Change | Overtourism

„Wir müssen über das Maß reden“

Der Heimatpflegeverband Südtirol (HPV) bringt die Frage aufs Tapet, ob und welche Grenzen die touristische Entwicklung haben sollte. Wir haben mit Obfrau Claudia Plaikner über die Positionen ihres Verbandes zu dieser Problematik unterhalten.
Bild: SALTO/ ML

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SALTO: Frau Plaikner, beginnen wir mit der Vorgeschichte. Warum holt der Heimatpflegeverband eine Ausstellung über Tourismus nach Südtirol? Wie ist es dazu gekommen?

Claudia Plaikner: Der eigentliche Anstoß kam von Hans Heiss. Er hat „Über Tourismus“ in Wien gesehen und gemeint: Diese Ausstellung müssen wir nach Südtirol holen. Und damit hat er uns tatsächlich begeistert und mobilisiert. Uns war schnell klar, dass die Themen, die dort auf einer globalen Ebene behandelt werden, sehr viel mit Südtirol zu tun haben. Fast in jedem Kapitel erkennt man Situationen wieder, die wir auch hier kennen.

„Tourismus ist zunächst einmal ein Versprechen des guten Lebens.“

Die Ausstellung nach Südtirol zu übernehmen, war durchaus eine Herausforderung. Umso wichtiger war uns, sie nicht einfach eins zu eins zu zeigen, sondern Südtiroler Perspektiven einzubauen – etwa Arbeiten von Schülerinnen und Schülern zu Übertourismus, Skitourismus und der Frage nach einem lebenswerten Ort sowie die künstlerische Arbeit von Muriel Senoner.

CHANGE

Tourismus und Overtourism beschäftigen uns bei CHANGE in den Monaten September und Oktober. Unsere Partner bei der Bearbeitung und Vertiefung dieses Themenkomplexes sind der Heimatpflegeverband Südtirol, die Toblacher Gespräche, Politis und UFO Bruneck.

Was hat Sie an der Ausstellung besonders angesprochen?

Dass sie Tourismus nicht einfach als Problem darstellt. Tourismus ist zunächst einmal ein Versprechen des guten Lebens. Reisen bedeutet Freiheit, Neugier und Begegnung. Und Tourismus bedeutet natürlich auch wirtschaftliche Entwicklung, Einkommen und Arbeitsplätze. Aber irgendwann stellt sich die Frage nach dem Maß. Ich habe bei der Eröffnung dafür das Bild der Eiskugel verwendet: Eine weitere Kugel bedeutet nicht automatisch mehr Genuss. Irgendwann läuft der „Cono“ über. Beim Tourismus ist es ähnlich. Wir sollten nicht nur fragen, wie viele Menschen einen Ort besuchen möchten, sondern wie viele Menschen ein Ort verträgt, ohne seinen eigenen Charakter und seine Lebensqualität zu verlieren.

„Wer entscheidet eigentlich darüber, wie viel Tourismus ein Ort verträgt?“


Ist Südtirol an diesem Punkt angelangt? Haben wir zu viel Tourismus?

Ich glaube, die entscheidende Frage ist nicht einfach: Tourismus – ja oder nein? Die Herausforderung besteht nicht darin, Tourismus zu verhindern. Wir müssen vielmehr darüber reden, wo Belastungsgrenzen liegen und wie wir Gemeinwohl und wirtschaftliche Interessen miteinander ausbalancieren. Wenn Millionen Menschen dieselben Orte besuchen, wenn Wohnraum zu Ferienunterkünften wird, öffentliche Räume ihre Funktion für die Bevölkerung verlieren oder Natur und Infrastruktur an Belastungsgrenzen kommen, dann müssen wir fragen: Wer entscheidet eigentlich darüber, wie viel Tourismus ein Ort verträgt?


Was hat das mit Heimatpflege zu tun?

Sehr viel. Ein Ort ist eben nicht nur ein touristisches Produkt. Eine historische Altstadt ist keine reine Kulisse, ein See keine reine Ressource, eine Passstraße kein Parcours und eine Berglandschaft kein Freizeitpark. Und eine Wohnung ist zunächst einmal ein Zuhause. Wenn wir über Heimatpflege reden, reden wir deshalb auch über Lebensräume. Darüber, wie Landschaft genutzt wird, wie sich Dörfer und Städte verändern und ob sie für die Menschen, die dort leben, lebenswert bleiben. Tourismus greift in all diese Bereiche ein.


Dann ist Heimatpflege heute nicht einfach Bewahren?

Nein, es geht nicht darum, alles so zu erhalten, wie es einmal war. Veränderungen gehören dazu. Aber wir müssen darüber diskutieren, welche Veränderungen wir wollen und welche Folgen sie haben. Genau dazu soll diese Ausstellung einen Anstoß geben: nicht nur anschauen, sondern darüber reden und weiterdenken.

Small Talk in den Ausstellungsräumen von „Über Tourismus“: „Die Ausstellung stellt genau diese Frage: Wie viel Tourismus verträgt ein Ort?“ SALTO/ ML

Sie haben bei der Eröffnung gefragt: Für wen soll ein Ort da sein – für die Gäste, für die Menschen, die dort leben, oder für jene, die dort wirtschaften?

Die Antwort kann eigentlich nur lauten: für alle. Aber gerade deshalb braucht es eine Debatte über das Maß. Die verschiedenen Interessen sind ja real und legitim. Sie müssen aber miteinander in ein Gleichgewicht gebracht werden. Die kurzfristigen Interessen Einzelner dürfen nicht dazu führen, dass die Lebensqualität eines Ortes insgesamt verloren geht.


Wo liegen für den Heimatpflegeverband die wichtigsten Problemfelder?

Da gibt es mehrere Bereiche, die miteinander zusammenhängen: Besucherzahlen, Mobilität, Wohnraum, Infrastruktur, Naturschutz und saisonale Belastungen. Und wir müssen auch darüber sprechen, wie die wirtschaftlichen Gewinne des Tourismus verteilt sind. Es reicht nicht, Erfolg nur über Ankünfte oder Nächtigungen zu definieren. Eine hohe Zahl von Gästen kann wirtschaftlich als Erfolg gelten und gleichzeitig Probleme für einen Ort erzeugen. Die entscheidende Kennzahl müsste eigentlich sein: Wie schaffen wir wirtschaftliche Werte, ohne dabei Lebensqualität zu verbrauchen?

„Wir müssen zuerst fragen, was eine Entwicklung für den Ort und für die Menschen bedeutet, die dort leben.“


Beim Wohnraum wird dieser Konflikt besonders deutlich.

Ja. Wenn Wohnraum zu Ferienunterkünften wird, betrifft das unmittelbar die Menschen, die an einem Ort leben. Deshalb sage ich auch ganz bewusst: Eine Wohnung ist zunächst einmal ein Zuhause. Touristische Entwicklung darf nicht losgelöst davon betrachtet werden, was sie für das Wohnen und das alltägliche Leben an einem Ort bedeutet.


Und die Mobilität? Sie haben den Satz geprägt: „Eine Passstraße ist kein Parcours.“

Auch Mobilität gehört zu den Bereichen, über die wir reden müssen. Tourismus erzeugt Verkehrsströme und damit Belastungen für Infrastruktur, Landschaft und Bevölkerung. Die Frage muss auch hier sein: Was verträgt ein Ort oder eine Landschaft? Nicht jede Nutzung, die grundsätzlich möglich ist, muss deshalb automatisch unbegrenzt stattfinden können.

Das Ausstellungsplakat von „Über Tourismus“: „Um noch einmal auf die Eiskugel zurückzukommen: Irgendwann geht es nicht mehr darum, ob noch eine Kugel auf den “Cono„ passt. Sondern darum, ob wir mit einer weiteren Kugel tatsächlich noch mehr Genuss schaffen.“ HPV

Müsste Südtirol also Grenzen setzen – bei Betten, Verkehr, Flächenverbrauch oder Besucherzahlen?

Wir müssen jedenfalls bereit sein, über Grenzen und Belastbarkeit zu sprechen. Die Ausstellung stellt genau diese Frage: Wie viel Tourismus verträgt ein Ort? Welche Instrumente dafür im Einzelnen die richtigen sind, muss diskutiert werden. Aber wir dürfen uns nicht darauf beschränken, immer nur zu fragen, wie viele Gäste wir noch zusätzlich unterbringen können. Wir müssen zuerst fragen, was eine Entwicklung für den Ort und für die Menschen bedeutet, die dort leben.


Interessant ist, dass der HGV die Ausstellung und das Rahmenprogramm mitträgt. Warum war Ihnen das wichtig?

Weil wir bei einem Thema wie Tourismus nicht übereinander, sondern miteinander reden müssen. Deshalb freut es uns sehr, dass der HGV von Anfang an dabei war und nicht nur die Ausstellung, sondern auch das Rahmenprogramm mitträgt. Unterschiedliche Positionen gehören an einen Tisch. Dasselbe gilt für die Gemeinde Bruneck und den Tourismusverein. Gerade weil diese Ausstellung auch kritische Fragen stellt, ist ihre Bereitschaft, sich auf die Diskussion einzulassen, besonders wertvoll.


Heißt das auch: Heimatpflege und Tourismuswirtschaft müssen miteinander streiten können?

Natürlich können und sollen unterschiedliche Positionen sichtbar werden. Der Dialog wäre wenig sinnvoll, wenn alle von vornherein derselben Meinung wären. Uns geht es darum, Räume für diese Auseinandersetzung zu schaffen. Deshalb gehört zu „Über Tourismus“ auch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit sehr unterschiedlichen Partnerinnen und Partnern und unterschiedlichen fachlichen Perspektiven.

ÜBER TOURISMUS

Die vom Architekturzentrum Wien (Az W) entwickelte Ausstellung „Über Tourismus“ untersucht die Auswirkungen des global wachsenden Tourismus auf Landschaft, Architektur, Mobilität, Klima und Gesellschaft. Nach Stationen in Wien, Innsbruck und München wird sie vom Heimatpflegeverband Südtirol in Bruneck gezeigt. Internationale Beispiele, Daten und alternative Strategien gehen der zentralen Frage nach: Wie kann ein Tourismus aussehen, der nicht zerstört, wovon er lebt?

8. September bis 25. Oktober 2026
Alte Turnhalle und NOI Techpark NOBIS, Bruneck
Eintritt frei. Mo–Fr 9–12 und 16–19 Uhr; Sa/So 10–16 Uhr (Wochenende nur Alte Turnhalle). Führungen und ein eigenes Vermittlungsprogramm für Schulen werden angeboten.

Sie haben bewusst junge Menschen in die Ausstellung einbezogen. Warum?

Weil Tourismus nicht nur eine Frage der Gegenwart ist. Die junge Generation wird mit den Entscheidungen leben müssen, die wir heute treffen – und sie wird den Tourismus von morgen mitgestalten. Deshalb wollten wir ihre Perspektive unmittelbar in die Ausstellung hereinholen. Auch Kunst kann dabei einen anderen Zugang schaffen. Die Arbeit von Muriel Senoner stellt Fragen anders, als Zahlen, Texte oder wissenschaftliche Analysen das können. Das erweitert die Diskussion.

„Das Ziel müsste sein: Werte schaffen, ohne Lebensqualität zu verbrauchen.“


Wenn wir zum Kern zurückkommen: Was müsste sich beim Südtiroler Tourismus verändern?

Wir müssen wegkommen von einer Betrachtung, bei der Erfolg vor allem über Quantität definiert wird. Die Frage kann nicht nur lauten: Wie viele Menschen können wir noch unterbringen? Wir sollten vielmehr fragen: Wie gestalten wir Tourismus so, dass ein Ort auch morgen noch für Gäste und Einheimische lebenswert ist? Das heißt, dass wir über Mobilität, Wohnraum, Infrastruktur, Naturschutz, Besucherzahlen und die Verteilung der wirtschaftlichen Vorteile sprechen müssen. Das Ziel müsste sein: Werte schaffen, ohne Lebensqualität zu verbrauchen.


Dann wäre die entscheidende Frage eigentlich nicht, ob Südtirol Tourismus will, sondern welchen Tourismus es will?

Genau. Tourismus gehört zu Südtirol, und er bringt sehr viel Positives mit sich. Aber gerade deshalb müssen wir uns damit beschäftigen, wie er sich weiterentwickeln soll. Es geht um das richtige Maß. Oder um noch einmal auf die Eiskugel zurückzukommen: Irgendwann geht es nicht mehr darum, ob noch eine Kugel auf den „Cono“ passt. Sondern darum, ob wir mit einer weiteren Kugel tatsächlich noch mehr Genuss schaffen – oder ob das Ganze bereits über den Rand läuft.

 

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