Wirtschaft | Wein

Tanzend in den Untergang

Alles geht den Bach runter, aber die Weinwirtschaft feiert und stellt sich trotzig dem Zeitgeist entgegen. Eindrücke von der Weinmesse Summa.
SUMMA
Foto: Alois Lageder
  • Alljährlich im Frühling lädt das Weingut Lageder in Margreid zur Summa. Die ist Weinmesse, Branchentreff, frühlingshafte Gartenparty und auch ein bisschen Selbstbeweihräucherung.

    Vor einem Jahr hat SALTO über die Summa 2025 berichtet, damals hatte Donald Trump gerade seinen Zollhammer geschwungen, auch wenn man damals noch nicht wusste, ob der Hammer im Zielfeld einschlagen oder ob er ihn sich selbst an den Schädel hauen würde.

    Ein Jahr später hat sich die Welt auf die Zölle eingestellt, sie dreht sich außerdem weiter, aber anstatt die Weltwirtschaft in ruhigeres Fahrwasser zu bringen, bricht Trump rechtzeitig vor der Summa 2026 einen Krieg vom Zaun. Ausgang offen.

    Wie also hat sich die Weinbranche in diesem Jahr weiterentwickelt, und wie reagiert sie auf die neuen Unsicherheiten? Wir haben auf der Summa die Interviewpartner von 2025 gesucht und gefragt, wie sie ein Jahr danach auf den Wein und die Welt blicken.

  • Ein Jahr danach

    Vor einem Jahr hatte Alessandro Castellani vom Weingut Ca' La Bionda in der Valpolicella vorsichtig optimistisch in die Zukunft geblickt, heute bestätigt sein Bruder Nicola diese Einschätzung: „Wir hatten aufgrund der Zölle bislang keine großen Einschränkungen.“

    Eine andere Hausnummer werde der Iran-Krieg sein, und ganz allgemein die Lage im Nahen Osten. Da müsse man erst mal abwarten, aber „die langjährigen Lieferketten bleiben erhalten, also wird es schon irgendwie gehen.“

     

    „Sehen Sie sich um, wie viele junge Menschen da sind!“

     

    Stefan von Neipperg, Spross einer alten deutschen Grafenfamilie mit dem Standbein im Bordelais sagt, es bestehe weiterhin kein Grund zur Panik. Die politische Lage sei zwar extrem kompliziert und die Welt in einer Negativspirale, die Margen gingen zurück, Alkohol habe ein schlechtes Image, manche Produzenten seien zu abgehoben und es gebe eine Überproduktion. „Aber wenn wir es schaffen, unsere Geschichte zu erzählen, die Endkunden zu erreichen, positiv bleiben, dann werden wir weitermachen.“ 

    Der Verkauf werde anders, man werde wohl weniger produzieren und Jahrgänge erst später auf den Markt bringen, wenn sie ohnehin trinkbarer seien. Und dann sei da ja noch die Jugend: „Die jungen Menschen leben mehr die Werte wie Familie, Kinder, Glaube, sie wollen aber auch leben, und dazu gehört eine gute Flasche Wein. Sehen Sie sich um, wie viele junge Menschen da sind! Der Wein wird immer präsent sein“, sagt Neipperg.

    Tatsächlich sehen wir ganz viel junges Publikum, ein sehr weibliches Publikum (auch wenn man bei manchen kamerabewehrten Damen mehr an Influencerinnen als an Weinliebhaberinnen denken muss).

  • Die Summa im Weingut Alois Lageder: Weinmesse, Branchentreff, frühlingshafte Gartenparty und auch ein bisschen Selbstbeweihräucherung Foto: Alois Lageder
  • Sorgenkind Inflation

    Hausherr Clemens Alois Lageder erinnert sich noch gut an die Unsicherheit des vergangenen April, als bis zu 200 Prozent Zölle im Gespräch waren. „Irgendwann waren es dann 15 Prozent, nach der Anfechtung sind wir jetzt bei 10 Prozent. Damit kann man leben, darauf können wir uns einstellen.“

    Das Thema Inflation hingegen sei kein leichtes, die Konsumenten seien vorsichtig und sparen, auch beim Wein. „Der Weinmarkt ist intakt, aber wir müssen anders verkaufen, andere Weine verkaufen. Der Konsum geht zurück, aber es gibt immer Zyklen, immer ein Auf und Ab“, sagt Lageder. „Die Unsicherheit zieht sich, aber ich bin doch optimistisch. In den Emiraten fehlt uns zur Zeit ein wichtiger Absatzmarkt, andererseits erwarten wir uns durch weniger Fernreisen mehr hiesige Gäste. Kein Grund zum Schwarzsehen.“

  • Gute Laune statt Krise

    Der vorsichtige Optimismus überträgt sich auf die Gäste, sollten sie nicht von sich aus schon erwartungsfroh gewesen sein. Das kleine Dörfchen Margreid ist von gut gelaunten Menschen mit Weingläsern in der Hand bevölkert, die zwischen den zwei Veranstaltungsorten und den biodynamisch bewirtschafteten Weinbergen herumstreunen.

    Ein Shuttledienst bringt die Menschen aus Verona heran, wo am selben Wochenende die Vinitaly eröffnet, die größte Weinmesse Italiens. Margreid ist eine Nummer kleiner, aber auch heimeliger.

    Auch der Margreider Bahnhof, gut 20 Gehminuten oder eine Shuttlefahrt von der Summa entfernt, ist gut frequentiert, einige nehmen das mit der Nachhaltigkeit ernst – oder sie vertrauen sich nach der Verkostung lieber dem Lokführer an, als den eigenen Führerschein zu riskieren.

     

    „Die Inflation wird ein Problem werden“

     

    Emilio Foradori-Zierock, der mit seiner Schwester Myrtha das Weingut Foradori vertritt, blickt auf ein „normales“ Jahr 2025 zurück. Trotz der Zölle sei der Markt nicht eingebrochen. Schon seine Mutter hatte im Jahr zuvor große Unsicherheit beklagt, aber auch eine Chance zu Reflexion und Wandel gesehen. Wie es allerdings mit dem Iran weitergeht, und vor allem mit der zu erwartenden Inflation, müsse man sehen. „Das wird ein Problem werden“, sagt Zierock.

  • Trotziger Optimismus

    Abseits all der weltpolitischen Verwerfungen war es aber ein gelungnes Fest. 118 Aussteller präsentierten in sehr entspannter Atmosphäre ihre durchwegs guten Weine, und man fühlte sich in all dem Wirbel ein bisschen wie im Berlin der Zwanzigerjahre. Ein trotziger Optimismus waberte über allem, „wir lassen es krachen, bevor alles zusammenkracht!“

     

    „Ich bin total optimistisch, auch wenn ich nicht weiß, warum.“

     

    So wie Rainer Schnaitmann vom gleichnamigen Weingut in Baden-Württemberg. Er zeigte sich bereits 2025 optimistisch, hat auch jetzt seine Meinung nicht geändert, und erklärt launig: „Ich bin total optimistisch, auch wenn ich nicht weiß, warum. Für Optimismus gibt es keinen Grund.“

    Der Weinkonsum lahme weltweit, aufgrund der Wirtschaftskrise und der Anti-Alk-Kampagne der WHO („Die darf man nicht unterschätzen!“). Dass die neue Generation nicht mehr trinke, sei aber Blödsinn. „Mehr Leute trinken weniger“, sagt Schnaitmann, das Level sei jetzt niedriger als noch vor Jahren, gehe aber auch nicht weiter runter. Es finde eine Flurbereinigung statt, dass es eine Überproduktion gibt, wisse man ja schon länger, am meisten leiden würde das Billigsegment.

    „Aber ganz allgemein, Herr Schnaitmann?“ 
    „Das wird schon.“