Wirtschaft | Banca d'Italia

Wirtschaft wächst, aber nicht für jeden

Die Banca d'Italia veröffentlicht ihren Jahresbericht: Südtirols BIP wächst, Export wackelt, Wohnpreise steigen und die Reallöhne haben langfristig an Kaufkraft verloren.
Banca d'Italia

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Laut dem neuen Jahresbericht der Banca d’Italia legte das reale Bruttoinlandsprodukt Südtirols im Jahr 2025 um 0,6 Prozent zu. Damit hat Südtirol gegenüber dem Trentino und Italien insgesamt, die jeweils ein Wachstum von 0,5 Prozent verzeichneten, die Nase leicht vorn. Tourismus, Bauwirtschaft, Dienstleistungen und Landwirtschaft tragen die Konjunktur. Industrie und Exportmärkte leiden unter den aktuellen geopolitischen Unsicherheiten, aber 2025 

Gleichzeitig steigen die Wohnpreise und die Reallöhne haben langfristig an Kaufkraft verloren.

Wirtschaftsstatus: Südtirol verzeichnet ein Wachstum von 0,6 Prozent beim realen Bruttoinlandsprodukt. Banca d'Italia

Tourismus gut, Export auf wackeligem Fundament

Besonders der Tourismus bleibt eine tragende Säule der Südtiroler Wirtschaft. 2025 wurden in Südtirol rund 38 Millionen Nächtigungen gezählt. Das ist ein neuer historischer Höchststand. Die Nachfrage stieg sowohl im Sommer als auch im Winter. Davon profitierten nicht nur Beherbergung und Gastronomie, sondern auch der Handel und Dienstleistungen.

Der Tourismus bringt nach wie vor Geld ins Land, aber darauf kann sich eine Wirtschaft nicht ausruhen. Die Industrie bleibt unter Druck. Besonders die Schwäche der deutschsprachigen Exportmärkte machte sich, laut dem Bericht der Banca d’Italia, bemerkbar. Die realen Ausfuhren der Südtiroler Unternehmen gingen 2025 um 0,4 Prozent zurück. Im Trentino fiel der Rückgang mit 4,3 Prozent noch deutlich stärker aus.

Tatsächlich zeigt der Blick auf das erste Quartal 2026 im aktuellen ASTAT-Bericht, dass Südtirols Export im Jahresvergleich mit einem Zuwachs von 0,9 Prozent auf 1,87 Milliarden Euro leicht zulegt. Hinter dem Plus stehen deutliche Verschiebungen: Während die Ausfuhren nach Deutschland und Spanien zunahmen, brach der Export in die Vereinigten Staaten um 25,6 Prozent ein. ASTAT und Banca d’Italia sind sich hier einig: US-Strafzölle und der Nahost-Konflikt üben starken Druck auf das internationale Handelsgefüge aus.

 

„Für die Stärkung weltweiter Wettbewerbsfähigkeit braucht es Maßnahmen: Bei den Energiekosten muss gehandelt werden, ebenso wie beim Bürokratieabbau.“

 

Der Unternehmerverband Südtirol wertet die Zahlen dennoch als Zeichen der Widerstandsfähigkeit der heimischen Betriebe. Der für Internationalisierung zuständige Vizepräsident Klaus Mutschlechner verweist auf die Bedeutung diversifizierter Absatzmärkte: Während die Exporte in die EU insgesamt rückläufig waren, konnten Zuwächse außerhalb der EU diesen Rückgang kompensieren. Mutschlechner führt aus: „Der Markt unserer Unternehmen ist immer globaler. Wir brauchen deshalb Maßnahmen, um die weltweite Wettbewerbsfähigkeit zu stärken: Bei den Energiekosten muss gehandelt werden, ebenso wie beim Bürokratieabbau.“

Mutschlechner trifft hier einen Punkt, der auch von der Banca d’Italia genannt wird: Südtirols Wirtschaft sei international stark vernetzt und gerade deshalb anfällig für Handelskonflikte, geopolitische Krisen und Transitprobleme.

ASTAT: Großteil der Exportkanäle Südtirols führen in europäische Länder. ASTAT Export

Nadelöhr Brenner

Der ASTAT-Bericht betont allerdings, dass 82 Prozent der Südtiroler Exporttätigkeit auf europäische Länder entfällt. In diesem Kontext bringt die Banca d’Italia im Bericht den Brennerkorridor als wirtschaftlichen Nerv der Wettbewerbsfähigkeit des Landes zur Sprache. Schätzungsweise rund 80 Prozent der Südtiroler und 60 Prozent der Trentiner Warenströme würden über diesen Korridor fließen. Eine Abhängigkeit, die Südtirol anfällig für Exportstörungen mache. Im Bericht wird indirekt Kritik an die von Österreich eingeführten Beschränkungen für den Schwerverkehr gerichtet – Maßnahmen, die sich zwar positiv auf Luftqualität, Verkehrssicherheit und Stausituation auswirken, jedoch ein Nadelöhr unter Druck setzen, das Italien mit dem restlichen Europa wirtschaftlich verbindet.

Bis der Brennerbasistunnel fertiggestellt ist, bleibe die Lage heikel: „Gerade während der Bau- und Übergangsphase könnten geringere Transitkapazitäten neue Probleme für das Verkehrssystem und damit auch für die lokale Wirtschaft verursachen“, heißt es im Bericht.

Wohnkosten und Gehälter klaffen auseinander

Nichts Neues: Der Immobilienmarkt hat die Menschen im Würgegriff. Die Wohnpreise stiegen in Südtirol laut Bericht im Jahr 2025 um 6,8 Prozent. Damit verteuerten sich Immobilien deutlich stärker als im Trentino mit 3,2 Prozent und auch stärker als im gesamtstaatlichen Durchschnitt mit 4 Prozent.

Während Immobilienpreise steigen, haben die Löhne langfristig an Kaufkraft verloren. Die Banca d’Italia verweist darauf, dass die realen Durchschnittslöhne im privaten Sektor 2023 in beiden Provinzen rund acht Prozent unter dem Niveau von 2008 lagen. Besonders ungünstig war die Entwicklung in den Bereichen Handel und Tourismus, also ausgerechnet in jenen Branchen, die für Südtirols Wirtschaftsmodell eine zentrale Rolle spielen. Zwar stiegen die Nominallöhne zuletzt wieder, doch die Inflationsjahre haben Spuren hinterlassen.

Europäische Zentralbank strafft Zinspolitik

Der ansonsten zerstrittene EZB-Rat hat heute im Einklang beschlossen, die drei Leitzinssätze der EZB um jeweils 25 Basispunkte anzuheben. In der offiziellen Aussendung heißt es: „Durch den Krieg im Nahen Osten entsteht Druck auf die Inflation. Der Beschluss zur Zinsanhebung ist robust gegenüber einer Bandbreite von Szenarien, die aufzeigen, wie sich der Schock entwickeln und auf die mittelfristigen Aussichten für den Euroraum auswirken könnte.“

Finanzexpertinnen und -experten erwarten weitere Zinserhöhungen, sollte sich die Lage im Nahen Osten nicht entspannen.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet dies, dass Kredite und Wohnbaufinanzierungen teurer werden. Gleichzeitig soll die Zinserhöhung helfen, die langfristig Inflation zu bremsen, heißt es von der EZB.

Ungerechtigkeit am Arbeitsmarkt

Auch das Gender-Gap bleibt ein Problem: Frauen nehmen seltener am Arbeitsmarkt teil als Männer und arbeiten deutlich häufiger in Teilzeit. Das wirkt sich auf Karrierechancen, Einkommen und langfristig auch auf Rentenansprüche aus. Besonders deutlich wird dies bei Frauen mit Betreuungspflichten. Laut Banca d’Italia bleibt familiäre Sorgearbeit einer der wichtigsten Gründe für das Verlassen des Arbeitsmarkts.

Arbeit: Frauen, junge Menschen und ausländische Arbeitskräfte stehen am Arbeitsmarkt schlechter da. ISTAT

Auch junge Menschen und ausländische Arbeitskräfte sind strukturell schlechter gestellt. Junge Beschäftigte arbeiten häufiger befristet, ausländische Arbeitskräfte sind stärker in niedrig qualifizierten Tätigkeiten vertreten. In Südtirol machten ausländische Beschäftigte zwar rund zehn Prozent der Erwerbstätigen aus, ihr Anteil beim nicht qualifizierten Personal lag aber bei über einem Viertel. Diese Konzentration in weniger stabilen und schlechter bezahlten Segmenten schlägt sich auch in den Löhnen nieder.

Die Wirtschaft im Land wächst also, Südtirol ist wohlhabend und Touristen lieben uns nach wie vor. Aber das Wachstum verteilt sich nicht automatisch gleichmäßig.