Die Damastklingen von Edoardo Re
Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!
Jetzt S+ abonnierenDie Klinge schimmert in wechselnden Tönen – von Grau über Silber bis Schwarz. Hauchzarte Linien und Muster ziehen sich über den Stahl, der Holzgriff liegt anschmiegsam in der Hand, das gesamte Werkstück sorgfältig ausbalanciert. Wer ein Messer von Edoardo Re in die Hand nimmt, versteht sofort: Das ist kein Gebrauchsgegenstand. Das ist ein Versprechen.
Südtirol klagt über Talentabwanderung. Junge Menschen verlassen das Land – die Zahlen sind eindeutig, die Sorgen groß. Edoardo Re aus Meran ist zurückgekehrt. Mit einem Handwerk, das in der Region niemand sonst beherrscht, und dem festen Willen, etwas aufzubauen, das Bestand hat.
Eigentlich wollte er Tourismus studieren. In Salzburg, mit allem Ehrgeiz eines jungen Südtirolers, der die Welt sehen will. Dann kam Covid. Und mit der erzwungenen Stille eine Erkenntnis: Was ihn wirklich fasziniert, ist nicht der Gast auf dem Zimmer, sondern das Messer in der Hand. Er folgte diesem Gefühl, konsequent und ohne Umweg. 2021 landete er als Praktikant in der Adelberger Messerschmiede im Spessart, einer der letzten traditionellen Schmieden Deutschlands. Aus dem Praktikum wurde eine Lehre, aus der Lehre Verantwortung. Er war der letzte Lehrling, den Meister Roman Adelberger ausbildete. Drei Jahre lang lernte er das Handwerk von Grund auf – Stahl, Hitze, Präzision. Irgendwann leitete er selbst die Kurse.
Hier entsteht etwas Bleibendes
Heute steht Edoardo Re in seiner Werkstatt in der St.-Valentin-Straße in Meran. Er sei ins kalte Wasser gesprungen, sagt er selbst. Bereut hat er es nicht.
Jede Damastklinge ist so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck – und genau das, sagt Edoardo, macht ihren besonderen Reiz aus.
Was er macht, ist selten in Südtirol – genau genommen: einmalig. Den Solinger Dünnschliff, hauchdünn, präzise, mit Schneideigenschaften, die maschinelle Arbeit nicht erreicht, beherrscht hier sonst niemand. Seine Klingen entstehen aus Kohlenstoffstahl – nicht rostfrei, aber weit schärfer und langlebiger als herkömmliches Material. Geschmiedet von Hand, wie im Mittelalter. Erhitzt auf 850 Grad, in Öl abgeschreckt, zwei Stunden bei 200 Grad angelassen – damit der Stahl hart wird, aber nicht spröde. Dann Schliff, Griffkonstruktion, Feinarbeit an japanischen Wassersteinen. Für die Griffe verwendet er von heimischen Hölzern bis hin zu exotischen Materialien alles, was „stimmig“ ist.
Jedes Messer ein Unikat
Besonders aufwendig ist die Herstellung von Damaszenerstahl – jenem legendären Werkstoff, aus dem einst Samuraischwerter gefertigt wurden. Verschiedene Stahlsorten werden miteinander verschweißt, bis zu 200 Lagen übereinandergeschichtet. Durch gezielte Schmiedetechniken entstehen die typischen Wellen- und Rosenmuster, die nach Schleifen, Polieren und Ätzen als feine Zeichnung in der Klinge erscheinen. Jede Damastklinge ist so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck – und genau das, sagt Edoardo, macht ihren besonderen Reiz aus.
Was ihm besonders am Herzen liegt: das, was andere wegwerfen würden. Aus einer alten Lastwagenblattfeder schmiedet er eine neue Klinge. Aus Altmetall wird Handwerk. Aus dem, was für den Müll bestimmt war, entsteht etwas, das Generationen überdauert.
Schärfen, schmieden, weitergeben
Die Resonanz in Meran ist gut. Kurse sind belegt, Messer verkauft, der Kundenstamm für den Schleifservice wächst. Wer Scheren, Küchenmesser oder Gartengeräte fachgerecht schärfen lassen will – nicht maschinell, sondern mit Sachverstand – findet in Edoardo Re jemanden, der sein Werkzeug wirklich versteht. Auf Schneiderscheren hat er sich besonders spezialisiert: ein, wie er sagt, unglaublich komplexes Werkzeug, das die meisten unterschätzen.
Und weil Meran, zwischen all seinen Ferienwohnungen, vielleicht auch einen jungen Menschen braucht, der Dinge macht, die bleiben.
Wer selbst Hand anlegen möchte, ist willkommen. Das Kursangebot reicht vom Schnupperkurs – wo Schlüsselanhänger, Kleiderhaken oder kleine Objekte entstehen – über den anderthalbtägigen Messerschmiedekurs, bei dem Teilnehmer ohne jede Vorerfahrung vom Rohstahl zum fertigen Messer gelangen, bis hin zum dreitägigen Damastschmiedekurs. Geplant sind auch Schleifkurse, bei denen man lernt, Messer und Scheren mit japanischen Wassersteinen selbst zu pflegen.
Solche Kurse werden auch gerne verschenkt. „Dabei verschenkt man gar nicht so sehr das Messer, sondern vor allem ein paar Stunden Ruhe und Zeit“, sagt Edoardo. Wenn die Konzentration erst einmal nur noch den Arbeitsschritten gilt, vergisst man tatsächlich, wo man das Mobiltelefon abgelegt hat. Die „heilsame Wirkung des Schmiedens“ nennt er das – und man glaubt es ihm sofort. Edoardo Re ist nach Meran zurückgekehrt. Nicht weil es bequem war, sondern weil es stimmte. Und weil Meran, zwischen all seinen Ferienwohnungen und Tourismusbauprojekten, vielleicht auch einen jungen Menschen braucht, der Dinge macht, die bleiben.
Zu diesem Beitrag und zur Autorin
Eva Pföstl ist Chefredakteurin beim Meraner Stadtanzeiger, der Artikel ist in der Sommerausgabe des Blattes erschienen. Pföstl ist außerdem Minderheitenexpertin und war wissenschaftliche Leiterin des juristisch-wirtschaftlichen Bereichs am Istituto di Studi Politici Pio V in Rom.