Das Design für den Wandel
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Markus Lobis: Kris, ich möchte mit dir ein bisschen zurückblättern an den Beginn deiner Tätigkeit in Bozen…
Kris Krois: Zum ersten Mal war ich 2002 als Lehrbeauftragter in Bozen, parallel zu meiner eigenen Designpraxis. Unterrichten und Workshops mit jungen Leuten haben mich schon damals gereizt, und ich habe das in den folgenden Jahren regelmäßig weiterverfolgt, auch an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Zugleich wurde ich zunehmend kritisch gegenüber meiner Arbeit am Markt als Designer, vor allem im Bereich Interaction Design, Digitales und Markenkommunikation. Als politisch denkender Mensch ließ sich das für mich immer weniger mit meinen eigenen Ansprüchen vereinbaren.
2012 bekam ich eine Professur an der Freien Universität Bozen. Dort entstand überraschend rasch die Idee, einen neuen Masterstudiengang zu gründen. Ich brachte den Vorschlag ein, Design sozial und ökologisch auszurichten, also weg von reiner Verkaufs- und Marketinglogik hin zu gesellschaftlich sinnvollen Anwendungen. Trotz Widerständen und Rückschlägen gelang es mit Unterstützung weiterer Mitstreiterinnen und Mitstreiter, den Master in Eco-Social Design 2015/16 zu starten.
Parallel dazu haben wir 2013 die erste By Design or by Disaster-Konferenz ins Leben gerufen, gemeinsam mit Alvise Mattozzi, Bianca Elzenbaumer, Fabio Franz und vielen anderen. Dahinter stand die Überzeugung, dass die Suche nach Alternativen im Design ein globaler, offener Suchprozess ist. Weil viele an ähnlichen Fragen arbeiten, ohne dass es fertige Antworten gibt, wollten wir einen Ort schaffen, an dem diese Akteurinnen und Akteure einmal im Jahr zusammenkommen und sich austauschen. Das ist bis heute die Grundidee der Konferenz, die inzwischen By Design and by Disaster heißt, weil die schädlichen Auswirkungen verschleppter Transformationsprozesse mittlerweile evident und unausweichlich sind.
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Zur Person
Kris Krois ist Professor an der Designfakultät der Freien Universität Bozen, Gründer des viel beachteten Studiengangs „Eco Social Design“ und treibende Kraft der „By Design and by Disaster Conference“, die seine Fakultät mittlerweile zum 14. Mal ausrichtet. Krois hat Design neu gedacht und in Bozen etabliert: als soziale und ökologische Praxis der Transformation, als kritisches Werkzeug und als Treiber der gesellschaftlichen Entwicklung auf dem Weg zur Nachhaltigkeit. Ein Rückblick auf die Anfänge in Bozen und die Entwicklung eines Studiengangs, der die Frage aufwirft, was Design leisten kann – jenseits von Produkten, Marken und Märkten.
Foto: unibz -
Design wurde stets sehr material- und objektbezogen definiert, du bist mit Alvise Mattozzi eine Verknüpfung mit der Soziologie eingegangen. Du hast also eigentlich eine neue Disziplin geschaffen, oder?
Ja, eben nicht ganz allein. Es ist ja oft so, dass man denkt, man habe eine besonders originelle Idee, aber in Wirklichkeit gibt es parallel andere, die auf ähnliche Gedanken kommen. Es gab auch schon früher Überlegungen in diese Richtung: Wie kann Design aus einer gesellschaftskritischen Perspektive heraus gesellschaftlich sinnvolle, sozial, ökologisch und politisch positive Veränderungen bewirken? Daran hatte zum Beispiel Victor Papanek in den 1970ern gearbeitet, unter dem Titel „Design for the Real World. Human Ecology and Social Change“.
Ungefähr zeitgleich mit uns ist an der Kunsthochschule Braunschweig ein Studiengang gestartet, der Transformation Design heißt. An der Angewandten in Wien wurde ebenfalls ein Master eingerichtet, den es bis heute gibt: Social Design. An verschiedenen Design- und Kunsthochschulen sowie Universitäten sind also vor etwa zehn bis fünfzehn Jahren transformationsorientierte, praxisbezogene Studiengänge entstanden.
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Wie würdest du diese Form des Eco-Social Design definieren? Was ist der Kern dieser Arbeit? Sie geht weit über das hinaus, was man sich klassisch unter Design vorstellt.
Ich glaube, wenn du zehn verschiedene Leute fragst, bekommst du auch zehn verschiedene Antworten. Das ist gar nicht so präzise definiert, und alle machen es etwas anders. Ich würde sagen, das grundlegende Anliegen ist, einen positiven gesellschaftlichen und ökologischen Wert zu generieren und nicht in erster Linie Profit am Markt. Manchmal kann beides zusammengehen, manchmal aber eben auch nicht.
„Kritische Wissenschaft fragt, warum es so viele Missstände gibt, woran das liegt, und will dann auch etwas daran ändern.“
Ihr seht euch also nicht primär wirtschaftlichen Interessen nachgeordnet, obwohl man klassischerweise meinen würde, Design unterstütze wirtschaftliches Handeln. Ihr habt euch davon abgekoppelt und sagt: Wir haben Haltung.
Genau. Wenn man es akademisch formuliert, würde man sagen: Es ist normativ. Kritische Wissenschaft schaut zuerst kritisch auf die Gesellschaft, fragt, warum es so viele Missstände gibt, woran das liegt, und will dann auch etwas daran ändern. Das gilt für die klassische Kritische Theorie genauso wie für feministische Herangehensweisen und andere kritische Ansätze. Die wollen nicht nur verstehen, sondern auch verändern. Das passt eigentlich ziemlich gut zum Design, weil Design ja immer etwas verändern will. Wenn man die Priorität des Profits einmal beiseiteschiebt und stattdessen fragt, was eigentlich wichtige Probleme sind, dann kann man ganz andere Dinge machen.
Das dürfte sich auch an der Art der Akteure widerspiegeln, die sich da zu Kooperationen zusammenfinden.
Eco-Social Design findet oft in sehr unkonventionellen Partnerschaften statt, etwa mit Akteuren der sozialen Arbeit wie dem Haus der Solidarität oder mit Officina Vispa; mit Initiativen des nachhaltigen und solidarischen ländlichen Wandels wie dem Malser Weg und der Bürgergenossenschaft Obervinschgau; mit sozialen Bewegungen wie Climate Action Südtirol; oder mit Basisorganisationen, die sich um Menschen kümmern, die in dieser Gesellschaft große Schwierigkeiten haben – Menschen, die auf der Straße leben, mit anderen schweren Problemen konfrontiert sind oder rassistischen Ressentiments ausgesetzt sind. Auch Institutionen können dabei eine Rolle spielen, etwa Wohlfahrtsverbände wie die Caritas oder öffentliche Einrichtungen. Das sind alles Akteure, die nicht in erster Linie am Markt agieren.
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By Design and by Disaster
Im April begleitet SALTO change die am 22. und 23. Mai in der Basis Schlanders stattfindende „By Desgin and by Disaster Conference“. Sie steht in diesem Jahr unter dem Motto „… and now?“ und beschäftigt sich mit Fragen und Erkenntnissen am Übergang zwischen Wissen und Veränderung. SALTO change wirft einen Blick auf das Programm, berichtet über die behandelten Themen, spricht mit den ProtagonistInnen und taucht tiefer in die Hintergründe ein.
Hier geht es zur Homepage der heurigen Konferenz, bis 30. April sind unter diesem Link Early-Bird-Anmeldungen möglich.
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Was ist in diesen Jahren bei By Design or by Disaster beziehungsweise By Design and by Disaster passiert? Welche Erfahrungen habt Ihr damit gemacht?
Insgesamt sehr, sehr gute. Einerseits haben wir in der Veranstaltung immer mit verschiedenen Formaten experimentiert. Es gab nicht nur klassische Vorträge, sondern auch Workshops, also sehr hands-on orientierte Formate. Uns waren auch immer Elemente wichtig, die sinnlicher Natur sind – bei denen Leute mit ihrem Körper etwas machen, bei denen Emotionen eine Rolle spielen.Es ging also nie nur um klassisch-akademisches, rein intellektuelles Engagement. Das auch, selbstverständlich. Aber eben immer auch um sinnliche Zugänge.
Das, was du sagst, ist – wenn man es politisch zuordnet – eher einer klassischen linken Perspektive zuzurechnen. Was entgegnest du den momentan stark nach vorne drängenden Konservativen und Rechten, die sagen: Nein, Design sollte sich eigentlich darum kümmern, dass die Wirtschaft gute Produkte hat?
Wenn Produkte in dem Sinn gut sind, dass sie unter Bedingungen hergestellt werden, die sowohl für die arbeitenden Menschen als auch für die Natur wohltuend sind – idealerweise regenerativ oder zumindest nicht zerstörerisch –, dann habe ich gar nichts dagegen, wenn diese Dinge auch am Markt funktionieren. Man muss sich nur bewusst machen, dass der Markt grundsätzlich immer auch exkludiert.
Selbst wenn es sehr gute, nachhaltige und fair produzierte Produkte gibt – und die gibt es, und es ist auch wichtig, dass gezeigt wird, was möglich ist –, dann sind diese Produkte meistens sehr teuer. Aus gutem Grund: Denn wenn weder ausgebeutete Menschen noch die Natur den Preis zahlen, dann zahlen eben die KonsumentInnen. Und dadurch können sich solche Produkte nur wenige leisten.
Wenn man deinen Gedankengang nachvollzieht – ich spitze das jetzt zu –, dann setzt du voraus, dass sich die gesellschaftlichen Prämissen ändern müssen und dass es entsprechende soziale Anforderungen gibt. Universitäten und akademischen Einrichtungen wird ja oft vorgeworfen, links orientiert zu sein, ein progressives Gesellschaftsbild zu vertreten und mit Wokeismus, Feminismus und so weiter die Gesellschaft zerstören zu wollen, jedenfalls aus Sicht der Rechten oder Konservativen. Was hältst du diesem Vorwurf entgegen?
„Die meisten Studiengänge und Forschungsarbeiten erzeugen eher systemerhaltendes, instrumentelles Wissen.“
Erstens stimmt das so nicht. Man muss sich nur die Uni Bozen anschauen: Die ist vorherrschend konservativ und neoliberal orientiert.
Zweitens setzen sich die tendenziell linken oder progressiven Kräfte, von denen da die Rede ist, für die Rechte von Frauen, für nichtmenschliches Leben, für Solidarität, gegen Diskriminierung und Zerstörung und stattdessen für Regeneration, Nachhaltigkeit, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit ein. Das sind alles Ziele, gegen deren Wünschbarkeit schwer zu argumentieren ist. Sie spiegeln sich ja sogar in den weithin anerkannten SDGs wider – etwa in Zero Poverty. Dagegen kann wohl niemand ernsthaft etwas haben. Die Frage ist eher, wie wir dorthin kommen.
Insofern wollen diese Kräfte keineswegs etwas zerstören. Sie wollen aber die ausbeuterischen Grundlogiken der bestehenden Gesellschaft, die offensichtlich sind, überwinden und durch andere Logiken ersetzen. Dass an Universitäten ein solcher Wille und eine solche Sichtweise heute allgemein vorhanden wären, kann man allerdings keineswegs voraussetzen. Die meisten Studiengänge und Forschungsarbeiten erzeugen eher systemerhaltendes, instrumentelles Wissen.
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Abschließend komme ich zurück zum Thema By Design or by Disaster, wie es am Anfang hieß. Was hat sich in diesen mittlerweile dreizehn Jahren in der Themenstellung oder in der Herangehensweise verändert? Konntet ihr einen Lernprozess organisieren, eine Lernkurve – und wie wirkt sich die aus?
Ja, auf jeden Fall. Ein zentraler Lernprozess liegt in der zunehmend kritischen Betrachtung von Gesellschaft und einer stärker kapitalismuskritischen Haltung. Es geht verstärkt darum zu verstehen, woher die heutige Gesellschaftsordnung kommt und wie sie andere Kulturen und Wirtschaftsformen im Zuge von Kolonialismus und Neokolonialismus marginalisiert oder vernichtet hat.
Diese Perspektive ist deutlich stärker ins Zentrum gerückt – nicht nur individuell, sondern insgesamt im Feld. Während im Social Design anfangs oft eher wohltätige, wenig transformative Projekte entstanden, steht heute die grundlegende Kritik und Veränderungen an der dominanten Wirtschafts- und Gesellschaftsform im Vordergrund.
Ein wichtiger Impuls kam dabei von der Klimabewegung, insbesondere durch den Slogan System Change, not Climate Change. Nimmt man das ernst, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem bestehenden System und möglichen Alternativen. Dabei greift man auf kritische Theorie und Praxis zurück – von Marx bis zu feministischen und dekolonialen Ansätzen.
Diese Perspektiven sind inzwischen auch im Design angekommen, zumindest in unseren Nischen. In der großen Mehrheit der Designausbildung und -praxis spielen sie jedoch weiterhin kaum eine Rolle.
Ihr habt die Zusammenarbeit mit Basis Vinschgau gewählt. Was waren die Gründe dafür?
Zunächst einmal ganz praktisch: Es ist einfach ein wunderbarer Ort. Es ist toll, in der Basis zu sein, und alle fühlen sich dort wohl. Gleichzeitig ist es ein ganz besonderer Ort, weil er in einer ländlichen Gegend liegt, die vor allem durch Tourismus und Apfelmonokultur geprägt ist. Also durch ein gewisses Monodenken, ein monokulturelles, mono-orientiertes Wirtschaften.
Und genau da bringt die Basis auf einmal eine enorme Vielfalt hinein. Irgendwo „in der Pampa“ entsteht plötzlich eine Form von Leben und Diversität, wie man sie eher aus Metropolen wie Berlin oder Wien kennt. Das ist etwas extrem Ungewöhnliches.
Und es ist das Werk von außerordentlich engagierten Visionärinnen, Visionären und starken Leuten, die sich das dort getraut haben und die das durchhalten. Deshalb sind das für uns auch ganz natürliche Partnerinnen und Partner.
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