Das sind keine Hasenzüchter: „Wann hat die Gemeinde Kaltern vor, sich endlich mal dazu zu äußern, was in ihrem Dorf eigentlich abgeht und wie man in Gottes Namen dazu kommt, einen offen rechtsextrem auftretenden Verein beim Dorfturnier mitmachen zu lassen?“ Bild: Antifa Meran, Montage: SALTO
Gesellschaft | Fritto Misto

Aufwachen, jetzt!

Der Rechtsextremismus zeigt sein Gesicht und keinen interessiert’s: Das ist verheerend.

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Diesmal hab ich’s nicht mit dem Herrn, der längst keinen Hehl mehr daraus macht, wo er politisch steht. Der unverhohlen mit Rechtsextremen sympathisiert, sich mit rassistischen Gesten ablichten lässt, der keine Gelegenheit auslässt, aufzuhetzen und hasserfüllte Parolen zu verbreiten. Der viel zu lange als bloßer Provokateur und enfant terrible abgetan wurde, dem man nur nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken dürfe, und der dieses Schulterzucken geschickt genutzt hat, um immer noch eins draufzusetzen, immer noch einen Schritt weiterzugehen in den Bereich dessen, was man vor gar nicht allzu langer Zeit für unsagbar hielt. Man muss nicht die hellste Kerze sein, um einen Flächenbrand auszulösen; das gelingt auch kleinen Lichtern.

„Wie wär’s mit klaren Worten, die Rechtsextremismus als solchen benennen?“

Ich nehme mir auch nicht seine Gleichgesinnten und seine Anhänger vor, die zufrieden applaudieren und ein wenig neidisch schauen auch vielleicht, weil er es schafft, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um die allein es ihnen ja letztlich geht mit ihrem gehässigen Geschrei. Die Populisten wie einen Sven Knoll mit seinen süffisanten Sprüchen, hinter denen nichts als heiße Luft steckt, den Nazi-Tourismus einer Melanie Mair, die kritische Medienberichte mit Lach-Emojis versieht, weil ja alles so lustig ist, diese Hetze und Aufwieglerei, dieses Spiel mit der Angst vor dem Unbekannten und dem sozialen Abstieg von jenen, die es nicht besser wissen können oder wollen. 

Ich nehme mir ein wenig die Politiker und Politikerinnen zur Brust, die mit Obengenanntem im Landtag sitzen und auf seine jüngste Entgleisung, sein freimütiges Outing eigentlich, so halbgar und lauwarm reagieren – wenn sie denn überhaupt reagieren – dass man sich unwillkürlich fragt, wo sie selbst denn eigentlich stehen. Es sei jetzt wichtig, ganz genau hinzuschauen, meint Elisabeth Rieder vom Team K: Wozu? Wir haben genug gesehen. 
Man habe noch nicht wirklich einen Linie im Umgang mit solchen Akteuren gefunden, meint Brigitte Foppa: No na, dann wird’s aber Zeit jetzt. 
Es sei traurig, aber er könne als Präsident des Landtags keinerlei konkrete Maßnahme ergreifen, bedauert Angelo Gennaccaro: Wie wär’s mit klaren Worten, die Rechtsextremismus als solchen benennen? 
Die SVP habe ja eh ihre Aufgabe gemacht und Beschlussanträge von JWA abgelehnt, meint Harald Stauder – anders als die Schmuddelkinder von Team K und den Grünen, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Der mit Abstand peinlichste Kommentar in der Causa, weil absurd (Beschlussanträge ablehnen ist die Werkseinstellung der SVP, plus: schon vergessen, wer euer Koalitionspartner ist?) und stänkerisch zugleich. 

Ein Arnold Schuler gibt zumindest zu, dass man zu lange zugeschaut habe, der Landeshauptmann fordert ein geschlossenes Auftreten aller Kräfte gegen diese Entwicklung und stellt eine parteienübergreifende Positionierung dazu in Aussicht: Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, meint er auf Nachfrage. Es darf gern konkreter werden. Wer wirklich Tacheles spricht, ist Andreas Leiter Reber, dafür heimst er auch zurecht Dank von links bis rechts ein, und er stellt auch die Frage, die mich hier umtreibt: Wo bleibt eigentlich der kollektive Aufschrei?

„Warten wir auf den Hitlergruß, bis zu dem es ja wirklich nur mehr ein kleiner Schritt ist?“

Okay, es ist heiß, viele sind jetzt im Urlaub, JWA nervt generell: Man will sich seine ermatteten Kräfte gut einteilen und sich auch lieber mit erfreulichen Dingen beschäftigen. Aber wieso schaffen wir es, uns über den Wasserverbrauch der Touristen, den Verkehr auf den Pässen, die Preise in den Almhütten maßlos aufzuregen, das rechtsextreme Gebaren eines Landtagsabgeordneten (den bezahlen wir) ringt den meisten aber nur ein müdes Achselzucken ab? Haben wir schon aufgegeben, dem Einhalt gebieten zu wollen oder warten wir auf den Hitlergruß, bis zu dem es ja wirklich nur mehr ein kleiner Schritt ist? 

Wo bleiben die Stellungnahmen von Kunst und Kultur, von Schule und Bildung, von Jugendorganisationen und Anti-Diskriminierungseinrichtungen, von Heimatbund und Jagdverein? Es geht ja alle an, er ist ein Volksvertreter. Wo bleiben die Rücktrittsforderungen, geäußert von führenden Köpfen der lokalen Medien- und Meinungslandschaft? Und wann hat die Gemeinde Kaltern vor, sich endlich mal dazu zu äußern, was in ihrem Dorf eigentlich abgeht und wie man in Gottes Namen dazu kommt, einen offen rechtsextrem auftretenden Verein beim Dorfturnier mitmachen zu lassen als wären es die Hasenzüchter? Ist eh alles nur mehr wurscht? Wo bleiben die Petitionen, die Aktionen? 

Die nächste Landtagssitzung findet am 8. September statt. Ist man bis dahin denn nicht imstande, etwas auf die Füße zu stellen, um das zu verdeutlichen, was derzeit untergeht, nämlich: Dass die Mehrheit mit dieser stetigen Normalisierung von Rechtsextremismus nicht einverstanden ist? Denn Schweigen ist zu wenig. Schweigen trägt dazu bei, dass es genau in diese Richtung weitergeht.