alm sowie im großen Zirkuszelt im Dorfzentrum – treffen Weltstars der Klassik auf Akustik-Techno, intime Jazz-Improvisationen und feinfühlige Vokalpolyphonie. Die Gebirgslandschaft wird dabei nicht nur zur Kulisse, sondern zum Resonanzraum für ein Programm, das Genregrenzen mühelos überwindet.
Die Entstehungsgeschichte des Festivals ist eng mit dem Ensemblejubiläum der Osttiroler Kultformation verbunden. „Wir haben es zum ersten Mal 2023 gemacht, wo wir 30 Jahre alt geworden sind als Ensemble. Das war unser Geburtstagsgeschenk – und jetzt machen wir es zum zweiten Mal, weil so viele Leute gesagt haben, wir sollen es wieder machen“, erklärt Andreas Schett, Kurator des Festivals, Komponist und musikalischer Leiter der Musicbanda Franui.
Das ist ein totaler Blödsinn, ein Zelt oben auf der Alm aufzustellen.
Die Erstausgabe brachte den Veranstaltern wertvolle Erkenntnisse im Umgang mit den Launen der alpinen Natur. Ursprünglich war auch das Ausweichquartier direkt auf der Alm geplant. „Wie ich dann raufgekommen bin, habe ich sofort kapiert: Das ist ein totaler Blödsinn, ein Zelt oben auf der Alm aufzustellen. Weil wenn es wirklich stark regnet, dann will ja niemand oben sein“, erinnert sich Andreas Schett schmunzelnd. Die Konsequenz für 2026: Ein großes Zirkuszelt steht im Dorfzentrum für den Schlechtwetterfall bereit, während auf der Alm die große Open-Air-Bühne bespielt wird.
Der Name der Musicbanda und des Ortes hat dabei historische Tiefenschärfe: „Franui“ ist eine rätoromanische Flurbezeichnung für eine Almwiese in Innervillgraten und verweist darauf, dass das Villgratental einst von Südtiroler, ladinischer Seite her besiedelt wurde. „Franui ist ein rätoromanisches Wort, es gibt also auch daher einen nahen Bezug zu Südtirol“, hebt Schett hervor. Diese Nähe spiegelt sich auch im Zeitplan wider: Die Konzerte auf der Alm beginnen nachmittags um 15:00 Uhr und enden um 19:30 Uhr. „Da ist man eigentlich wieder im Tal herunten im Dorf und kann dann auch noch zum Beispiel nach Südtirol heimfahren. Villgraten ist ja gleich hinter der Grenze.“Das Festival startet am Mittwoch, 12. August, mit einem theatralischen Paukenschlag im Dorfzelt: Burgtheater- und Filmschauspieler Nicholas Ofczarek bringt gemeinsam mit Franui Thomas Bernhards „Holzfällen“ auf die Bühne – eine Erfolgsproduktion des Wiener Burgtheaters, die bereits über 55-mal im deutschsprachigen Raum gefeiert wurde.
Ein absolutes Highlight ist der Auftritt des französischen Starpianisten Pierre-Laurent Aimard, Träger des Siemens-Musikpreises.
Die darauffolgenden Tage auf 1.673 Metern bieten musikalische Grenzüberschreitungen auf höchstem Niveau. Ein absolutes Highlight ist der Auftritt des französischen Starpianisten Pierre-Laurent Aimard, Träger des Siemens-Musikpreises. „Das ist einer der absolut faszinierendsten Musikpersönlichkeiten der Gegenwart. Für den haben die wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts Stücke geschrieben. Und der kommt, obwohl er im August nie spielt, jetzt zu uns auf die Alm“, freut sich Schett. Ebenfalls auf der Alm zu erleben: Das estnische Vokalensemble Vox Clamantis – von Schett als „Weltmeister im Singen von so Renaissance-Polyphonien“ bezeichnet –, der österreichische Star-Gitarrist Wolfgang Muthspiel, das Simply Quartet und der ungarische Zymbal-Virtuose Áron Horváth.
Service & Kartenvorverkauf
Festival: HOCH KULTUR FESTIVAL 2026
Datum: 12. bis 15. August 2026
Ort: Unterstaller Alm (1.673 m, Open-Air) & Zirkuszelt im Dorfzentrum Innervillgraten (Osttirol)
Line-up: Musicbanda Franui, Nicholas Ofczarek, Christiane Karg, Pierre-Laurent Aimard, Wolfgang Muthspiel, Vox Clamantis, Nik Bärtsch’s Ronin, Elektro Guzzi, Johanna Summer, Bryan Benner & The Erlkings, Viviane Chassot, Simply Quartet, Áron Horváth, Florian Boesch u. a.
Tickets: Tagestickets sowie 2-, 3- und 4-Tages-Pässe sind im Online-Ticketshop unter www.hochkulturfestival.at, an allen oeticket-Vorverkaufsstellen sowie in ausgewählten Raiffeisenbanken Tirols erhältlich.
Ein echtes Highlight verspricht die Premiere der Zusammenarbeit von Franui mit Christiane Karg: Die gefeierte Sopranistin, die sonst auf den großen Opernbühnen der Welt zu Hause ist, erarbeitet für das Festival erstmals ein gemeinsames Programm mit der Musicbanda – eine Feineinstellung aus Liedern von Gustav Mahler und Richard Strauss. Für Franui schließt sich damit auch geografisch ein Kreis: Mahlers Musik hat tiefe Wurzeln im Pustertal, entstanden doch seine berührendsten Spätwerke einst im nahen Toblacher Komponierhäuschen.
Die junge deutsche Jazzpianistin Johanna Summer überzeugt mit verblüffender Leichtigkeit beim Improvisieren über klassische Motive.
Auch abseits der Klassik ist für Überraschungen gesorgt: Das Schweizer Quartett Nik Bärtsch’s Ronin zieht das Publikum mit hypnotischen Funk-Grooves und meditativer Minimal Music in den Bann – ein Sound, der laut Schett „total super oben auf die Alm passt“. Die junge deutsche Jazzpianistin Johanna Summer überzeugt mit verblüffender Leichtigkeit beim Improvisieren über klassische Motive. Ein echtes Experiment wagt das Wiener Trio Elektro Guzzi, das treibende Techno-Beats vollkommen ohne Synthesizer – rein auf akustischen Instrumenten – über die Alm schickt. Abgerundet wird der musikalische Kosmos durch poetische Akkordeon-Miniaturen von Viviane Chassot und die frischen Kunstlied-Interpretationen von Bryan Benner & The Erlkings.
Am Freitagabend greifen Franui schließlich selbst tief in die Schatzkiste und feiern mit ihren Lieblingsstücken aus 33 Jahren Bandgeschichte ein Heimspiel. Zum großen Finale am Samstag lässt der gefeierte Bariton Florian Boesch gemeinsam mit der Musicbanda seine eigensinnige Version von Schuberts „Die schöne Müllerin“ über die Almböden hallen. Nach rund 2.000 Gästen bei der Premiere rechnet das Festival 2026 bei schönem Wetter mit bis zu 3.000 Besucherinnen und Besuchern. Das Hochkultur Festival soll fortan als fixe Einrichtung etabliert werden und künftig alle zwei Jahre stattfinden. Für Andreas Schett ist das Treffen vor allem ein Fest der Freundschaft: „Franui agiert so breit in der ganzen Bandgeschichte, wir haben viele tolle Leute kennengelernt vor und hinter den Bühnen – und jetzt ist das Hochkultur Festival natürlich auch ein Fest, dass es so viele fantastische Leute gibt.“
Das schönste Detail steht…
Das schönste Detail steht mitten im Artikel: Franui ist ein rätoromanischer Flurname, eine Almwiese in Innervillgraten, Erinnerung daran, dass das Tal einst von ladinischer Seite besiedelt wurde. Eine Musicbanda, die seit 33 Jahren unter einem Wort auftritt, das aus einer im Tal verschwundenen Sprache stammt, macht damit leise genau das, was das Festival laut macht: sie hält etwas im Klang, was im Sprechen verloren ging. Flurnamen sind oft das letzte Archiv einer Sprache, sie bleiben an der Wiese haften, wenn niemand mehr sie übersetzen kann. Dass ausgerechnet unter diesem Namen Mahler erklingt, dessen Spätwerk im nahen Toblach entstand, und Schubert über die Almböden hallt, ist mehr als Programmgestaltung. Es ist Landschaft, die sich erinnert. Gutes Gelingen auf 1.673 Metern.