Musik | Notensatz

Er macht Musik sichtbar

Eine Audio-Datei genügt und Dieter Viehweider zaubert daraus eine komplette Orchester-Partitur. Südtirols einziger Notensetzer bringt Töne zu Papier und beherrscht damit die Kunst, Töne sichtbar zu machen.
Über zwei Jahrzehnte lang führte Viehweider ein Doppelleben: Tagsüber Bankberater in Südtirol, nachts Notensetzer. : Mitten in der Corona-Pandemie gründete er seinen eigenen Musikverlag. Bekannte Komponisten erklärten ihn damals für verrückt. Bild: Peter Viehweider

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Dieter Viehweider aus Girlan war über 20 Jahre lang Bankberater. Mit 40 hängte er den Anzug an den Nagel, um sich ganz seiner Berufung zu widmen: Er ist Südtirols einziger hauptberuflicher Notensetzer. 

Wenn Dieter Viehweider erklären muss, was er beruflich macht, wählt er meist ein anschauliches Beispiel: „Kennst du das Gotteslob in der Kirche? Oder hast du schon mal nach Noten gespielt? Dass diese Notenhefte so schön ausschauen – genau das mache ich.“ Wenn er das erzählt, macht es bei seinen Gegenübern meist schnell „Klick“. Viehweider ist Notensetzer, Arrangeur und Gründer seines eigenen Musikverlags. Als er die Salto-Redaktion besucht, wird schnell klar: Hier sitzt kein trockener Erbsenzähler, sondern ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, Musiker und Schöngeist. 

Statt wie früher Hunderte Exemplare auf Risiko zu drucken, geht die Bestellung heute direkt aus dem digitalen Warenkorb an die Druckerei und wird als Einzelstück geliefert.: Sebastian Gabriel

Aus Faulheit zur Berufung

Dass Dieter Viehweider heute Musik Stück für Stück in akribischer Kleinarbeit auf das Papier bringt, hat ausgerechnet mit Faulheit zu tun. Nach den ersten musikalischen Gehversuchen auf der Ziehharmonika lernte er mit 14 Jahren Posaune. „Ich war schlichtweg zu faul zum Üben und Auswendiglernen“, lacht er. Stattdessen nahm er Posaunenpassagen mit dem Kassettenrekorder auf, spulte hunderttausendmal vor und zurück und schrieb Note für Note auf. „Ich habe das so lange getrieben, bis die Rückspultaste meines Kassettenrekorders gebrochen ist.“ 

„Ich fotografiere die Noten dann mit dem Kopf und spiele direkt vom Blatt – als hätte ich zehn Proben mitgemacht.“

Ein absolutes Gehör habe er nicht. Vielmehr war es die Zugposaune (die ja bekanntlich keine Ventile hat), die sein Gehör schulte, da man sich jeden Ton auf dem stufenlosen Zug exakt suchen muss. Was folgte, war pure autodidaktische Perfektionierung des sogenannten „Down-Notating“: das Herunterhören und Verschriftlichen von Audio-Aufnahmen. Wenn Noten vergriffen, unleserlich oder verschollen sind, kann Dieter Viehweider aus einer bloßen Tonaufnahme wieder die Partitur für ein ganzes Orchester herauslisten und transkribieren – am Computer umgesetzt mit der Profi-Software Finale, von der Piccolo-Flöte bis zur Pauke. Diese Fähigkeit verschaffte ihm auch als Musiker einen legendären Ruf: Er wird nicht selten angerufen, um spontan bei Konzerteinsätzen einzuspringen. „Ich fotografiere die Noten dann mit dem Kopf und spiele direkt vom Blatt – als hätte ich zehn Proben mitgemacht.“

MUNODI Musicnotation

Unter dem Namen MUNODI Musicnotation bietet Dieter Viehweider in Schreckbichl bei Girlan professionelle Dienstleistungen rund um die Musik an. Neben dem klassischen Notensatz und dem digitalen Auslesen von Tonaufnahmen transkribiert er historische Noten aus Vereins- und Klosterarchiven, ergänzt fehlende Einzelstimmen für Ensembles und betreibt einen eigenen Musikverlag für Südtiroler Komponisten. 

Der 16-Stunden-Tag und die Kunst des Zuhörens

Über zwei Jahrzehnte lang führte Viehweider ein Doppelleben: Tagsüber Bankberater in Südtirol, nachts Notensetzer. Wie extrem aufwendig dieses Handwerk ist, zeigt ein Großauftrag der Bürgerkapelle Gries, bei der er 35 Jahre lang mitspielte. Ein längst vergriffenes, sechsminütiges Orchesterwerk sollte für das Neujahrskonzert rekonstruiert werden. Viehweider hatte dafür ein halbes Jahr Zeit und kniete sich tief in die Materie hinein – ein Prozess, der höchste analytische Präzision erfordert: Zuerst muss er die Melodie in der Horizontalen erfassen – den dramaturgischen Faden, der sich durch die rund 250 Takte zieht. Er hört heraus, wie das Thema von Instrument zu Instrument weitergereicht wird: Erst spielen es die Klarinetten, dann übernehmen die Flöten, gefolgt von den Saxofonen und so weiter. 

Viehweider blendet dafür gedanklich das gesamte Orchester aus und isoliert in akribischer Hörarbeit Instrument für Instrument. 

Steht diese horizontale Linie, folgt die komplexe vertikale Arbeit: das vielschichtige Setzen aller einzelnen Register übereinander. Viehweider blendet dafür gedanklich das gesamte Orchester aus und isoliert in akribischer Hörarbeit Instrument für Instrument. Dabei muss er die Klangfarben und physikalischen Besonderheiten genau berücksichtigen: Während hohes Blech wie Trompeten in engen Dreiklängen am besten klingt, brauchen tiefe Register wie Posaunen oder Euphonien weite Abstände in Oktaven oder Quinten, damit der Klang unten herum nicht „waberig“ verschwimmt. „Damals habe ich zu meinem siebeneinhalb Stunden Bank-Job jeden Tag noch einmal acht Stunden Notensetzen drangehängt – über einen Monat lang. Danach war ich geistig völlig ausgelaugt“, erinnert er sich.

Dieter Viehweider und der Komponist Christoph Österreicher: Lena Kerschbaumer

Mit 40 Jahren zog er schließlich die Reißleine. „Ich habe mir gedacht: Wenn ich diesen Schritt jetzt nicht mache, mache ich ihn nie mehr. Ich fühle mich einfach als Künstler.“ Mitten in der Corona-Pandemie gründete er seinen eigenen Musikverlag. Bekannte Komponisten erklärten ihn damals für verrückt – doch moderne Print-on-Demand-Technik gab ihm recht. Statt wie früher Hunderte Exemplare auf Risiko zu drucken, geht die Bestellung heute direkt aus dem digitalen Warenkorb an die Druckerei und wird als Einzelstück geliefert. 

Sein Verlag versteht sich heute als Sprachrohr für Südtiroler Komponisten und Retter von musikalischen Schätzen. Häufig rettet er vergilbte Notenblätter aus alten Chor- oder Klosterarchiven vor dem Verfall, transkribiert sie neu und sichert die Urheberrechte – bei Bedarf in enger Abstimmung mit Verwertungsgesellschaften wie der AKM. Längst bedient er nicht mehr nur die Blasmusik, sondern arbeitet eng mit dem Südtiroler Chorverband, dem Verband für Kirchenmusik und dem Verband Südtiroler Musikkapellen zusammen, wohlwollend unterstützt vom Amt für deutsche Kultur. 

Permanent-Ausstellung im Musikhaus Bozen: privat

Wenn die KI mitlauscht

Wird ein so spezialisiertes Handwerk in Zeiten von künstlicher Intelligenz überhaupt noch gebraucht? Viehweider wird das oft gefragt und beobachtet die Entwicklungen im Netz sehr genau. „Mittlerweile gibt es Firmen, die digitale Dienste für das Herunterhören anbieten“, erzählt er. Berührungsängste hat er keine – im Gegenteil: Wenn der Terminkalender voll ist, nutzt er KI-Tools mitunter selbst als praktische Assistenten. „Nicht, weil ich es nicht gerne tue, sondern schlicht aus Zeitgründen.“ Das Feintuning, das Gespür für Klangfarben und das verlässliche Setzen am Ende bleiben aber reine Hör-und-Handarbeit. 

„Wenn es völlig verstimmt klingt, erinnert mich das an die Geige der Spinne Thekla aus Biene Maja. Damit kann man mich jagen!“ 

Den Spagat zwischen Berufs- und Familienleben meistert der Vater von zwei Kindern gemeinsam mit seiner Frau, die als Krankenpflegerin arbeitet und ihm den Rücken freihält. Oft setzt er sich erst spät nachts an den Schreibtisch, wenn E-Mails und Telefon schweigen und Stille einkehrt. Fragt man Dieter Viehweider nach seinen Lieblingsinstrumenten, antwortet er fast philosophisch: „Ich empfinde mich als Schöngeist. Alles, was einen goldenen Schnitt hat – egal ob Architektur, Auto, Mensch oder Musik –, finde ich toll. Jedes Instrument ist schön, wenn es gut gespielt wird.“ Nur bei einer Sache zieht der sympathische Notensetzer lachend die Grenze: „Wenn es völlig verstimmt klingt, erinnert mich das an die Geige der Spinne Thekla aus Biene Maja. Damit kann man mich jagen!“