„‚One-size-fits-all‘ funktioniert nicht“
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Jetzt S+ abonnierenDer neue Landeszusatzvertrag für Südtirols Hausärztinnen und Hausärzte wurde am 8. September unterzeichnet. Die Delegation des Landes Südtirol und des Sanitätsbetriebs sowie die drei Gewerkschaftsorganisationen der Allgemeinmedizin SNAMI, FIMMG und SMI haben nach fast zweijährigen Verhandlungen einen Text vereinbart. Er bringt unter anderem mehr Geld für Dienste in den Gemeinschaftshäusern, besser bezahlte Zusatzleistungen und eine Förderung der Tätigkeit in peripheren Gebieten.
„Ein wichtiger Schritt vorwärts“, sagt Klemens von Lutterotti, Präsident der mitgliederstärksten Hausärztegewerkschaft SNAMI Südtirol. Dennoch werde es noch viele weitere Schritte brauchen. Inflation, mangelnde Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Nachbarländern und die Sorge um die Arztpraxen in der Peripherie seien weiterhin ungelöste Punkte.
„Wir benötigen eine dringende Aufwertung des Hausarztberufes durch eine Facharztausbildung.“
Deutlich schärfer fällt die Kritik von Astrid Marsoner aus. Die Ärztekammerpräsidentin warnt in einem offenen Brief vor einer Schwächung der wohnortnahen Versorgung und kritisiert insbesondere verpflichtende Dienste in den Gemeinschaftshäusern, zusätzliche Bürokratie und fehlende Planungssicherheit. „Wer Hausärzte schwächt, gefährdet die Versorgung“, schreibt Marsoner.
Doris Hager-Prainsack, Präsidentin des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen, bestätigt eine zentrale Forderung des offenen Briefes: „Wir benötigen eine dringende Aufwertung des Hausarztberufes durch eine Facharztausbildung.“
Also auch nach Unterzeichnung des neuen Zusatzvertrages, ist die Debatte nicht beendet. Im Mittelpunkt steht weiterhin die Frage, wie die Allgemeinmedizin in Südtirol künftig aufgewertet und gerade in der Peripherie abgesichert werden soll.
„Keine Zwangsmaßnahmen“
Ein zentraler Kritikpunkt des offenen Briefes, den Astrid Marsoner im Namen der Hausärzteschaft geschrieben hat, sind die verpflichtenden Dienste in den neu geschaffenen Gemeinschaftshäusern. „Diese stellen eine zusätzliche Arbeitsbelastung dar und sind in der Peripherie, durch die gleichzeitige Abschaffung der Betreuungskontinuität, mit deutlichen Verdiensteinbußen verbunden“, heißt es darin. Die laufenden Kosten der eigenen Praxen blieben gleichzeitig bestehen. Gerade schwer zu besetzende ländliche Gebiete würden dadurch noch unattraktiver. Die Verpflichtung soll auch Hausärzte mit älteren Verträgen treffen. „Die Anwesenheitspflicht in den Gemeinschaftshäusern gilt auch für Kolleginnen und Kollegen mit altem Vertrag und hebelt damit das ursprünglich vereinbarte Prinzip der Freiwilligkeit aus.“
„Man kann nicht planen, wie es zukünftig werden soll, ohne zu verstehen, wie es jetzt ist.“
Die Gemeinschaftshäuser stellt Marsoner dabei nicht grundsätzlich infrage. Sie wehrt sich vielmehr gegen ein Modell, das unabhängig von den örtlichen Gegebenheiten überall gleich angewandt wird. „Alles über einen Kamm zu scheren, nach dem Motto ‚One-size-fits-all‘, wird der Unterschiedlichkeit der Situationen nicht gerecht.“ Was in einem städtischen Raum funktioniere, müsse nicht automatisch für periphere Gemeinden passen. Marsoner betont, dass man unterscheiden müsse, welche Strukturen etwa in Bozen sinnvoll seien und welche in abgelegeneren Gebieten. Es brauche „Primärversorgungszentren genauso wie starke, gut finanzierte Hausarztpraxen, verlässliche Kooperationsstrukturen und Planungssicherheit, aber keine Zwangsmaßnahmen“.
Auch eine zunehmende Kontrolle des Berufsstandes stößt auf Kritik. „Medizin braucht Spielraum für situationsadaptiertes Handeln und nicht kleinteilige Kontrolle.“ Besonders betont sie die Forderung nach weniger Bürokratie, die Förderung von Gemeinschaftspraxen und bessere digitale Unterstützung.
Grundsätzlich stößt ihr auf, dass die Hausärzteschaft aus ihrer Sicht zu wenig in die Ausarbeitung neuer Versorgungsmodelle eingebunden wird. „Man kann nicht planen, wie es zukünftig werden soll, ohne zu verstehen, wie es jetzt ist.“
Fortschritt mit Grenzen
SNAMI-Präsident Klemens von Lutterotti blickt differenziert auf den neuen Landeszusatzvertrag: „Ein besserer Abschluss war derzeit nicht möglich“.
Der neue Landeszusatzvertrag bringe „eine deutliche Aufbesserung der Basisgehälter der Allgemeinmediziner und ist im Vergleich mit den anderen Regionen sicher unter den Besten.“ Positiv bewertet Lutterotti auch die Möglichkeit, diagnostische Leistungen wie EKG und Point-of-Care-Ultraschall abzurechnen.
Die finanziellen Verbesserungen hätten allerdings Grenzen: Sie würden „gerade einmal die Inflation seit dem letzten Landeszusatzvertrag von 2017“ abdecken und den realen Einkommensverlust durch gestiegene Kosten nicht wettmachen. Der SNAMI-Präsident erklärt: „Wir bleiben weiterhin nicht konkurrenzfähig gegenüber den Angeboten in den nördlichen Nachbarländern und fallen auch hierzulande im Attraktivitätsvergleich zur Privatmedizin deutlich zurück“.
„Wir hoffen, dass hier auch kurzfristig zum Wohle der Patienten noch Lösungen gefunden werden können, die besser die orographischen Gegebenheiten unseres Landes einbeziehen und die Allgemeinmedizinpraxen auch abseits der Städte bestehen lassen.“
Auch Lutterotti ist der Ansicht, dass besonders die Peripherie eine offene Baustelle bleibe. „Wir haben versucht, Lösungen zu finden, um die Arztpraxen in der Peripherie finanziell zu unterstützen, um weiterhin eine wirklich wohnortnahe Betreuung zu ermöglichen. Hier sind wir aber durch das von der Provinz geplante Organisationsmodell an die Grenzen des Möglichen gestoßen“. Es brauche auch kurzfristig zum Wohle der Patientinnen und Patienten Lösungen, „die besser die orografischen Gegebenheiten unseres Landes einbeziehen und die Allgemeinmedizinpraxen auch abseits der Städte bestehen lassen“.
Sein Fazit fällt entsprechend zweigeteilt aus: „Insgesamt war der neue Landeszusatzvertrag ein wichtiger Schritt vorwärts, er löst aber leider die große Ungewissheit der Zukunft der Allgemeinmedizin in Italien und die Unattraktivität des ‚Ruolo Unico‘ nicht.“
Forderung: Anerkennung des Faches
Ein weiteres strukturelles Problem sehen die Allgemeinmediziner in der Ausbildung. „Will man die Allgemeinmedizin stärken, muss sie als Fach anerkannt und entsprechend ausgestattet werden“, heißt es im offenen Brief. Marsoner bringt die Forderung im Gespräch mit SALTO auf den Punkt: „Ein zentraler Punkt ist: Es muss ein Facharzttitel für Allgemeinmedizin eingeführt werden.“
Auch die Präsidentin des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Doris Hager-Prainsack sieht das so: „Wir benötigen eine dringende Aufwertung des Hausarztberufes durch eine Facharztausbildung“. Während dieser sollten die angehenden Allgemeinmediziner „ein vollwertiges Angestelltenverhältnis haben und voll in den Arbeitsalltag der Abteilungen integriert werden können“.
Mit einem Facharzttitel allein sei es jedoch nicht getan. Personal, Diagnostik und die Förderung von Gemeinschaftspraxen, brauche es zusätzlich, um die Allgemeinmedizin zu stärken. Auch Bürokratiebelastung stelle ein beträchliches Problem dar: „Wir möchten uns mehr auf unseren Beruf und unsere Patienten konzentrieren können und von Bürokratie entlastet werden.“ Eine vom Institut durchgeführte Studie unter Medizinstudierenden habe gezeigt, dass gerade diese Faktoren die Attraktivität des Hausarztberufes steigern würden.
Fünf Ärztinnen und Ärzte haben am 10. September ihre dreijährige Ausbildung abgeschlossen, zehn weitere nehmen am Lehrgang 2026–2029 teil. „Wieviele davon letztendlich abschließen und den Beruf auch ausüben, weiß man noch nicht. Erfahrungsgemäß verlieren wir in den ersten zwei Berufsjahren rund 20 Prozent an Facharztausbildungen oder sogar umliegende Regionen und Länder“, heißt es von Astrid Marsoner.
Nachwuchs werde in den kommenden Jahren dringend benötigt, sagt auch Doris Hager-Prainsack: „Nachdem meinen Informationen nach einige Kolleg/innen in den nächsten Jahren in Pension gehen, wird es sicher mehr junge Allgemeinmediziner/innen in Südtirol brauchen.“