„Keine drohende Pandemie“
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Jetzt S+ abonnierenDie Berichterstattung über das Hantavirus verunsichert derzeit viele Menschen. Ein Kreuzfahrtschiff, das tagelang keinen Hafen anlaufen durfte und drei Todesfälle sorgen seit Anfang Mai für internationale Schlagzeilen. Universitätsprofessor Dr. Christian Wiedermann des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen ordnet die aktuelle Situation wissenschaftlich ein. Denn es stellt sich die Frage: Wie hoch ist das Risiko für die öffentliche Gesundheit – auch in Südtirol?
Was bisher geschah
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vermeldete Anfang Mai einen Krankheitsausbruch an Bord eines Kreuzfahrtschiffes, welches zu einer Expeditionsreise durch den Südatlantik aufgebrochen war. „Genetische Analysen identifizierten den Erreger als Andesvirus – eine in Südamerika vorkommende Hantavirus-Art, die in Europa nicht heimisch ist und hier nur in Form vereinzelter Reise- oder Importfälle wie dem aktuellen auftritt“, erklärt Christian Wiedermann, Facharzt für Innere Medizin und Forschungskoordinator des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen. Das natürliche Wirtstier des Andesvirus ist eine Nagetierart, die nicht in Europa lebt, sondern lediglich in Südamerika vorkommt.
Spaniens Regierung erlaubte dem Schiff schließlich, die Kanaren anzulaufen. Am 10. Mai begann unter strengen Schutzmaßnahmen die Evakuierung der Passagiere. Bisher verstarben drei Menschen an den Folgen ihrer Erkrankung. „Die WHO bewertet das Risiko für die Allgemeinbevölkerung allerdings ausdrücklich als gering“, beruhigt Professor Wiedermann.
Erneut eine Zoonose
Hantaviren stellen keine neue Bedrohung dar. Bei den Viren handelt es sich um Zoonosen, also um Krankheitserreger, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden. Die Tiere selbst zeigen keine Krankheitssymptome, scheiden das Virus aber mit Urin, Kot und Speichel aus. „Menschen infizieren sich vor allem durch das Einatmen virushaltiger Partikel beim Reinigen lange ungenutzter Räume oder bei Tätigkeiten in der Land- und Forstwirtschaft. Es gibt verschiedene Hantavirus-Arten, die jeweils an bestimmte Nagetiere und Regionen gebunden sind und unterschiedliche Krankheitsbilder verursachen“, erläutert Professor Wiedermann.
Laut dem Experten können die in Nord- und Südamerika verbreiteten Varianten Sin-Nombre-Virus und das hier aufgetretene Andesvirus eine schwerere Erkrankung auslösen, die vor allem Lunge und Herz betrifft. Die Sterblichkeit dieser Virusarten liegt zwischen 20 und 40 Prozent. Das in Europa und Asien zirkulierende Puumala- und das Dobrava-Virus hingegen haben eine weit niedrigere Sterblichkeitsrate.
Bei Hantaviren sei die Übertragung von Mensch zu Mensch laut Professor Wiedermann grundsätzlich nicht relevant – mit einer Ausnahme: dem Andesvirus. Hier kann es in seltenen Fällen bei sehr engem und länger andauerndem Kontakt zu einer zwischenmenschlichen Übertragung kommen. „An Bord eines Schiffes leben Menschen über Wochen auf engem Raum. Doch das Andesvirus ist nicht hochansteckend wie Influenza oder COVID-19“, so Wiedermann.
Keine Pandemie zu befürchten
„Die Antwort der internationalen Fachgremien ist eindeutig: Nein. Hantaviren verbreiten sich nicht effizient von Mensch zu Mensch. Auch das Andesvirus hat in den vergangenen Jahrzehnten keine größeren epidemischen Wellen verursacht. Der aktuelle Cluster ist ein medizinisch ernstes, logistisch anspruchsvolles Ereignis, aber kein Anzeichen einer drohenden Pandemie“, unterstreicht Wiedermann. Er rät den Südtirolerinnen und Südtirolern zu Gelassenheit: Bei Reisen in Endemiegebiete – wie ländliche Regionen Argentiniens und Chiles – sollte auf hygienische Unterkünfte geachtet werden. Nach Rückkehr sollte bei unklaren fieberhaften Erkrankungen die eigene Praxis für Allgemeinmedizin informiert werden.
Lange ungenutzte Räume in Südtirol – wie Keller, Schuppen oder Berghütten – sollten vor dem Reinigen ausgiebig gelüftet werden. Sichtbaren Kot von Nagetieren sollte man nicht trocken kehren oder saugen, sondern anfeuchten und feucht aufnehmen. Bei Reinigungsarbeiten sollten Einmalhandschuhe verwendet werden, bei stärkerer Verschmutzung sollte zusätzlich eine FFP2-Maske getragen werden. Lebensmittel sollten grundsätzlich verschlossen und für Nagetiere unzugänglich aufbewahrt werden, rät Professor Wiedermann.
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