Wirtschaft | Porträt

Die Blumenbäuerin von Unterinn

Molekularbiologin Cecilia Mittelberger macht den Hof ihrer Eltern zum Reallabor: Der Betrieb stellt nicht nur Wein und Marmelade her, sondern züchtet auch Zierpflanzen.
Cecilia Mittelberger
Foto: Seehauserfoto
  • Die Marienkäfer krabbeln von dem Papierstreifen auf den Ast des kleinen Zitronenbaums. Die Pflanze steht im Gewächshaus des Föranerhofs, Cecilia Mittelberger will den Baum so vor Lausbefall schützen. Die Bäuerin und Forscherin am Versuchszentrum Laimburg lässt die schwarzen Marienkäfer mit roten Punkten aus einem durchsichtigen Behälter, groß wie ein Einweckglas, hinaus auf den Zitronenbaum.

     

    „Mir ist es deshalb wichtig, dass Frauen in der Landwirtschaft mehr Sichtbarkeit erhalten.“

     

    „Die Arbeit mit Nützlingen habe ich während meines Studiums in Bologna kennengelernt, seitdem nutze ich die teils nur millimetergroßen Insekten vor allem im Gewächshaus“, erklärt Mittelberger. Während dort Temperatur und Luftfeuchtigkeit je nach Bedarf eingestellt werden können, ist draußen die Landwirtschaft auf größerer Fläche immer stärkeren Wetterextremen ausgesetzt – synthetischer Pflanzenschutz sei hier deshalb oft die zuverlässigste Wahl.

    Der Föranerhof findet sich an den Südhängen am Ritten unterhalb des Dorfes Unterinn. Der Hof hat seinen Namen von den zahlreichen Föhren, die dort früher wuchsen, bevor Trockenheit und Hitze die Kiefernbaumart verdrängten. Die Anbaufläche von nicht ganz zwei Hektar bewirtschaftet die Familie Mittelberger weiterhin. Neben den Reihen der Weinreben stehen in den Gewächshäusern exotische Zimmerpflanzen, Topfblumen wie die Geranie und junge Gemüsepflänzchen. Hinter dem Haus wächst in den warmen Sommermonaten Beerenobst und vor dem alten Stadel gackern die Hühner. 

  • Marienkäfer: Die Nützlinge werden gegen Lausbefall eingesetzt. Foto: Seehauserfoto
  • Mittelberger, „Cilli“ genannt, wuchs auf dem Hof ihrer Eltern auf und führt ihn nun in fünfter Generation. Geplant war das eigentlich nicht. Cilli studierte in München an der Technischen Universität (TU) und an der Universität in Bologna Agrar- und Gartenbauwissenschaften. Ihr Doktorat in Molekularbiologie schloss sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ab. „Pflanzen haben mich schon immer interessiert und meine Mutter ermutigte mich, meine Ideen auszuprobieren“, sagt die Jungbäuerin. Als Kind versuchte sie, eine Kartoffel im Blumentopf zu überwintern, heute leitet sie am Versuchszentrum Laimburg in Pfatten eine Forschungsgruppe. 

    Dort beschäftigt sie sich mit der Auswertung von Millionen Datensätzen. Durch die technischen Fortschritte bei der Sequenzierung eines Genoms kann das Erbgut innerhalb weniger Tage in seine einzelnen Bestandteile aufgeschlüsselt werden. Ob Besenwuchs bei Apfelbäumen, die Goldgelbe Vergilbung bei der Rebe oder Stuhlproben von Patienten oder Patientinnen im Krankenhaus – die Daten liefern nicht nur Hinweise für die Schädlingsbekämpfung, sondern auch für die menschliche Gesundheit. 

  • Pflanzenzucht in den Bergen

    Knapp 30 Kilometer weiter nördlich auf 850 Metern Meereshöhe setzt Cilli ihre Erkenntnisse aus der Forschung, wenn möglich am Hof in die Tat um. Die wissenschaftliche Arbeit im Labor scheint ihr auch Antrieb für die täglichen Herausforderungen in der Landwirtschaft zu geben. Die 37-Jährige und ihr Partner entschieden vor rund sieben Jahren, den Betrieb zu übernehmen: Als die Neuverlegung der Gasleitung am Hof anstand und damit die Frage der Mutter, ob Cilli übernehmen will, willigte sie ein. 

    Seitdem hat sie mit ihrem Partner zwei Kinder bekommen und den Anbau von Jungpflanzen ausgebaut. Und der Föranerhof wurde zu einer kleinen Gärtnerei in den Bergen. Im Frühling verkaufen die Eltern von Cilly nicht nur den eigenen Wein, Sirup und Marmelade, sondern auch verschiedenste Topfpflanzen auf den Bauernmärkten in der Umgebung – vom Kaktus bis zum Salat. In diesen Monaten scheint die Arbeit auf dem Hof nie aufzuhören, auch der jüngere Bruder hilft mit und die kleinen Kinder von Cilli spielen mit der Oma. 

  • Cecilia Mittelberger: „Als junge Frau mit Kindern würde ich die Arbeit auf dem Hof und am Versuchszentrum ohne die Unterstützung der Familie nicht hinkriegen.“ Foto: Seehauserfoto
  • „Als junge Frau mit Kindern würde ich die Arbeit auf dem Hof und am Versuchszentrum ohne die Unterstützung der Familie nicht hinkriegen. Mir ist es deshalb wichtig, dass Frauen in der Landwirtschaft mehr Sichtbarkeit erhalten. Die Betreuung der Kinder hängt mit Entscheidungen zusammen, die auf politischer Ebene getroffen werden müssen“, sagt sie. 

    Als Gemeinderätin der SVP auf dem Ritten ist sie auch Mitglied des Landwirtschaftsausschusses in der Partei. Ihr wichtigstes Ziel sei es, den Südtiroler Bauernhöfen ein Auskommen zu garantieren, ohne „Bittsteller für Beiträge“ zu sein. „Wir sind als Bäuerinnen und Bauern nicht nur der Witterung ausgeliefert, sondern auch dem Lebensmittelmarkt“, betont sie. 

    Cecilia Mittelberger steht als Bäuerin für viele Frauen im Land, die am Hof unsichtbare Arbeit leisten. Die Vereinten Nationen haben deshalb 2026 zum Internationalen Jahr der Bäuerin erklärt. So wie die diesjährigen Preisträgerinnen des Agitu Ideo Gudeta Förderpreises verbindet ihr Betrieb erfolgreich alte Traditionen mit neuem Wissen.