Wir waren niemals Woke
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Dem Südtiroler Landtag gefällt der Dialekt nicht. Eine breite Mehrheit, auch Teile der deutschen Rechten, will die Alltagssprache aus dem Parlament verbannen. Die Gründe erscheinen pragmatisch und legitim: Verständigung, Zusammenleben, Minderheitenschutz. Aber die Art wie die Dialektdebatte geführt wird, zeigt auch einen unterschwelligen Konflikt: um Lebenswelten, Status, und darum, wessen Stimme in der Demokratie zählt.
Der US-amerikanische Soziologe Musa al-Gharbi hilft zu verstehen, warum. In seinem Buch We Have Never Been Woke. The Cultural Contradictions of a New Elite (Princeton University Press) stellt er eine einfache, aber unbequeme Frage: Warum sind es ausgerechnet die Gewinner der bestehenden Ordnung, die sich so leidenschaftlich mit den Marginalisierten identifizieren?
Die Gewinner, von denen er spricht, sind Menschen wie ich: Akademiker, Journalisten, Kulturschaffende, NGO-Mitarbeiter – „symbolische Kapitalisten“, deren Kapital nicht in Feldern oder Fabriken steckt, sondern in Sprache, Deutung und kultureller Zugehörigkeit. Auch in Südtirol schreiben wir die Kolumnen, führen wir die Debatten, prägen wir den Ton. Nicht alle von uns sind materiell privilegiert, ich selbst war über zehn Jahre in prekärer akademischer Anstellung. Aber als Klasse sind wir stark. Und wir rechtfertigen unseren Status, indem wir sagen, unsere Arbeit sei für andere. Daraus entsteht ein Statuswettbewerb mit eigenen Codes: die richtigen Begriffe, die richtige Ausdrucksweise, die richtige Art zu argumentieren. Wer sie beherrscht, gehört dazu. Wer sie nicht beherrscht, wird sanktioniert. Nicht weil es falsch liegt, sondern weil es falsch klingt. Dieser Mechanismus begünstigt Debatten im Namen der Marginalisierten, die dabei vor allem uns selbst nützen: unserem Status und teilweise auch unseren Arbeitsplätzen. Nicht, weil unsere Motive unehrlich sind. Sondern weil wir Eliten und Altruisten zugleich sind – und unsere Codes strukturell bestimmen, wessen Stimme als legitim gilt. Und wessen nicht.
„Ich bin kein Akademiker, ich bin kein Lehrer, ich bin der einzige Handwerker im Landtag“, sagt Hannes Rabensteiner. Er hat recht, und das ist kein Zufall. Die Politikwissenschaftlerin Lea Elsässer zeigt, dass Arbeiter und Handwerker in europäischen Parlamenten systematisch fehlen, vor allem in linken Parteien: nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil die Codes der Nominierungsprozesse gegen sie arbeiten. Er spricht Dialekt, bewusst als politisches Signal. Die Übersetzung hat dabei immer problemlos funktioniert. Cristian Bianchi von Forza Italia, der den Dialekt am lautesten kritisiert, nutzt den Dienst ohnehin, auch für Hochdeutsch. Wer die falschen Codes spricht, wird sanktioniert. Nicht weil ihn niemand versteht oder was er sagt, sondern weil er falsch klingt.
Symptomatisch dafür ist die Empörung über Dialekt im Landtag aus jenen Milieus, die von kultureller Deutungshoheit leben – wie ein Blick in die Kolumnen dieses Mediums zeigt. In Kommentaren wird Dialekt als sprachliches Defizit gerahmt; Dialektsprecher erscheinen als unprofessionell, provinziell, intellektuell unzureichend, und wer Wittgenstein nicht aussprechen kann, hat im Landtag nichts verloren. Andere sagen: im Privaten ist der Dialekt das Echteste, Intimste, Verwurzelteste. Aber im Landtag konstruiere er ein „Wir“, das Migrant:innen, Italiener:innen und Andere ausschließe und Grundrechte gefährde. Legitime Gründe, die sich aber auch als klassisches al-Gharbi-Muster lesen lassen: man bestimmt, wo Volkskultur hingehört und wo nicht, als Folklore gerne, im Parlament nicht. Die Verbundenheit zum Dialekt gilt als echt, solange sie privat bleibt. Sobald sie politisch wird, ist sie „beliebig konstruiert“ und ein Instrument. Und al-Gharbi würde weiterfragen: Nützt dieses Verbot wirklich den Migrant:innen und Italiener:innen? Wird ihre Lage dadurch verbessert?
Die Antwort, die implizit mitschwingt, lautet: ja, weil Dialekt ins Private gehört. Aber genau diese Trennung ist eine politische Entscheidung und keine neutrale. Die feministische Bewegung hat gezeigt, dass der private Raum immer durch den öffentlichen bedingt war: Der Mann hatte die politische und wirtschaftliche Macht, die Frau blieb unsichtbar zuhause. Was als privat galt, war das Ergebnis einer Ordnung, die bestimmte, wessen Erfahrung zählt. Den Dialekt ins Private zu verbannen, bedeutet nicht, ihn zu schützen. Es bedeutet, ihn aus dem Raum zu halten, in dem Macht ausgehandelt wird. Aber wenn das Private nicht politisch sein darf, wozu brauchen wir dann Politik? Für die PolitikerInnen?
Die Argumente der Verständigung und institutionellen Würde sind nicht falsch, aber sie werden zum Schutzschild gegen eine unbequeme Frage: Wessen Sprache gilt im Landtag als legitim? Ja, Dialekt konstruiert ein „Wir“. Die Hochsprache tut es auch. Sie konstruiert das „Wir“ der Gebildeten, der Sprachsicheren, der kulturell Arrivierten – jener, für die Hochdeutsch nicht Anstrengung, sondern Selbstverständlichkeit ist. Das ist keine neutrale Lingua Franca. Hochsprachen entstehen nicht natürlich, sie werden kodifiziert und als Norm gesetzt, meist von jenen, die bereits die Macht dazu hatten. Auch die „Nabelschnur in den Norden“ wurde von jemandem geknüpft. Warum gilt Dialekt als Ausgrenzung, Hochdeutsch als Demokratie?
Hier liegt Rabensteiners Geste tiefer, als wir zugeben wollen. Jacques Rancière beschreibt Demokratie nicht als geordneten Diskurs, sondern als den Akt, die Ordnung des Diskurses selbst zu befragen: wer sprechen darf, in welcher Sprache, nach welchen Regeln. Er nennt die Verwaltung dieser Ordnung „Policing“, die stillschweigende Festlegung dessen, was als vernünftig und parlamentswürdig gilt. Demokratie beginnt genau dort, wo diese Ordnung problematisiert wird. Rabensteiner tut genau das: Er spricht im Parlament die Sprache der Mehrheit der Bevölkerung und demokratisiert damit die Sprache des Parlaments. Ein Verbot „aus Respekt vor der Institution“ ist kein Demokratieschutz. Es ist Policing.
In einer Zeit der Repräsentationskrise, in der Parlamente fast nur noch Akademiker kennen und Macht immer mehr an Institutionen abgegeben wird, die niemand gewählt hat, sollten wir die Forderung des Maurers aus Villanders ernst nehmen.
Wow! - Wer das Land durch…
Wow!
- Wer das Land durch die Linse von Gleichberechtigung (- den Abbau von Diskriminierungen) und sozialer Gerechtigkeit verbessern will, verbindet Patriotismus - noch besser Demokratie- mit woken oder feministischen Idealen, und hinterfragt MachtStrukturenNormenWerte, die als patriarchalisch oder exklusiv gelten.
....so hab ich den Text verstanden.
Ja wär eh gut!
Antwort auf Wow! - Wer das Land durch… von Herta Abram
Genau so ist es Frau Herta,…
Genau so ist es Frau Herta,
Es geht um Diskriminierung und Ausgrenzung bestimmten Kategorien aus der politischen Entscheidung.
Die Standarddeutschsprecher präsentieren sich als Elite, die allein herrschen darf.
Antwort auf Genau so ist es Frau Herta,… von Evelin Grenier
eventuell, aber mein…
eventuell, aber mein Gedankengang geht über Dialekt versus Hochdeutsch, hinaus.
- es geht mir mehr, um eine grundsätzliche Bereitschaft zur Selbstreflexion in Politik| von PolitikerInnen. - bzw. Persönlichkeitsweiterentwicklungsbereitschaft, im PolitikerInberuf - überparteilich.
Z. B.: Rabensteiner: Die Beobachtung, dass sich patriotische Dialektsprecher diskriminiert fühlen, aber eigene diskriminierende Haltungen nicht reflektieren, beschreibt ein klassisches Phänomen der selektiven Wahrnehmung von Diskriminierung und mangelnder Selbstreflexion.
Antwort auf eventuell, aber mein… von Herta Abram
Demokratisches Verhalten…
Demokratisches Verhalten muss gelernt werden. Wenn wir uns mit unseren Mitbürger undemokratisch verhalten, können wir uns auch nicht erwarten dass sie es auch tun.
Natürlich denke ich auch über den Dialekt hinaus... Ich verstehe die Demokratie als Lebensform.
Es sprechen halt auch der…
Es sprechen halt auch der Handwerker und Bauer Deutsch. Denn auch unser Dialekt ist ein deutscher. Wir, die Deutschsprachigen, nat. auch Herr Rabensteiner sind deutsche Muttersprachler*innen. Also alles klar: die drei offiziellen Landessprachen gelten.
Ihr Beitrag ist fantastisch…
Ihr Beitrag ist fantastisch gut und bis ans Ende kohärent! Kompliment dazu. Ich finde aber die konkrete Lage im Landtag, auf die Sie Ihren Diskurs beziehen, ist nicht zur Gänze jene, von der Sie ausgehen. Es sind bei weitem nicht nur Akademiker im Landtag, sondern gar ziemlich einige Bauern (typischerweise in der Volkspartei), die sich allesamt bemühen, Hochdeutsch zu sprechen. Außerhalb der SVP aber auch Wirth Anderlan und Leiter Reber. Auch Miriam Atz und Bernhard Zimmerhofer sind meines Wissens keine Akademiker, und alle vier - dem heimatverbundenen Lager zugehörig - sprechen im Landtag augenscheinlich ohne größere Anstrengung Hochdeutsch.
Dolmetscher gibt es in Südtirol, aber wie wäre es mit der Verständlichkeit in Tirol, Niedersachsen oder Bayern, wenn ein Abgeordneter nicht von (allen) anderen verstanden wird? Die Amtssprache verbindet nun mal kleine geografische Einheiten zu einem größeren Ganzen.
Antwort auf Ihr Beitrag ist fantastisch… von Martin Daniel
Dieser Meinung bin auch…
Dieser Meinung bin auch. Wozu brauchen wir dann noch Deutschunterricht, wenn eh alle auf Dialekt reden können?
Nein. Ich halte es für eine sprachliche Minderheit in einem zentralistischen Nationalstaat gefährlich, sich ganz in den Dialekt zurückzuziehen.
Der Dialekt hat nicht die Kraft, sich an die durch den Zeitenlauf notwendigen Sprachveränderungen anzupassen. Er wird dann zu einer Kuriosität und die Dachsprache wird Italienisch.
Zudem ist der Landtag der Ort, wo Gesetze möglichst präzise formuliert werden müssen.
Wie kann das aber funktionieren, wenn selbst die Abgeordneten irgendwann nicht mehr der Standardsprache mächtig sind?
Es tut so gut und passiert…
Es tut so gut und passiert zugleich so selten, derart klug argumentierte Texte lesen zu dürfen.
diese Diskussion wird…
diese Diskussion wird wirklich geführt? *interessant. aber so richtig mindblowing wird es erst, wenn Akademiker im Dialekt sprechen. kawumm. :)
Mi scusi signor Scantamburlo…
Mi scusi signor Scantamburlo ma il suo tentativo di difesa del „dialetto dei poveri“ è storicamente ma anche filologicamente errato. I motivi per cui storicamente si è voluto introdurre una lingua standard in Italia ma anche in altri paesi del mondo è l’esatto contrario, ovvero per permettere a tutti, di qualsiasi ceto sociale o livello culturale, di capirsi. Questo almeno dal „De vulgari eloquentia“ di Dante in poi è stato il tema principale. Il fatto che un molto privilegiato muratore, così come altri molto benestanti cosiddetti agricoltori di Caldaro, pensino di poter imporre la loro parlata al mondo - che poi capirsi in dialetto da Caldaro a Villandro sarebbe dura - è solo indizio di prepotenza e mancanza di vedute. Da persona che la dialettologia l’ha studiata come accademica, come mi pare Lei dica di essere - mi permetto di fare notare che nell'800 il vezzo di parlare e scrivere in dialetto era proprio degli aristocratici e dei ceti benestanti, che però sapevano bene anche le lingue antiche e moderne. Il popolo ha sempre preferito capire quello che gli altri, come l’avvocato Azzeccagarbugli, volevano propinare. Ma non siamo più nel 600, siamo in una democrazia e i signori privilegiati possono fare lo sforzo di farsi capire, senza che per questo occorra indignarsi, ma dicendolo chiaramente.
Antwort auf Mi scusi signor Scantamburlo… von Simonetta Lucchi
In Deutschland wird seit…
In Deutschland wird seit über 10 Jahren darüber diskutiert, ob auch Analfabeten in den Bundestag gewählt werden können. Und die Antwort ist - logischerweise - ein klares JA! Jeder Staatsbürger über 18 Jahre kann in den Bundestag gewählt werden, das verlangt das Grundgesetz und der gesunde Menschenverstand.
Aber es enthebt den oder die Gewählte nicht der - durchaus logischen - Anregung, nach der Wahl auch Kurse zu besuchen, um dem Analfabetismus zu entfleuchen....
Sehr guter Beitrag! Mir…
Sehr guter Beitrag! Mir fällt v.a. zu den ersten Absätzen ein Muster ein, das ich in Debatten wiederholt wahrgenommen habe und nun besser einordnen kann:
Ich sage immer wieder, Protestparteien seien auch deswegen so erfolgreich, weil die „normalen Bürger“ das Gefühl haben, alles Andere sei den machthabenden Parteien wichtiger als ihre Anliegen. Die Assoziation der Privilegierten mit den Marginalisierten erklärt dieses Muster.
Besonders problematisch finde ich, dass allein schon die Verwendung des (zugegeben populistisch gewählten) Begriffs „normale Bürger“ bereits starke Missbilligung und Ablehnung hervorruft, weil dieser Begriff angeblich diskriminierend gegen jene Minderheiten sei, für die sich die von Matthias genannten Machteliten so gerne stark machen.