Change | Overtourism

Südtirols Tourismus braucht Abkühlung

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Über Tourismus“ diese Woche in Bruneck forderte der Historiker Hans Heiss weniger Wachstum, mehr Steuerung – und einen breit angelegten Tourismus-Konvent.
Hans Heiss am vergangenen Montag bei der „Über Tourismus“-Eröffnung: „Der Summer isch ummer“, aber der Tourismus „läuft und läuft und läuft“. Bild: SALTO/ ML

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„Der Summer isch ummer“, begann Hans Heiss, Ururenkel der Tourismuspionierin Emma Hellensteiner und Spross der Besitzerfamilie des Elephanten in Brixen, seine Rede vor der Alten Turnhalle in Bruneck. Für den Tourismus gelte das allerdings nicht. Der brumme weiterhin und erinnere an den alten Werbespruch für den VW-Käfer: „Läuft und läuft und läuft“. Nur müsse man sich inzwischen fragen, „ob das Modell noch den Anforderungen der Gegenwart entspricht“.

Die Zahlen, die Heiss präsentierte, sind eindrucksvoll: Von 20 Millionen Übernachtungen 1981 stieg Südtirol zunächst relativ langsam auf 28 Millionen im Jahr 2010. Danach beschleunigte sich das Wachstum massiv. Für 2026 seien bereits rund 39 Millionen Nächtigungen absehbar. Auch die Bettenzahl habe trotz Bettenstopp weiter zugenommen.

CHANGE

Tourismus und Overtourism beschäftigen uns bei CHANGE in den Monaten September und Oktober. Unsere Partner bei der Bearbeitung und Vertiefung dieses Themenkomplexes sind der Heimatpflegeverband Südtirol, die Toblacher Gespräche, Politis und UFO Bruneck.

Hinter diesen Zahlen sieht Heiss eine „Revolution von Raum und Zeit“. Immer größere Hotels verändern Landschaft und Ortsbilder, mehr Gäste beanspruchen Straßen, Plätze, Berge und öffentliche Verkehrsmittel. Gleichzeitig verschwinden die klassischen Saisonen, Investitionszyklen werden kürzer und Gäste bleiben immer weniger lang. Im Durchschnitt sind es laut Heiss nur mehr 3,9 Tage. Südtirol drohe dabei zur touristischen Projektionsfläche zu werden: „Unser Land wirkt auf manche Reisende wie eine digitale Plattform.“ Man durchreise es, fotografiere und poste es, ohne Land und Leute wirklich wahrzunehmen.

Dabei lässt Heiss keinen Zweifel an der historischen Bedeutung des Fremdenverkehrs. Dreimal habe der Tourismus Südtirol aus schweren Krisen geholfen: während der Agrarkrise des späten 19. Jahrhunderts, bei der Abwanderung aus den ländlichen Räumen nach 1950 und schließlich mit dem Tourismusboom der 1970er-Jahre. Die Branche habe eine breite Mittelschicht entstehen lassen und Südtirol – wie Heiss bewusst salopp formulierte – mehrfach „faktisch den Arsch gerettet“. Auch die heutige Qualität der Hotellerie, Gastronomie und Dienstleistungen würdigte er ausdrücklich.

„Mit 50 Millionen Nächtigungen wäre Südtirol nicht mehr Südtirol.“

Doch dieser historische Bonus dürfe nicht zum Freibrief für unbegrenztes Wachstum werden. Aufgrund von Klimawandel und geopolitischer Unsicherheit könnte Südtirol nach Einschätzung von Heiss in sieben bis zehn Jahren problemlos 50 Millionen Nächtigungen erreichen. Als vergleichsweise kühle und sichere Alpenregion werde das Land zunehmend zur „Coolcation“-Destination. Die Konsequenz wäre allerdings fundamental: „Mit 50 Millionen Nächtigungen wäre Südtirol nicht mehr Südtirol.“

„Mit 50 Millionen Nächtigungen wäre Südtirol nicht mehr Südtirol.“: HPV-Obfrau Claudia Plaikner bedankte sich bei Hans Heiss für seine einführenden Worte. SALTO/ ML

Warum es genug sei, begründete Heiss mit drei „R“: Raum, Ressourcen und Risiko. Tourismus unterscheide sich von anderen Wirtschaftszweigen dadurch, dass er den gesamten Lebensraum als Produktionsgrundlage nutze. Landschaft, Ortszentren, Straßen, Züge und Berge seien gewissermaßen seine Werkbank. Besonders problematisch sei die Konkurrenz um Wohnraum: Während Wohnbauflächen seit 2013 kaum gewachsen seien, hätten touristisch verbaute Flächen laut Heiss um 67 Prozent zugenommen. Seine zugespitzte Bilanz: „Leistbar Urlauben ist leichter als leistbar Wohnen.“

Beim zweiten „R“, den Ressourcen, kritisierte Heiss den hohen Wasser-, Energie- und Flächenverbrauch sowie die geringe Verbreitung glaubwürdiger Nachhaltigkeitsstandards. 

Das dritte Risiko sieht er in der zunehmenden Konzentration des touristischen Kapitals. Immer mehr Familienbetriebe strebten in das Vier- und Fünf-Sterne-Segment. Mit höheren Renditen wachse die Möglichkeit, weitere Betriebe und Immobilien zu erwerben. Damit könnten mächtige touristische Akteure entstehen, die zunehmend auch Politik, Verwaltung und Immobilienmärkte beeinflussen. Als Warnbilder nannte Heiss Kitzbühel, St. Moritz und Saas-Fee.

ÜBER TOURISMUS

Die vom Architekturzentrum Wien (Az W) entwickelte Ausstellung „Über Tourismus“ untersucht die Auswirkungen des global wachsenden Tourismus auf Landschaft, Architektur, Mobilität, Klima und Gesellschaft. Nach Stationen in Wien, Innsbruck und München wird sie vom Heimatpflegeverband Südtirol in Bruneck gezeigt. Internationale Beispiele, Daten und alternative Strategien gehen der zentralen Frage nach: Wie kann ein Tourismus aussehen, der nicht zerstört, wovon er lebt?

8. September bis 25. Oktober 2026
Alte Turnhalle und NOI Techpark NOBIS, Bruneck
Eintritt frei. Mo–Fr 9–12 und 16–19 Uhr; Sa/So 10–16 Uhr (Wochenende nur Alte Turnhalle). Führungen und ein eigenes Vermittlungsprogramm für Schulen werden angeboten.

Seine Schlussfolgerung ist ungewöhnlich deutlich: „Die Devise für Südtirol kann aus unserer Sicht nur heißen: Rückbau und Reduktion.“ Dabei gehe es nicht um einen abrupten Schrumpfkurs, sondern um eine langfristige „Abkühlung der touristischen Überhitzung“. Der bevorstehende Generationenwechsel könne sogar Möglichkeiten eröffnen, Betriebe aufzugeben und touristische Kubatur in andere Nutzungen umzuwandeln.

Vor allem aber fordert Heiss einen neuen gesellschaftlichen Dialog. Ein mindestens einjähriger Tourismus-Konvent solle nicht von den Spitzen der Politik und Verbände dominiert werden, sondern Praktiker aus Tourismus, Mobilität, Raumordnung sowie Natur- und Landschaftsschutz zusammenbringen. Das Landestourismusentwicklungskonzept von 2022 könne dafür Ausgangspunkt sein.

Denn letztlich gehe es um mehr als die „Tourismusgesinnung“: Es brauche eine gemeinsame „Landesgesinnung“, die danach fragt, was Südtirol als Lebensraum guttut. Genau dazu versteht Heiss auch die Ausstellung als Einladung zum Streit und zum Dialog. Seine Rede endete mit einem Wortspiel, das zugleich deren politische Botschaft zusammenfasst: „Denn ‚Über Tourismus‘ steht unser Land, steht Südtirol.“

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