Musik | Neue Musik

„Die Nische ist viel spannender“

Der Komponist Hannes Kerschbaumer leitet seit 2026 die Fachgruppe Musik im Südtiroler Künstlerbund. Ein Gespräch über neue Wege und Unerwartetes in der Kunst.
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SALTO: Herr Kerschbaumer, welche zentralen Herausforderungen sehen Sie als neuer Fachgruppenleiter beim Südtiroler Künstlerbund vor sich? 

Hannes Kerschbaumer: Es wurde in den letzten Jahrzehnten natürlich schon sehr viel Positives aufgebaut – mein Vorgänger Josef Lanz hat diese Arbeit immerhin knapp über 20 Jahre lang geleistet. In den vergangenen Jahren haben wir viele junge Mitglieder dazubekommen, wodurch sich die Ausrichtung nun stark in ganz neue Richtungen bewegt. Eine spannende Aufgabe wird es sein, Kooperationspartner außerhalb der reinen Instrumentalmusik zu finden und andere Disziplinen wie Bildende Kunst, Literatur oder Architektur viel stärker einzubinden. Aus diesen unterschiedlichen Sparten können sich im positivsten Sinne wertvolle kreative Reibungen ergeben. Auch Projekte im Bereich von Tanz und Choreografie finde ich extrem reizvoll – also Musik nicht nur als „absolute Musik“ zu begreifen, sondern zu schauen, was im Dialog mit dem menschlichen Körper passiert. 

Ein weiteres großes Anliegen ist mir der Austausch über die Landesgrenzen hinaus.

Darüber hinaus müssen wir kritisch hinterfragen, wie zeitgenössische Musik heute in einen Dialog mit der Gesellschaft treten kann. Das klassische Konzertformat wird es immer geben, aber wir müssen diese Formate überdenken und Musik in Bereichen positionieren, wo sie in Synergie mit anderen Elementen ihre Kraft entfalten kann. Ein weiteres großes Anliegen ist mir der Austausch über die Landesgrenzen hinaus. Ich möchte Projektpartner außerhalb Südtirols finden, um mit dortigen Künstlergruppierungen in einen aktiven Austausch zu treten – etwa durch gegenseitige Konzertgastspiele, damit die Musik in Bewegung bleibt. 

Welchen Platz hat Ihrer Meinung nach die zeitgenössische Musik in unserer heutigen Gesellschaft? 

Sie kann einen sehr vielfältigen Platz einnehmen. Wenn wir dezidiert von Neuer Musik sprechen, bewegen wir uns natürlich in einer Nische. Aber ich finde Nischen heutzutage ohnehin viel spannender als den typischen Mainstream. Dieser kritische Zugang und die Möglichkeit zur freien künstlerischen Entfaltung sind gesellschaftlich nach wie vor enorm wichtig. In der Kunst besteht heute oft die Gefahr, alles in Zahlen fassen zu wollen und nur nach dem messbaren Output zu fragen. Das ist ein großes Problem. Gerade in der Kunst sollte man sich die Freiheit bewahren, völlig offen neue Felder zu erschließen. Dieser Akt des Erschließens ist die eigentliche Aufgabe der Kunst. Wie das Ganze am Ende eingeordnet wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber das freie Tun-Können ist der zentrale Aspekt. 

Zur Person: Hannes Kerschbaumer

  • Herkunft & Lehre: Geboren 1981 in Brixen, studierte Komposition in Graz und Basel. Seit 2020 lehrt er Harmonielehre und Analyse am Konservatorium Bozen. 

  • Werk & Bühnen: Seine Stücke wurden bei renommierten Festivals wie Wien Modern, Transart oder den Darmstädter Ferienkursen uraufgeführt. 

  • Kooperationen: Zusammenarbeit u. a. mit dem Klangforum Wien, dem Arditti Quartet, dem Haydn Orchester sowie dem Orchestra del Teatro La Fenice

  • Preise & Initiativen: Er erhielt u. a. das Staatsstipendium für Komposition (2016), den Erste Bank Kompositionspreis (2017) und gewann den Musiktheater-Wettbewerb der Stiftung Haydn. Zudem ist er Mitbegründer des ensemble chromoson

  • Hannes Kerschbaumer – Komponist – composer

Was waren für Sie rückblickend die bisher bedeutendsten Meilensteine in Ihrer Karriere als Komponist? 

Das ist immer schwer zu sagen, da es verschiedene Höhepunkte gab. Ein wichtiger Bereich war das Musiktheater, wo unterschiedliche Kunstformen zusammenfließen. Ich erinnere mich sehr gerne an den Fringe-Kompositionswettbewerb der Stiftung Haydn im Jahr 2019. Damals konnte ich ein Musiktheaterprojekt auf der Studiobühne des Theaters in Bozen realisieren – gemeinsam mit Musikern des Haydn-Orchesters und externen Gästen. Ein weiterer Meilenstein war 2017 der Gewinn des Erste Bank Kompositionspreises. Das war für mich wie ein kleiner Ritterschlag, da damit eine monografische CD-Produktion beim renommierten Kairos-Label verbunden war. Zudem gab es in diesem Rahmen drei Konzerte mit dem fantastischen Klangforum Wien. Das sind zwei Höhepunkte, die mir beruflich vieles ermöglicht haben. 

Hannes Kerschbaumer - Umfaltet
Hannes Kerschbaumer

Wo liegen Ihre musikalisch-ästhetischen Ideale und wie übertragen Sie diese in Ihre Werke – etwa wenn Sie Prinzipien aus der Geologie nutzen? 

Für mich ist es wichtig, dass Musik unmittelbar körperlich wirkt. Ich hoffe, dass meine Musik das schafft: Dass man sich in sie hineinbegibt und sie weniger über den Intellekt als vielmehr über den Körper aufnimmt. Es geht um das pure Empfinden und Erleben von Klang in seiner energiereichsten Form. Mich fasziniert dabei die Klangforschung an traditionellen Instrumenten sowie die Idee, musikalische Strukturen aus ganz anderen Bereichen wie der Geologie abzuleiten. 

Eine Welle baut sich auf, bewegt sich und bricht an einem bestimmten Punkt.

Im letzten Jahr habe ich beispielsweise ein Stück für Kontrabassklarinette und Elektronik komponiert, das in einem Innsbrucker Schwimmbad aufgeführt wurde. Dabei habe ich mich mit der Dynamik von Wellen beschäftigt. Eine Welle baut sich auf, bewegt sich und bricht an einem bestimmten Punkt. Diese physikalische Gestik lässt sich wunderbar in die Musik übersetzen – in diesem Fall über wellenartige Bewegungen in der Melodieführung der Kontrabassklarinette. In Kombination mit der Elektronik und dem Einsatz von Unterwasserlautsprechern entstand eine dreidimensionale Klangskulptur, welche die Struktur von Wellen musikalisch nachbildet. 

Wenn Sie mit solch ungewohnten Klangwelten experimentieren: Wie leicht oder schwer ist es eigentlich, das Publikum für Neue Musik zu begeistern? Wie groß ist das Interesse? 

In den großen Ballungszentren ist es tendenziell einfacher, in der Peripherie manchmal schwieriger. Man kann das aber nicht pauschalisieren; es hängt stark davon ab, wie man die Menschen an die Musik heranführt. Oft leidet die zeitgenössische Musik unter dem Vorurteil, sie sei rein intellektuell, zu komplex und schwer verdaulich. 

Wenn man diesen Entdeckergeist mitbringt und sich wertfrei darauf einlässt, ist es ein wunderbarer Ort. 

Wir müssten die Vermittlung einfach positiv umformulieren: Neue Musik ist ein Ort, an dem man das Unerwartete, das Spannende und das Unbekannte ganz unvoreingenommen erfahren kann. Wenn man diesen Entdeckergeist mitbringt und sich wertfrei darauf einlässt, ist es ein wunderbarer Ort. Natürlich wirken die Klänge oft extrem, weil traditionelle Parameter wie die klassisch-romantische Harmonik oder Rhythmik völlig neugestaltet und neue Wege beschritten werden.

Neue Musik ist ein Ort, an dem man das Unerwartete, das Spannende und das Unbekannte ganz unvoreingenommen erfahren kann.: InnStrumenti

Sie lehren auch am Konservatorium in Bozen. Wie verändert dieser Austausch mit den Studierenden Ihren eigenen Blick auf das Komponieren? 

Ich empfinde diesen Austausch als eine enorme Bereicherung. Die romantische Vorstellung vom Lehrer, der den Schülern einfach nur die Welt erklärt, greift zu kurz – es ist ein ständiges Geben und Nehmen. Oft gehe ich nach dem Unterricht nach Hause und bin fasziniert von der Fülle an Ideen, die im Raum standen; auf manche dieser Ansätze wäre ich selbst nie gekommen. Meine Aufgabe sehe ich eher darin, den Studierenden Hilfestellung zu geben, damit sie sich ihrer eigenen Ideen bewusstwerden und lernen, diese präzise auszuformulieren. Es ist faszinierend zu sehen, wie Dinge völlig neu interpretiert werden. In der Kunst entstehen aus vermeintlichen Fehlinterpretationen oder Missverständnissen oft die absolut großartigsten Sachen.