Der heilige Berg
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Zur kirchlichen und weltlichen Zukunft von Kloster Säben wurde bereits Vieles gesagt und geschrieben. Die Diözese hat nach dem Auszug der Benediktinerinnen 2021 dem orthodox-konservativen Lager in der katholischen Kirche zuzurechnendem Stift Heiligenkreuz im Jahr 2024 die Pilgerseelsorge übertragen. Kürzlich hat sich Hans Heiss in der Neuen Südtiroler Tageszeitung vom 23. Juni zu den aktuellen weltlichen Nutzungsplänen für das Kloster geäußert. Er ist der Überzeugung, dass diese auf der zwischen den kirchlichen und weltlichen Protagonisten ausgehandelten Formel „Aufwertung und Respekt“ beruhenden Pläne, den „Grundcharakter Säbens“ unwiderruflich zerstören und „das ganze Land eine spirituelle Bannzone von hohem Rang einbüßen“ würde.
Dieser Spur unseres „klügsten lebenden Südtirolers“ (Markus Lobis) möchte ich im Weiteren nun folgen und schauen, wohin sie führen kann.
Der erste, verständlichste, lauteste und gleichzeitig in seiner Alltäglichkeit und Erwartbarkeit banalste Reflex ist natürlich die Frage der ökonomischen Verwertbarkeit dieses geschichtsträchtigen Ortes. Unser von den kapitalistischen Kategorien der absoluten Zugriffsberechtigung auf alles Lebendige durchtränkte Denken kann sich etwas anderes gar nicht vorstellen, ja empfindet ein Ausbleiben dieses Reflexes als etwas Abartiges. Gleichzeitig zieht sich – hineinverwoben auch in die ökonomischen Planspiele - ein Wort wie ein unterirdischer Faden durch die Diskussion, ein Wort, das nie explizit verwendet wird, aber in Begriffen wie spirituell, geistlich, sakral, entschleunigt, sich berühren lasen, Kraftort, Kraftquelle, Auszeit, Ort der Ruhe, Rückzugsort, geistliches Zentrum usw. seine Signale an die Oberfläche sendet. Einzig in einem historisch säuberlich abgesicherten Bild wird dem Nicht-Sagbaren erlaubt, sich offen zu manifestieren: Säben, der „heilige Berg“. Da ist es, das so sperrige Wort: Das Heilige.
Reden wir also vom Heiligen und davon, wie schwierig ein solches Reden ist, weil es seit ziemlich langer Zeit in unserer aufgeklärten, säkularen, offenen Gesellschaft immer weniger öffentlichen Platz dafür gibt und nur im privaten Raum noch möglich ist. Schon vor 100 Jahren sprach Max Weber von der „Entzauberung der Welt“ als Folge der fortschreitenden Technisierung aller Lebensbereiche im Fahrwasser des Siegeszuges der Naturwissenschaften und ihrer reduktionistischen Erklärung der Welt.
Das Heilige entzieht sich rationalen Kategorien und das Misstrauen diesem Wort gegenüber ist angesichts seines vielfältigen Missbrauchs in Geschichte und Gegenwart verständlich – vor allem durch seine häufige Verbindung mit Formen von Macht. Gleichzeitig besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Geschichte der Menschheit auf das engste verbunden ist mit der Geschichte des Heiligen. Es gibt eine universelle menschliche Wahrnehmungsfähigkeit für eine Dimension des Seins, die tiefer als Ethik, Werte, Achtsamkeit oder Moral liegt, begrifflich kaum fassbar und nicht berechenbar ist und nur innerlich erfahren werden kann. Das Heilige kann sich zeigen als die Erfahrung von etwas Unermesslichem, Geheimnisvollem, Verehrungswürdigem, Erhabenem, Unantastbarem, das hinter den Erscheinungen existiert. Max Otte prägte 1917 in seinem Werk „Das Heilige“ dafür den Begriff des Numinosen, das von zwei Kräften getragen ist, dem mysterium fascinosum und dem mysterium tremendum.
Eine doppelte Sehnsucht nach dem Heiligen wohnt in uns Menschen - eine existenzielle nach Überwindung unseres Getrenntseins vom grenzenlosen Urgrund des Seins und eine historische/biographische nach Heimat, nach Getröstet- und Behütetsein, nach realer Erfahrung des „fürchtet euch nicht“ in einer kalten, orientierungslosen und auseinanderbrechenden Welt.
Nun trifft es die Stadt Klausen, um uns wieder einmal die Frage unserer Beziehung zum Heiligen nahezubringen. Die Antwort wird weder der Bischof, noch der Landeshauptmann, noch der Bürgermeister liefern. Noch wäre aber Zeit, viele kompetente Menschen einzuladen, die darüber sprechen könnten, in welch vielfältigen Formen wir Menschen in Vergangenheit und Gegenwart damit umgegangen sind und umgehen und wir könnten erkennen, was in unseren Erfahrungen bereits vorhanden ist und welche neuen Antworten für diese Welt zu finden wären. Die profane Welt rechnet und plant inzwischen zielgerichtet und konsequent weiter, so wie sie es immer schon tut. Wo bleibt ein solcher Arbeitsprozess auf der tieferen und umfassenderen Ebene? Geschieht er abgeschieden hinter den kirchlichen Mauern? Hat die Kirche, haben die Kirchen überhaupt noch die spirituelle Kraft, um den Funken des Heiligen in der Welt wieder zu entzünden? Wollen sie das überhaupt?
Das Heilige und das Profane. Drei von tausend Bildern. Wir erinnern uns an die Vertreibung der Händler aus dem Tempel: „Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes genannt werden. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle.“ Wir erinnern uns auch an den großen Bauernkrieg vor 500 Jahren und an die Landesordnung des Michael Gaismair, in der es keinen Zweifel an der Reihenfolge gab: „zuvörderst die Ehre Gottes und dann das gemeine Wohl“. Wir erinnern uns an den großen Kampf verschiedener Stämme des Volkes der Sioux in den vergangenen Jahren unter dem Leitsatz „Save the Sacred“ gegen die kommerzielle Nutzung von Land in den Black Hills und in der Standing Rock Reservation – Land, in dem seit alten Zeiten die heiligen Stätten ihrer Vorfahren liegen.
Könnte es sein, dass die politische und kulturelle Todeszone unserer Zeit auch mit den verwaisten Altären, auf denen nun die Dämonen hausen müssen, in Zusammenhang steht? Könnte als Antwort auf diese unerträgliche Ödnis anstatt Krieg, Hochrüstung, Gewalt und Ausbeutung von Allem die Gewissheit sichtbar werden, dass jener Friede möglich ist, von dem unser Herz weiß?
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Dieser Beitrag wurde zuerst auf dem Friedensblog Südtirol veröffentlicht:
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