IDM, Canva/ Montage: SALTO
Gesellschaft | Fritto Misto

Lang lebe die IDM!

Die Marketers haben eine neues Geschäftsfeld entdeckt: Dabei praktizieren wir es längst.

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren

Endlich, endlich, endlich widmet sich die IDM, diese Agentur der Innovators, Developers und Marketers (Selbstbezeichnung), einem Bereich, in dem sie sich wirklich vorzüglich auskennt: Der Langlebigkeit. Im November 2022 vom Team K mit dem Beschlussantrag „Auflösung und Neuausrichtung IDM“ hart angeschossen, erfreut sie sich nun nach wie vor bester Gesundheit und streicht jährlich stolze Summen ein (31 Millionen gab’s 2025 vom Land), um das eh schon recht bekannte Südtirol noch bekannter zu machen – ein Vorhaben, dessen Sinnhaftigkeit man angesichts der sich ständig überbietenden Gästerekorde getrost anzweifeln kann. 

Jetzt hat die findige IDM eben ein neues Tätigkeitsfeld ausgemacht, mit dem Neukunden zu fischen, Aufenthaltsdauern zu verlängern, Saisonen zu „entzerren“ und natürlich wieder ordentlich Kasse zu machen gelingen soll: Südtirol wird von der nachhaltigsten Nachhaltigkeitsdestination (der Begriff ist halt auch schon ziemlich ausgelutscht) zur – Achtung Zitat – „Region für alpine Gesundheit, holistische Prävention und Langlebigkeit“. 

 

Jetzt hätten wir sie jahrzehntelang mit lebensverkürzenden Elixieren wie Wein, Schnaps und Speck gelockt, wie will man jetzt plötzlich den Schalter umlegen?

 

Die IDM wäre nicht die IDM, wenn sie dafür nicht in ihren marketerischen Ohren wohlklingendere Begriffe verwenden würde, und spricht in ihrer Presseaussendung folgend von „longevity“, was das English-Teacher-Herz bluten macht: Wenn Bevölkerung und Medien es schon schaffen, „overtourism“ konsequent falsch auszusprechen, ist die Geburt des „LongeFITTI“ unausweichlich; ich werde es an dieser Stelle bereits resigniert verwenden, um mich gegen die zukünftige Konfrontation damit abzuhärten. LongeFITTI also, weil es immer mehr ältere Menschen gibt (viele davon durchaus mit dicker Brieftasche), Selbstoptimierung hoch im Kurs liegt, und man in Südtirol offenbar die besten Voraussetzungen dafür sieht, diese Menschen noch älter werden zu lassen, auf dass sie noch viele lange Urlaube hier verbringen können. 

Ein Bekannter reagierte irritiert: Jetzt hätten wir sie jahrzehntelang mit lebensverkürzenden Elixieren wie Wein, Schnaps und Speck gelockt, wie will man jetzt plötzlich den Schalter umlegen? Ganz einfach: Die IDM züchtet „Alpine Longevity Experts“ heran, die dafür sorgen, dass „neue Technologien, personalisierte Angebote und wissenschaftliche Erkenntnisse“ in „Wechselwirkung“ mit „Lebens- und Erholungsräumen, Ernährung oder Umwelt“..., ja, dass die alten Touristen halt immer älter werden. 

Ich kann und will jetzt diesen ganzen Marketingsprech gar nicht wiederholen, zwei Perlen aber möchte ich nicht vorenthalten: Südtirol entwickle sich zum „Lebensqualitäts-Ökosystem“, prophezeit Marketingdirektor Wolfgang Töchterle, und weil der Natürlichkeit und Umweltbewusstsein implizierende Begriff so schön wie falsch ist, verwendet er ihn gleich nochmal und spricht vom „Markenökosystem Südtirol“. Es rebelliert da mein „Ja, aber hier leben muss man auch noch können“-Ökosystem, und ich befürchte, vom „bundesdeutschen Altersheim“ (N.C. Kaser einst über Meran) werden wir so zum bundesdeutschen Wellness-Resort und Sanatorium. 

 

Ich hoffe, dass man euch nicht abverlangt, irgendwelche Penisse zu de-agen.

 

Man kann nur hoffen, dass Herr Töchterle sich in seinen LongeFITTI-Visionen nicht auf den amerikanischen Unternehmer Bryan Johnson und dessen LongeFITTI-Methoden bezieht, denn da könnte es für uns alle unappetitlich werden: Johnson versucht dem Alter seit Jahren zu trotzen indem er nicht nur streng trainiert und diätiert, sondern auch etwa 100 Pillen täglich einwirft, sich mit Blutkonserven seines Teenagersohns auffrischt und – Obacht – seine nächtlichen Erektionen überwachen lässt:  Ist der kleine Johnson vital, so ist es auch der große, so sein Credo. Stand tall! 

An dieser Stelle: Bitte, liebe frischgebackenen Alpine LongeFITTI Experts: Ich hoffe, dass man euch nicht abverlangt, irgendwelche Penisse zu de-agen. „Stand tall, South Tyrol!“ macht als Slogan zwar phonetisch was her, aber auch wenn 2028 weltweit mit LongeFITTI ein Umsatz von 9 Billionen gemacht werden soll, sollten wir hier die Grenze ziehen. (Für die die Einwohner von Tall eventuell doch interessant, Rückfragen bitte an mich.)  

Sinnvoller und günstiger und ein Win-Win für alle Beteiligten (okay, für die Hoteliere eher nicht: sorry Biohacker Expert Master Quellenhof etc.) wäre ohnehin, Touristen, die Lebensverlängerung UND Authentizität wünschen, zum freiwilligen Arbeitseinsatz auf Bergbauernhöfe zu schicken. Ich kann zwar nicht versprechen, dass dort Penisse de-aged werden, aber es gibt frische Luft, Aromatherapie (Heuarbeit), Ausdauer-und Gleichgewichtstraining (Arbeit an steilen Hängen), Kognitives Training (Konfrontation mit Dialektsprechern, abendliche Watter), Regeneration (mit den Hennen ins Bett) und ausgewogene Ernährung (garantiert kein fast food). Am Ende fährt Hans-Walter verjüngt und mit vielen Storys im Gepäck nach Düsseldorf zurück, und der Sepp ist froh, dass er das Heu in der Schupfe hat. 

Freilich fällt durch das Umgehen der LongeFITTI-Industrie dann aber das gnädig zugestandene Zuggerle weg, dass „die lokale Bevölkerung von den entstehenden Präventions- und Gesundheitsleistungen profitieren kann“ (IDM), aber dafür fehlt uns eh das Kapital. Das hat die IDM. Ad multos annos!