Inflation: Pech oder Strategie?
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Die offizielle Erklärung war fast immer dieselbe: die Schuld trage die Pandemie, der Krieg in der Ukraine, die unterbrochenen Lieferketten. Die Unternehmen hätten lediglich die gestiegenen Kosten an die Verbraucher weitergegeben. Aber stimmt das wirklich?
Eine 2025 in der Fachzeitschrift Structural Change and Economic Dynamics veröffentlichte Studie von Isabella Weber und vier weiteren Forschern stellt diese Erzählung mit Daten in Frage, die sich kaum ignorieren lassen. Der Titel lautet: „Sellers' inflation, profits and conflict: Why can large firms hike prices in an emergency?“ („Verkäuferinflation, Gewinne und Konflikte: Warum können große Unternehmen in einer Notlage die Preise erhöhen?“) Und angesichts der anhaltenden Konflikte im Nahen Osten gewinnt die Frage erneut an Brisanz.
Die Forscher analysierten fast 140.000 Mitschriften der Quartalstreffen, in denen die Führungskräfte großer börsennotierter Unternehmen öffentlich über Geschäftsergebnisse berichten und mit Analysten und Investoren Kosten, Preise und Strategien besprechen. Die Analyse wurde mit Methoden der automatischen Textverarbeitung durchgeführt und deckt die Phase hoher Inflation zwischen 2020 und 2023 ab.
Besonders aufschlussreich ist, was dabei zutage tritt. Wenn die Kosten eines einzelnen Unternehmens stiegen, behandelten die Manager dies als ein Problem, das behutsam angegangen werden müsse. Wenn die Kosten jedoch überall gleichzeitig stiegen, änderte sich der Ton grundlegend: Die Rede war von „Chancen“, einem „günstigen Moment“, der „Möglichkeit, Kosten weiterzugeben“. Um zu verstehen, warum, muss man von einem einfachen Grundprinzip ausgehen.
Unter normalen Bedingungen riskiert ein Unternehmen, das seine Preise erhöht, Kunden an Konkurrenten zu verlieren, die ihre Preise stabil halten.
Das ist der klassische Mechanismus des Wettbewerbs, die natürliche Bremse des Marktes. Wenn aber ein Schock alle trifft, wie etwa Energiepreise, die sich verdoppeln, Rohstoffe, die knapp werden, Lieferketten, die reißen, befinden sich alle Unternehmen einer Branche in derselben Lage.
Jedes weiß, dass die anderen ebenfalls höhere Kosten haben. Und deshalb ist klar, dass auch die Konkurrenten die Preise anheben werden. Es braucht keine ausdrückliche Absprache, kein geheimes Gespräch unter Rivalen. Die Koordination entsteht von selbst, durch die Krise hindurch.
Die Studienautoren nennen diesen Mechanismus „implizite Koordination“.
Das Ergebnis: Die Preise steigen schneller und stärker, als es die gestiegenen Kosten allein rechtfertigen würden. Die Unternehmen nutzen das allgemeine Krisenklima nicht nur, um Kosten weiterzugeben, sondern auch, um ihre Gewinnmargen auszuweiten. Ein gemeinsames Problem wird so zu einer gemeinsamen Gewinnchance.
Es sei angemerkt, dass diese Interpretation nicht unumstritten ist. Einige Ökonomen sind der Ansicht, dass höhere Margen in Inflationsphasen zum Teil vorübergehende Bilanzeffekte widerspiegeln oder das Aufholen früherer Verluste. Dennoch liefern die Daten aus den Worten der Manager selbst handfeste Belege für ein bewusstes strategisches Verhalten, das sich nicht allein auf Marktmechanismen zurückführen lässt.
Die Folgen für die Einkommensverteilung sind unmittelbar. Während der Phase hoher Inflation stieg der Anteil der Unternehmensgewinne an der Wirtschaftsleistung zuerst. Die Löhne begannen erst aufzuholen, als die Inflation bereits wieder sank. Nicht die Beschäftigten haben die Inflation durch Lohnforderungen ausgelöst: Sie haben sie erlitten, und erst mit erheblicher Verzögerung konnten sie versuchen, die verlorene Kaufkraft zumindest teilweise zurückzugewinnen. Die Daten erzählen eine klare Abfolge: zuerst steigen Preise und Gewinne, dann verzögert und nur teilweise die Löhne.
Ein weiteres Detail verdient besondere Aufmerksamkeit. Viele Unternehmen haben ihre Margen in der Krisenphase nicht nur verteidigt, sondern ausgebaut. Und als die Kosten wieder zu sinken begannen, folgten die Preise nicht. Die Krise endet, aber weder die Preise noch die Gewinne verringerten sich.
Die Autoren begnügen sich nicht mit der Diagnose. Sie schlagen auch konkrete Maßnahmen vor, im Bewusstsein, dass Zinserhöhungen, die klassische Antwort der Zentralbanken auf Inflation, wenig ausrichten, wenn die Inflation nicht aus einem Nachfrageüberschuss entsteht, sondern aus den strategischen Entscheidungen der Unternehmen selbst.
Der erste Vorschlag betrifft die Anlage strategischer Reserven bei kritischen Rohstoffen. Wenn der Staat Vorräte an Energie, Nahrungsmitteln und anderen lebensnotwendigen Gütern hält, kann er in Krisenzeiten eingreifen und Preise stabilisieren, bevor sie sich auf die gesamte Wirtschaft ausbreiten.
Der zweite betrifft die Wettbewerbsregeln: Würde implizite Preiskoordination als wettbewerbswidriges Verhalten eingestuft, würden den Unternehmen Bußgelder und Reputationsschäden drohen, ein wirksamer Anreiz zur Zurückhaltung.Der dritte Vorschlag — und vielleicht der wirkungsvollste — ist eine Sondersteuer auf außerordentliche Gewinne. Wenn Unternehmen wissen, dass Krisengewinne besteuert werden, haben sie weniger Anreiz, die Lage auszunutzen. Die Steuereinnahmen könnten zudem gezielt eingesetzt werden, um Haushalte mit niedrigen Einkommen zu schützen.
Zu verstehen, dass Inflation nicht nur das Ergebnis unpersönlicher Marktkräfte ist, sondern auch bewusster strategischer Entscheidungen von Unternehmen, ist der erste Schritt zu einer wirksameren und gerechteren Wirtschaftspolitik.
Für die Gewerkschaft bietet diese Forschung gewichtige Argumente in der öffentlichen Debatte. Es geht nicht darum, Konflikte um ihrer selbst willen zu schüren, sondern darum, mit konkreten Daten zu belegen, dass Krisen nicht alle gleich treffen — und dass diejenigen, die ohnehin Macht besitzen, gestärkt aus ihnen hervorgehen, solange keine Regeln in Kraft sind, die das Spiel grundlegend verändern.Alfred Ebner
Danke Herr Ebner! Tax the…
Danke Herr Ebner!
Tax the Rich: höhere Steuern für Superreiche, um extreme wirtschaftliche Ungleichheit zu bekämpfen, soziale Projekte zu finanzieren und den Klimawandel zu bewältigen.
...die einzige Antwort auf UNethisches Handeln und Verteilung von Verantwortung für globale Herausforderungen...
Auch Krieg:
Die wahren Kosten des Krieges liegen jenseits des Schlachtfelds, der Verursacher muss aber nur einen Bruchteil zahlen:
https://www.derstandard.at/story/3000000316121/die-wahren-kosten-des-kr…
„....Kleine Gruppen vereinnahmen die Gewinne, während die breite Bevölkerung die Verluste trägt. Die vernetzte Wirtschaft von heute verstärkt diese Asymmetrie...“
Es gäbe da eine ganz…
Es gäbe da eine ganz einfache Lösung um diesem Treiben ein Ende zu setzen. Okay, das ist frech, extrem gewagt und Ja > illusionär.
ABER wenn wir eh demographisch nicht mehr wachsen, wozu brauchen wir INFLATION ?
Wie wäre es also mit einem TOTALEN EINFRIEREN aller Preise die für die normale Gesellschaft relevant sind? Von mir aus darf der Porsche, die Goldbrosche oder die Gucci-Tasche ruhig teuerer werden, aber Brot, Klopapier, Benzin, Zahnbürste, Jeans und Bettwäsche eben nicht.
Wie im Beitrag von Alfred Ebner dargestellt, hat die Inflation absolut keine positiven Effekte für die Bevölkerung - nur negative ! Alle Übergewinne landen in falschen Börsen. Und die Löhne hinken sowieso immer nur hinterher. Ergo: PREIS-STOPP > Einfrieren !
Bestes und kleines Spiel-Beispiel ist übrigens BROT, speziell in Südtirol. Brot kostet hier extrem viel, ist während der Pandemie und nach dem Putin-Überfall auf die Ukraine extrem teuerer geworden. Als Begründung wurde damals der gestiegene Getreidepreis aufgrund der Knappheit angegeben. ABER hat jemals jemand nachgeschaut wieviel Getreide zuletzt gekostet hat? Eher nicht, denn der Getreidepreis ist sozusagen komplett eingebrochen. Das ging soweit dass Getreide-Produzenten sogar auf Kartoffelanbau umgestiegen sind. Und warum kostet Brot heute doppelt so viel wie damals? Wobei es eigentlich wieder die Hälfte kosten müsste. Die Rechtfertigung wird nun lauten, dass die Getreidekosten nur einen Bruchteil der Ausgaben betrifft. Stimmt > Richtig ! Aber warum wurden die Preise nicht zurückgefahren, als das Getreide nur mehr weniger als die Hälfte und die Energiekosten ebenfalls wieder in der Norm lagen?
Weizenpreis im Lauf der Zeit (€ / Tonne)
16.3.2020 = 175,25
16.3.2021 = 222,00
16.3.2022 = 363,50
18.5.2022 Höchststand: 430,50
16.3.2023 = 268,00
15.3.2024 = 195,00
10.9.2024 Zwischen-Tiefst-Stand: 188,75
17.3.2025 = 224,50
15.4.2026 = 194,25
p.s. mit EINER Tonne Weizen lassen sich 25.000 Brötchen oder 1500 Brotlaibe à 750gr. backen.
Im Fünfjahresschnitt liegt der Weizenpreis aktuell bei MINUS 10,8 % (inflationsbereinigt wäre es um gar einiges mehr)