Die PNRR-Lektion
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Jetzt S+ abonnierenDer Nationale Aufbau- und Resilienzplan hat Südtirol in den vergangenen Jahren eine Investitionssumme von bislang ungekanntem Ausmaß beschert. Zum Stichtag 30. Juni 2026 zählte das Land 4.610 genehmigte Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 1,75 Milliarden Euro. Das geht aus dem Abschlussdossier der PNRR-Taskforce des Landes hervor.
Die Bilanz ist allerdings noch keine endgültige Erfolgsrechnung. Zwar ist der PNRR mit Ende Juni formell ausgelaufen, die genehmigten Projekte müssen jedoch erst bis zum Jahresende vollständig verwirklicht werden. Nach der Phase der Anträge, Ausschreibungen und Genehmigungen beginnt damit der entscheidende Endspurt bei der Umsetzung.
Auch Gemeindenverbandspräsident Dominik Oberstaller, der auch der PNRR-Steuerungsgruppe angehörte, zieht eine positive Bilanz. Ökonom Marco Leonardi erklärt die zentrale Lektion des PNRR: Die Gemeinden hätten endlich gelernt, öffentliche Gelder schneller und zielgerichteter in Entwicklungsprojekten auszugeben. Das habe nämlich bis dato in Italien nicht gut funktioniert.
Gemeinden ziehen aus PNRR Lektion
Präsident Dominik Oberstaller zufolge seien die Gemeinden bei der Umsetzung der PNRR-Projekte „sehr gut aufgestellt“ gewesen und hätten sich frühzeitig organisiert. Positive Rückmeldungen habe es auch vom Regierungskommissariat und von der staatlichen Generalrechnungsstelle gegeben.
„Meines Wissens sind alle Projekte, die die Gemeinden betreffen, umgesetzt worden oder befinden sich gerade in der Abschlussphase“, sagt Oberstaller. Von Gemeinden, die an den Fristen oder an den Vorgaben gescheitert seien, sei ihm nichts bekannt. Einfach sei die Abwicklung allerdings nicht gewesen: Die Verantwortlichen hätten sich in staatliche Meldeportale einarbeiten und einen erheblichen bürokratischen Aufwand bewältigen müssen.
„Die Gemeinden haben gelernt, öffentliche Gelder auszugeben!“
Der Ökonom Marco Leonardi, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mailand und früherer Leiter der Abteilung für wirtschaftspolitische Planung unter Ministerpräsident Mario Draghi, sieht in der Arbeit der Gemeinden eine der wichtigsten Leistungen des PNRR. Er erklärt gegenüber SALTO, der Plan habe nicht nur Investitionen ermöglicht, sondern auch die Verfahren grundlegend verändert. Während reguläre EU-Fonds häufig erst nach langen Programmierungs- und Abrechnungszyklen ausbezahlt würden, habe der PNRR mit halbjährlichen Etappen, klaren Zielvorgaben und laufenden Kontrollen mehr Tempo erzeugt.
„Die Gemeinden haben gelernt, öffentliche Gelder auszugeben“, sagt Leonardi. Italien habe bereits vor dem PNRR über Investitionsmittel verfügt, diese aber häufig nicht genutzt. Viele Verwaltungen hätten Projekte aus Sorge vor Fehlern und persönlicher Verantwortung nicht angestoßen oder nur langsam umgesetzt. Der PNRR habe dagegen Fristen, Finanzierung und Verantwortlichkeiten so aufeinander abgestimmt, dass zahlreiche Vorhaben tatsächlich realisiert werden konnten.
Ob daraus auch ein dauerhafter struktureller Wandel entsteht, ist für Leonardi allerdings noch offen. Neue Kindergärten, Schulen und Gemeinschaftshäuser seien zunächst nur Infrastrukturen. Entscheidend wird sein, so Leonardi, ob genügend Personal vorhanden ist, die Organisation funktioniert und ob die laufenden Kosten langfristig finanziert werden können. „Ein gebauter Kindergarten ist noch kein funktionierender Kindergarten“, lautet seine zentrale Botschaft.
Wie wird das Geld verteilt?
Das Geld verteilt sich auf sieben sogenannte Missionen. Der größte Bereich ist die „grüne Revolution und der ökologische Wandel“. Allein dafür wurden 2.333 Projekte im Umfang von 652,3 Millionen Euro genehmigt. Finanziert werden unter anderem Solaranlagen auf landwirtschaftlichen Gebäuden, Fernheizwerke, Abwasser- und Bewässerungssysteme, Elektroladesäulen sowie grüne Busse und Züge. Auch das „Hydrogen Valley Südtirol“, neue Schulgebäude und die „Green Communities“ im Vinschgau fallen in diesen Bereich.
Mit 541 Millionen Euro bildet Bildung und Forschung den zweitgrößten Investitionsblock. Die insgesamt 442 Projekte reichen von neuen Kitas, Kindergärten und Schulsportanlagen über Ganztagsangebote und Maßnahmen gegen Schulabbruch bis zur Weiterbildung des Lehrpersonals. Hinzu kommen Forschungsprojekte der Freien Universität Bozen und der Eurac.
Für Digitalisierung, Innovation, Kultur und Tourismus stehen 236,4 Millionen Euro zur Verfügung. In diesem Bereich wurden 1.298 Projekte genehmigt. Dazu gehören die Überarbeitung des Landesportals myCivis, digitale Dienste für Schulen und Gemeinden, Maßnahmen zur Cybersicherheit und das staatliche Programm „Mille esperti“, über das 22 Fachkräfte bei der Vereinfachung von Verwaltungsverfahren eingesetzt wurden. Gefördert wurden außerdem Projekte zur Aufwertung historischer Ortskerne, etwa in Stilfs, Enneberg und Schnals.
Vergleichsweise wenige, dafür finanziell umfangreiche Projekte umfasst der Bereich nachhaltige Mobilität. Für neun Vorhaben stehen 119,4 Millionen Euro bereit. Im Mittelpunkt stehen die Riggertalschleife und der Virgltunnel, mit denen das regionale Eisenbahnnetz ausgebaut werden soll.
Im Gesundheitsbereich wurden 98 Projekte mit einem Volumen von 112,4 Millionen Euro genehmigt. Vorgesehen sind Gemeinschaftshäuser, wohnortnahe Einsatzzentralen und Gemeinschaftskrankenhäuser. Hinzu kommen Telemedizin, der Ausbau der häuslichen Pflege sowie Investitionen in die technische und digitale Ausstattung der Krankenhäuser.
Deutlich kleiner fällt der Bereich Zusammenhalt und soziale Inklusion aus. Für 49 Projekte wurden 23,7 Millionen Euro bereitgestellt. Sie betreffen unter anderem die Beschäftigungsförderung, weibliches Unternehmertum, den Zivildienst, soziale Dienste, Sportangebote und die städtische Erneuerung. Weitere 64,1 Millionen Euro fließen über die nachträglich hinzugekommene Mission REPowerEU in 381 Projekte, darunter neue Züge, widerstandsfähigere Energienetze und zusätzliche Maßnahmen zur Wasserstoffproduktion.
Ob aus den 4.610 genehmigten Projekten tatsächlich 4.610 abgeschlossene Projekte werden, entscheidet sich nun in den verbleibenden Monaten. Erst nach Ablauf der Umsetzungsfrist wird sich endgültig beurteilen lassen, wie viel vom angekündigten strukturellen Wandel tatsächlich verwirklicht wurde.