Sterberei im Alpenraum
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Jetzt S+ abonnierenIn diesem Sommer sind in Südtirol bisher 18 Männer und 5 Frauen in den Bergen tödlich verunglückt. Die Anzahl der Einsätze unserer Rettungshubschrauber ist in den letzten fünf Jahren um mehr als 20 % gestiegen. Das Rekordjahr war 2022: 158.143 Flugminuten, 4.119 Einsätze, 4.002 Patienten.
Zahlenmystik wie zu Marsilio Ficinos Zeiten. Die Unfalldatenbank der Provinz Südtirol erlaubt eine exakte Erfassung aller Kalamitäten im Gelände, nach Alter, Schwere des Unfalls in bunte Diagramme eingeteilt und numerisch bis auf eine Kommastelle berechnet. Da kann niemand sagen: Der Tod ereignet sich und niemand schaut hin.
„Der Tod in den Bergen wird exakt quantifiziert sowie transparent veröffentlicht.“
Dabei erstreckt sich die Sterberei auf den ganzen Alpehauptkamm: Im Jahr 2024 sind in Österreichs Bergen insgesamt 309 Menschen gestorben. Allein im Juli 2025 sind in den italienischen Alpen 83 Menschen tödlich verunglückt. Die „Dolomiten“ würde titeln: „Immer mehr Tote in den Bergen“. Kurzum: wir sind eine aufgeklärte Gesellschaft und der Tod in den Bergen wird exakt quantifiziert sowie transparent veröffentlicht. So weit, so gut.
Doch warum begibt man sich kontinuierlich und unter erheblichem Aufwand freiwillig in Lebensgefahr? Niemand zweifelt diese Praxis an. Die unterschiedlichen Institute für Alpine Sicherheit und Bevölkerungsschutz verstehen die Frage gar nicht und verweisen kuhäugig auf ihren Zahlenberg.
Der Freitod in den Bergen wird gesellschaftlich nicht nur akzeptiert, sondern mächtig angekurbelt. Kommt es zu einem Unglück, bescheiden wir uns in einem unausgesprochenen Konsens und in einer antiken Resignation vor dem alleszermalmenden Schicksal, die Toten zu zählen. Die Todessehnsucht ist in Wahrheit ein Geheimnis, das tief in der menschlichen Seele begraben liegt.
Kurios ist einzig, dass sich die Sehnsucht auf die Freizeit beschränkt. In der Arbeitswelt - und auch sonst wo - ist das glatte Gegenteil der Fall. Hier gilt Sicherheit als oberste Priorität: Arbeitssicherheit, Verkehrssicherheit, Sicherheit beim Tiramisu-Essen und so weiter.
„Es sei lediglich an die Schwimmreifen erinnert, auf denen in 26 Sprachen moniert wird, dass man sie nicht essen soll.“
Alle Parteien, besonders die rechten, werben damit. Die Sicherheitsauflagen häufen sich von Jahr zu Jahr und erreichen Spitzen, deren Irrationalität lyrische Ausmaße annimmt. Es sei lediglich an die in Italien verpflichtenden Kindersitze mit integriertem Alarmsignal erinnert, sowie an die allseits verbreiteten Schwimmreifen, auf denen in 26 Sprachen moniert wird, dass man sie nicht essen soll.
Was ich sagen will: Wenn wir dieselben Sicherheitsstandards eines öffentlichen Gebäudes auf einen alpinen Wanderweg anwendeten, wäre kein Berg mehr zugänglich. Die Seiser Alm könnte im besten Fall mit einem Airbag in der Unterhose begangen werden.
Sie werden vielleicht sagen: Das sind zwei paar Schuhe. Das stimmt, aber verunglücken können Sie sowohl bei der Arbeit als auch beim Wandern. Die Sicherheitsauflagen sind nicht nur in der Art verschieden, sondern zumal in ihrem Ausmaß.
Warum?
Das weiß kein Mensch.
Doch der Sicherheitswahn im Alltag sowie der Todeswahn auf den Bergen haben eines gemeinsam: Beide kurbeln sie mächtig die Wirtschaft an.
Sorry, aber was soll der…
Sorry, aber was soll der Blödsinn? Wer bei Unfällen am Berg von Freitod und Todeswahn spricht, hat wohl völlig daneben gehaut.
Sowas kann man doch nur…
Sowas kann man doch nur völlig losgelöst von der Realität schreiben. Diese Kolumne - eine Kalamität.
Ach, Herr Pizzinini, ich…
Ach, Herr Pizzinini,
ich weiß ja, Kolumnen dürfen überspitzt sein. But, seriously? Warum die Sicherheitsauflagen bei individuellen Freizeitbeschäftigungen andere seien als in Ausübung einer beruflichen Tätigkeit? Das „verstehe kein Mensch“?
Ich bin perplex, erkläre es aber gerne.
Das eine ist eine individuelle Freizeitbeschäftigung, zu der Sie niemand zwingt - und für die nur Sie selbst haften, Verantwortung übernehmen, und mit den Konsequenzen leben oder sterben müssen. Das andere ist ein Job, für dessen Rahmenbedigungen jemand Verantwortung übernehmen muss, den sie auf Weisung von oben ausführen und nicht einfach mal sein lassen können, und für den auch Berufsunfallsversicherungen verpflichtet sind, im Schadensfall einzuspringen. Es steht hoffentlich für alle hier außer Frage, dass der Schutz von Arbeitnehmern in unserer Gesellschaftsordnung seine Legitimation hat.
Und für die Risiken im Freizeitbereich? Nun, wir leben ein hoffentlich weitgehend freies Leben. Wollen wir etwa Bergwanderungen verbieten? Das Skifahren? Am Wochenende mit dem Rennrad flitzen? Leichtathletik? Oh mein Gott, was sagen wir zum Schwimmen in freien Gewässern? Und das Autofahren dann? Trommelfellbeschädigungen bei Technoraves? Himmel, es ist sogar so, dass übermäßiges Lesen bei schlechter Beleuchtung unsere Sehstärke beeinträchtigen wird.
Das normale Lebensrisiko (ein auch juristischer Begriff, und schlagen Sie es gerne nach, damit ziehe ich auch eine völlig eindeutige Linie zu den ebenfalls juristisch und versicherungstechnisch definierten Extrem- oder Gefahrensportarten) begleitet uns - nun ja, das ganze Leben lang. Und das ist dann bitte auch völlig in Ordnung.
Wenn Sie persönlich nicht Berggehen möchten, weil Sie beispielsweise mit dem Risiko, an einem ausgesetzten Grat zu stürzen nicht umgehen möchten, ist das völlig legitim darauf zu verzichten. Aber dichten Sie bitte nicht jenen, die das tun, Freitod oder Todeswahn an.
Tragische Bergunfälle mit…
Tragische Bergunfälle mit Begriffen wie „Freitod“ oder „Todeswahn“ zu kommentieren, ist nicht nur kompletter Unsinn, sondern überaus respektlos und unsensibel gegenüber den Angehörigen. Ich habe selbst einen guten Freund am Berg verloren - für ihn war der Berg die pure Lebenslust - und solche Beiträge sind für mich nicht tragbar. Ich bin auch überaus enttäuscht von Salto, dass ein solcher Mist veröffentlicht wird, weswegen ich mein Abo umgehend gekündigt habe.
Gelungene Satire und…
Gelungene Satire und intelligenter Sarkasmus treffen das Wesentliche auf den Punkt, während sie den Sachverhalt gekonnt persiflieren. Schade, dass Ihnen das in Ihren Kolumnen konsequent misslingt.