Gesellschaft | Eiertreter*in

Lisa

Lisa hat mir geschrieben. Beim Muttertagstext „Lilly“ sei ich feige gewesen – ich hätte nur den heroischen Teil erzählt.

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Kristina Tripkovic auf Unsplash

Lilly“ – ein Trauertext über ein sterbendes Neugeborenes – hört im Sterbezimmer auf: Intensivstation, das Ringen, das Zerbrechen. Nichts von der Sauerei im Kopf, die danach kommt und die niemand aufwischt.

Ich soll auch davon erzählen, bat mich Lisa. Wir haben drei Wochen lang Mails getauscht. Das hier ist, was dabei herauskam. Als Pendant zu „Lilly“ wollte ich ihren Sohn in den Titel nehmen. Den Namen wollte sie mir nicht sagen. Sie nennt ihn nur „das Kind“. Sagt sie den Namen, steht ihr Bua mitten im Raum – und dann will er meistens nicht mehr gehen.

Dienstag, 04. Juni 2024, 9:54

Niemand sagt einem das. Vorher. Dass Babys ... dass wenn sie nicht mehr ... sie sind dann noch warm.
Du sitzt im Auto nach Hause. Dein Mann fährt. Du hältst die rechte Hand in die Luft. So. Gewölbt. Wie eine Schüssel, nein, Schale. Schale, weißt du. Damit die Wärme nicht. Wenn du sie irgendwo ablegst, dann ist sie weg.
Eine Ampel. Dantestraße. Glaubst du. Dein Mann schaut rüber, schaut weg, sagt nichts. Du siehst sein Kinn beben. Unmerklich. Er beißt auf die Unterlippe. Das Beben schwillt. Du schaust zur Ampel hoch. Hoffst. Weil du ganz genau weißt, wenn sie nicht schaltet, werdet ihr beide hier drinnen an euch selbst ertrink… Grün.

Bei der Handwerkerzone ist deine Hand kalt. Du legst sie auf den Schoß. Du fühlst nichts mehr. Du wirst diese Hand nie wieder warm haben. Egal, wie viele Heizungen.

Nachmittag

Alle Modelle beim Bestatter sind weiß. Babysärge sind nicht gefragt, sagt er beiläufig, als rede er über Spülmittel. „Muss ich bestellen“, sagt er. Letzte Seite im Katalog. Nach den Teenagern. Drei Modelle. Engelchen aus Messing. Ein Kreuz so klein, dass es kein Kreuz mehr ist, sondern ein Plus. Du nimmst den schlichtesten. Du nimmst in diesen Tagen alles, was schlicht ist. Schlichte Wörter, schlichte Nudeln.

Tag 3

Du bittest die Hausärztin um das geile Zeug. Du sagst es so: „Etwas Geiles.“ Sie schreibt dir Tavor auf, schaut dich dabei nicht an; schreibt sehr langsam. Mit der Tablette gehst du durch die Beerdigung: zugedröhnt und hellwach gleichzeitig. Als stündest du hinter Panzerglas. Du hörst jedes Husten im Kirchenschiff gestochen scharf, aber das Geräusch prallt an dir ab und fällt auf den Boden. Der Pfarrer schaut an dir vorbei. Du hast ihm gedroht: Wenn er etwas von „Gottes Wille“ oder „Heimgeholt“ sagt, wirst du nach vorne gehen und ihm eine schloachn. Ihr standet im Altarraum und trotzdem bist du laut geworden. Dein Mann hat dich gepackt und nach draußen geschleppt. Du hast nach hinten gegoscht.

Wochenende

Die Milch ist eingeschossen. Deine Brüste explodieren förmlich. Du hast im Krankenhaus zugestimmt, deine Milch zu spenden. Eine der Hebammen hat gesagt, es wäre eine gute Möglichkeit, Abschied zu nehmen – wenn die Milch langsam versiegt. Du hast zugestimmt, bevor du gekostet hast. Bevor du plötzlich wieder den Geruch deines Kindes in der Nase hast. Seine Spucke auf deinem Handrücken. Es blinzelt dich an. Das Glaskind. Du weißt nicht wie anfassen. Du könntest es kaputt machen. Es ist deine Schuld, dass es jetzt kaputt ist. Du hast auf Annas Geburtstag den Joint nicht an dir vorbei gehen lassen. Da warst du 12. Woche. Es war so lustig. Menschen würden sagen, das habe nichts damit zu tun. Sie kennen das Kind nicht.

Und du begreifst, dass die Milch gestoppt werden muss. Jetzt! Der Sport-BH, das Kühlen, das Ausstreichen – du arbeitest die ganze verdammte Liste der Schwestern ab. Gleicht einer Bauanleitung von Ikea. Du legst sogar Kohlblätter in den BH, weil das im Internet stand. Es nützt nichts. Du bist wie eine Milchkuh. Weil der Milch niemand gesagt hat, dass das Kind tot ist. Und das Schlimmste: Die Brüste sind schön. Bemerkenswert schön. Prall, schwer, blau geädert. Wie aus einer Stillbroschüre rausgeschnitten – die mit dem Spruch „Ihr Körper weiß, was er tut!“. Dein Körper weiß einen Scheißdreck. Er hat dich betrogen.

Noch immer Wochenende

Erst die Milch. Jetzt das.

Es kommt ohne Vorwarnung. Du stehst am Spülbecken, ein Glas in der Hand. Dann kippt etwas. Nicht in dir – mit dir. Du gehst runter. Nicht weil du willst. Weil der Körper runtergeht und dich mitnimmt.

Das Weinen würgt von ganz unten hoch, aus dem Bauch, wo es war. Es schüttelt dich, als wollte es dich auswringen. Du kriechst Richtung Klo, du weißt, was kommt. Du schaffst es nicht. Es kommt schon auf den Fliesen. Galle und der Kaffee von heute Morgen, mehr ist nicht drin. Daneben. Egal.

Du bleibst liegen. Wange auf den Fliesen. In deiner eigenen Kotze, in Unterwäsche, seit Tagen nicht gewaschen, das Haar verfilzt. Es ist dir egal. Der Körper hat übernommen. Er bestimmt, wann du stehst, wann du fällst, wann du dich übergibst. Du bist nur noch der Sack, in dem es passiert. Augen drin.

Irgendwann hört es auf. Nicht weil es besser wird. Weil nichts mehr da ist.

Irgendwann

Der Kocher klickt aus. Wann hast du ihn … egal. Du stehst mit der Tasse in der Hand. Du stehst.

Er kommt, hat er gesa… hat er? Du müsstest. Bevor er. Du bist nicht herzeigbar. Die Beutel. Du ziehst die Schublade auf. Zucker. Zu. Auf. Zucker. Porca puttana.

Das Wasser ist kalt. Wann war es heiß? Du drückst den Knopf. Es klickt. Du greifst nach einer Tasse – da steht schon eine. Voll. Kalt. Der Beutel ganz aufgegangen, das Wasser fast schwarz. Du weißt nicht, wer sie hingestellt hat.

Sommersonnenwende

Drei Stunden Weinkrampf auf den Küchenfliesen. Du kommst nicht hoch. Dein Mann kommt heim, riecht nach Farbe, sieht dich, bückt sich. „Du bisch schwar wia a Ertepflsock“, sagt er und stöhnt, und es ist das Ehrlichste, was er seit Wochen rausbringt. Genau so fühlst du dich. Wie ein Sack Erdäpfel. Augen drin. Er trägt dich aufs Sofa. Er macht eine Bewegung, als würde er sich neben dich legen, aber er weiß, einer von euch beiden muss heute Abend stehen. Das Abendessen ist nicht gekocht. Es ist seit Wochen nicht gekocht. Es wird auch morgen nicht gekocht sein. Er sagt nichts dazu. Er macht Carbonara. Mit Sahne und Speckwürfel. Das einzige Gericht, das er kann. Er stellt dir einen Teller hin, obwohl er weiß, dass du nur lustlos darin rumstochern wirst.

Nochmal Nachmittag

Du sortierst das Pappschächtelchen aus dem Krankenhaus um. Das Plastikbändchen, auf dem nichts mehr steht, weil der Filzstift verlaufen ist. Das Mützchen. Das letzte Ultraschallbild. Der Mutterpass mit den Geburtsdaten: Uhrzeit 11:08, männlich ist angekreuzt und zusätzlich unterstrichen, Nabelschnur PH 7,02, Apgar 1': 3.

Juli

Er rackert. Er nimmt jede Baustelle, die kommt, und die, die nicht kommt, sucht er. „Muaß no eppas fertig mochn“, sagt er an der Tür, jeden Tag derselbe Satz, und du nickst, jeden Tag dasselbe Nicken. Er geht, bevor es hell ist. Er kommt, wenn es dunkel ist. Du bist ja nicht blöd. Du weißt, was das ist. Ein Mann ohne Sprache, nur mit Händen. Der nicht weinen kann, also weißlt und spachtelt er, bis die Arme zittern und der Kopf endlich leer ist.

Was du nicht laut sagst: Du bist froh, wenn er weg ist. Weil du dann nicht lächeln musst. Die Wohnung gehört dann dir. Du trinkst den Kaffee im Stehen, am offenen Fenster. Unten mäht einer; es riecht nach Schnittgras und heißem Asphalt. Für eine halbe Stunde bist du nur eine Frau, die am Fenster steht und nichts muss. Weil zwei Stumme in einer Wohnung lauter sind als einer. Egal. Er kann deine Hände eh nicht wärmen.

Woche 8

Die Katze legt sich auf deine Brust, weil sie das immer so gemacht hat. Für einen Atemzug, einen einzigen, glaubst du, es sei Haut auf Haut. Du feuerst sie quer durchs Zimmer. Sie kracht gegen den Schrank. Sie schreit. Du schreist. Drei Tage macht das Vieh einen Bogen um dich. Du stellst Futter hin. Du bittest sie um Verzeihung. Am vierten Tag wartet sie morgens vor der Schlafzimmertür. Sie legt sich wieder auf deine Brust. Du lässt es zu. Du beginnst zu zählen, wie oft sie atmet. Du zählst. Du zählst. Du hast das schon einmal gezählt, bis irgendwann die nächste Zahl nicht mehr kam. Du hörst auf. Sie leckt sich die Pfote und fährt sich übers Gesicht. Die Sonne leckt durch das Raffstore.

Hochsommer

Du gehst nicht mehr in die Fußgängerzone. In der Fußgängerzone gibt es nur zwei Sorten Frauen: solche mit Kinderwagen und solche mit dicken Bäuchen. Andere existieren in dieser Stadt offenbar nicht. Du wünschst den Bäuchen schlimme Dinge. Dinge die man niemandem wünscht. Das gehört sich nicht. Es ist dir egal, ob du in die Hölle kommst; bist eh schon da.
Spielplätze: drei Straßen Umweg, weil das Schaukelquietschen wie ein Tier klingt, das nach ihm ruft. Den BMX-Track hinterm Schulhof kannst du nicht umfahren. Das Ratschen der Freiläufe trägt über die ganze Wiese, wenn sie ausrollen. Und dann steht er da. Zwölf. Blond. Dein Bua. Ein Shrek-Pflaster überm Knie und die Schienbeine von den Pedalen verschorft. Er zeigt den Kleineren den Bunnyhop. Wieder und wieder, bis das Vorderrad sauber hochkommt. Weil er selbst tausendmal auf die Fresse geflogen ist, Haut an den Sprüngen gelassen hat. Und sie himmeln ihn an. Wie Ironman.

Nach dem Frühstück

hättest du dich am liebsten gleich nach dem Aufstehen weggekickt, damit der Tag durchsegelt. Murmeltiertag.

Barthlmastag

Die Anrufe der Freunde werden weniger. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen, sie haben Angst, das Falsche zu sagen, also sagen sie nichts. Genau damit lassen sie dich allein. An der Conad-Kasse steht plötzlich die Sonja vor dir, die du seit der Kindergarteneinweihung nicht mehr gesehen hast. Du siehst, wie es ihr aufgeht; wie sich der Mund formt: das M, das E, das I – und du würdest ihr am liebsten die Zähne ausschlagen, bevor das N rauskommt. Aber du kannst nicht. Samstag, halb zwölf. Hinter dir ein Pensionist mit Karfiol, ein Gitschele mit Eis. Du lächelst. „Danke.“ Du lächelst weiter. „Jo, schwar.“ Du lächelst, bis sie weg ist, und legst die Bananen aufs Band: Ein Kilo neunundvierzig.

Ein warmer, sonniger Moment im Herbst

Du kaufst ein. Du kochst nicht, aber du kaufst ein. Milch, Klopapier, die Sorte Kaffee, die er mag. Du stellst alles in die Schränke, an die richtigen Plätze. Du wäschst die Tasse aus. Du setzt dich. Irgendwann fällt dir auf, dass es schon dunkel ist und du den ganzen Tag nicht an ihn gedacht hast. Du atmest. Du hast heute keine Lust auf Carbonara. Du könntest Omelett machen. 

Wimmen

Im Bus klingelt zwei Reihen weiter ein Handy. „Guten Abend, gute Nacht.“ Die Spieluhrmelodie. Der Stoffhase, den du in der Schwangerschaft jeden Abend an den Bauch gehalten hast, damit das Kind einen Anker hätte, wenn es rauskommt; damit das, was außen so grell ist, ihm wenigstens vertraut klingt. Er hat den Hasen nie kennengelernt. Der Hase liegt in einer Schachtel im Keller, eingewickelt in Seidenpapier, in ein altes T-Shirt, in Noppenfolie, in Verpackungschips – damit nie wieder ein Ton daraus zu dir dringt. Es klingelt weiter. Du bewegst dich nicht. Der Busfahrer dreht sich, dann nochmal, dann steht er auf. „Fine corsa, Frau.“ An der dritten Haltestelle zurück, fängt es an zu regnen.

Allerheiligen

Du weißt genau, wie es sein wird. Bild für Bild. Seit drei Wochen probst du es; seit die Allerheiligenkerzen im Conad im Regal stehen. Das ganze Dorf am Friedhof. Das kleine weiße Grab zwischen Steinen, die Jahreszahlen tragen, an die längst niemand mehr Anteil nimmt – 1962, 1987, 2003. Am Abend wirst du einen Ablass gewinnen und versuchen die Teenager zu überhören, die sich auf dem Friedhof aus den Kerzen einen Wachshandschuh gießen.

Du gehst nicht.

Dein Mann steht im Flur. Mantel an. Schal. Die Autoschlüssel in der Hand. Er wartet. Er sagt nichts. Wie immer. Er weiß, dass etwas kommt.

Es kommt.

Du brüllst, dass er froh sei. Erleichtert. Dass er ihn nie so gewollt habe wie du. Dass er voriges Wochenende deiner Schwester gesagt hat, dass es Zeit wird, dass du dich einkriegst – du hast es gehört, in der Küche, am Telefon, du hast es gehört. Dass er kein Vater sei. Dass er nie einer war.

Es trifft. Du siehst, wie es trifft. Etwas in seinem Gesicht macht zu, eine Tür, von innen. Für einen Moment hast du, was du wolltest: ihn ganz unten, bei dir. Seine Hand geht zur Klinke.

„I bin so gohr.“

Die Hand bleibt an der Klinke. Lange. … dann hängt er den Mantel zurück. Den Schal. Die Schlüssel klacken auf das Tischchen, wo früher das Haustelefon stand. Er setzt sich neben dich auf den Boden im Flur. Du nimmst seine Hand nicht gleich. Erst, als er zu zittern aufhört. Auch sie ist eiskalt.
Es ist schon dunkel, als ihr aufsteht. Die Kerze für das Grab steht ungebraucht in der Anrichte. Sie wird dort bis Weihnachten stehen.

Drei Tage vor dem ersten Geburtstag

Du bittest die Ingrid, das Kinderzimmer auszuräumen. Sie ist deine Besti. Sie kann das. Sie kann dir die Wahrheit sagen, ohne dich zu verletzen, und das Gegenteil. Sie soll alles dem Elki schenken oder verkaufen oder spenden – Hauptsache weg. So ist der Plan. Er hat versprochen zu malern ... wenn es leer ist. Er wird es nicht tun. Die zwei Kübel stehen seit Ostern vor der Tür. Sie kommt am Samstag. Sie sagt nichts. Sie umarmt dich nicht. Sie schlüpft durch die Tür, und in dem Moment, in dem sie sie hinter sich zuziehen will, fällt dein Blick auf das Mobile. Sonne, Mond und Sterne. Filz, Garn, ein bisschen Glitter, drei Euro neunzig aus irgendeinem Spielwarenladen. Es dreht sich nicht. Es hängt nur. Die Sonne lächelt. Der Mond schläft. Ingrid sieht es. Ingrid hält die Tür einen Moment offen, fragend. Du nickst. Sie nimmt es zuletzt ab. Drei Tage vor seinem ersten Geburtstag räumst du dein Kind aus. Mütter wie du verdienen keine Kinder.

„Gottes Wille“.