Reizwort Lesekompetenz: hier schwächelt sogar die Südtiroler jeunesse dorée. Bild: Karola G./ Pexels
Gesellschaft | Sie haben gut reden

1:0 für die Schublade

Die Resultate der PISA-Studie 2025 liegen nun vor. Sie sind nur ein weiterer Beweis für das Schubladendenken im Bildungsbereich.

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Südtirol kommt insgesamt nicht allzu schlecht weg. Dass wir nicht eine kalte, sondern lediglich eine lauwarme Scheiße sind, haben wir, nota bene, den deutschen, nicht den italienischen Schulen zu verdanken. Ätsch bätsch. Dabei ist PISA nur eine der vielen Studien, bei denen je andere Resultate herauskommen. Doch egal ob PISA, IGLU oder TIMMS, die Sache ist insgesamt besorgniserregend. Nicht wegen des miesen Resultats des europäischen Teenagers, sondern wegen der Studie an sich: die Kalkulation des schulischen Reifegrads eines Pubertierenden durch eine dreistellige Zahl berechnen! Mögen die Schüler gute Noten erzielen, weil sie Freude am Erkunden der Welt haben, anstatt sich zu freuen, weil sie gute Noten haben. Doch genau Letzteres bringen wir ihnen bei. 

„Wie wollen wir dieses Wissen mit einer Zahl erfassen?“

Das zahlenmystische Bildungsmonitoring erinnert an die Arithmetisierung der Gesundheit, des menschlichen Glücks, der Sicherheit und nicht zuletzt an die Coronapandemie, als die Geschicke der Menschheit algorithmisch kalkuliert wurden. „I numeri decidono“ wie Mario Draghi im wildesten Sturm achselzuckend die Ausgangssperren rechtfertigte. 

Von politischer Seite wird ununterbrochen über Schule und Bildung parliert, doch niemals über die INHALTE der Bildung gesprochen. Welche Geldbeträge werden in Bildung investiert? Wie viele Stunden soll unterrichtet werden, welche Platzierung erlangt unser Land im internationalen Ranking, wieviel werden die Abgänger bestimmter Schulen später verdienen und so weiter. Wir treten gegeneinander bei einem Rennen an, doch haben wir gar keine Ahnung, wohin wir laufen sollen.

Ein Beispiel aus der PISA-Studie: die sogenannte Lesekompetenz, bei der sogar die Südtiroler jeunesse dorée schwächelt. Was tun wir eigentlich, so frage ich, wenn wir lesen? Wir stellen uns etwas vor, das heißt: wir sehen etwas vor unserem geistigen Auge, ja wir erleben etwas und sammeln Erfahrung. Oder wie Robert Musil sagte: „Wer liest, lebt viele Leben“. Besonders durch das Lesen von Romanen tragen wir Lebenserfahrung zusammen, woraus im besten Fall so etwas wie Reife, oder gar Weisheit entspringt. Klingt der Begriff in Ihren Ohren antiquiert, so können Sie auch Orientierungswissen dazu sagen. 

Meine Frage: Wie wollen wir dieses Wissen mit einer Zahl erfassen? Dieses Wissen besteht aus Vorstellungskraft (vis imaginativa), Gefühlsintensität, Fantasie, der Fähigkeit, Unsichtbares sichtbar werden zu lassen, Kritikfähigkeit sowie der edelsten aller menschlichen Kompetenzen: der Fähigkeit, sich in eine andere Person hineinzuversetzen. Kurzum, in all dem, was ein Computer nicht kann. Doch damit der Rechner das allzu Menschliche verdauen kann, pressen wir die Kompetenzen in ein Zahlenkorsett und glauben sie verstanden, weil bemessen zu haben. 

In Wahrheit haben wir nichts verstanden. Wir haben den Inhalt der Schublade angepasst, anstatt die Schublade nach dem Inhalt zu zimmern. 1:0 für die Schublade.

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