Musik | Dialekt-Pop

„Das macht mich wahnsinnig happy“

Die „Lei Liebe“-Tournee läuft. Max von Milland und Simon Gamper sprechen über den Weg zur künstlerischen Freiheit, gelebte Dialekt-Identität und ein starkes Miteinander.
Max von Milland und Die brennenden Herzen
Foto: Max von Milland
  • SALTO: Max, Simon, die Tour ist nun offiziell gestartet. Wohin führt sie die Band nach dem Auftakt in Innsbruck? 

    Max von Milland: Sie ist gestreckt. Nach Innsbruck sind wir viel in Bayern und Tirol unterwegs. Ein Highlight sind die Konzerte mit der Kölner Band Kasalla, die ebenfalls im Dialekt singen. Wir kennen uns gut, haben schon ein Stadionkonzert in Köln supportet. Es geht nach Nürnberg, München, Stuttgart und dann wieder zurück in die Heimat. 

    Wie viel neues Material ist dabei? 

    Simon Gamper: Es sind tatsächlich viele neue Songs dabei, da Max neue Lieder geschrieben und mit Kilian Reischl produziert hat. Das ist für uns als Band voll fein. Was für mich als Musical Director besonders cool ist: Max hat mittlerweile einen so reichhaltigen Backkatalog. Wir konnten Lieder ausgraben, die wir vier Jahre lang nicht gespielt haben, und uns fragen: „Wieso eigentlich nicht?“ Wir haben circa die halbe Setlist ausgetauscht. 

    Max:  Die Songs begleiten mich lange, aber jetzt kommen sie in einem anderen Gewand daher. 

     

    Das macht mich wahnsinnig happy.

     

    Früher hatte ich oft das unglückliche Gefühl, die Lieder nicht so vortragen zu können, wie sie gedacht waren. Mit Simon und der ganzen Band präsentieren wir sie nun genau so. Das macht mich wahnsinnig happy. 

     

  • Mit Simon und der ganzen Band präsentieren wir die Songs genauso, wie sie gedacht waren. Das macht mich wahnsinnig happy.: Foto: rmiamariaknoll
  • Max von Milland und die brennenden Herzen: HOI
    (c) Max von Milland

  • Wenn du auf die vergangenen Jahre zurückblickst: Wie hat sich dein Gefühl zum Songschreiben verändert? 

    Max: Das war ein einschlägiges Erlebnis. Früher wollte ich gesehen werden und habe Songs schon während der Entstehung darauf geprüft, ob sie bei großen Sendern funktionieren könnten. Der „Switch“ kam mit der Erkenntnis: Ich tue das für mich. Das hat mir eine brutale Freiheit gegeben. Ich habe da viel von Simon gelernt, weil wir so unterschiedliche kulturelle Prägungen haben: Ich komme eher aus der Pop-Situation, wo es darum geht, ob ein Song auf Bayern 3 läuft – Simon hingegen kommt aus einer Ecke, wo Provokation – etwa ein brennendes Klavier auf dem Dorfplatz – Teil des Konzepts ist. Diese Welten haben sich gefunden. 

    Simon: Das stimmt. Da wir jetzt schon länger als fünf Jahre zusammenarbeiten, ist eine tiefe Vertrauensbasis da. Niemand verfolgt eine eigene Agenda. 

     

     Mein Ziel ist eine richtig gute Live-Show.

     

    Wir arbeiten alle in eine gemeinsame Richtung, ohne uns ständig gegenseitig kontrollieren zu müssen. Mein Ziel ist eine richtig gute Live-Show. Ein Fan soll nicht denken: „Für einen Südtiroler ist es ganz toll“ oder „Auf CD gefallen mir die Lieder besser“. Die Show muss für sich stehen. Dabei ist es meine Aufgabe, die künstlerische Tiefe der Songs zu bewahren und gleichzeitig die Balance zum Live-Erlebnis zu finden. Wir haben Erlebnisse in Venues wie der Elbphilharmonie geteilt, da baut sich eine Beziehung auf, in der man merkt, dass jeder am Erfolg mitarbeiten will. 

  • Multiinstrumentalist und Musical Director: Simon Gamper: Foto: rmiamariaknoll
  • Wie sieht eure Zusammenarbeit konkret aus? 

    Simon: Ich kümmere mich um die musikalische Leitung – vom genauen Zeitplan bis zu den Soundvorgaben für die einzelnen Musiker. Das ist eine Probenleitung, wie man sie auch mit einem Orchester machen würde.

     

    Jeder weiß, was sein Job ist.

     

     Dadurch konnte ich Max viele Aufgaben abnehmen, die ihn früher davon abgehalten haben, einfach nur präsent zu sein. Jetzt hat er ein Fundament und kann seine Frontman-Aufgabe voll ausfüllen. Jeder weiß, was sein Job ist. Wenn Kilian Reischl als Produzent unten steht und sagt: „Ich höre es an und wir machen das jetzt so“, dann ist das super, denn einer muss entscheiden, damit das Konzert nicht durch Fehlentscheidungen flach fliegt. 

    Max: Das kann ich nur bestätigen. Ich wusste anfangs gar nicht, dass es den Begriff „Musical Director“ überhaupt gibt. Früher war ich als Label-Chef, Songwriter, Produzent und Band-Leiter total überfordert. Man delegiert, um gemeinsam etwas Größeres zu kreieren. Es ist ein schlankes Team – mit Claus Stecher für die Technik und Kilian Reischl, als Produzent. Wir investieren zum Beispiel Wochen in Licht und Sound, um diesen professionellen Schritt zu machen. Ich habe gelernt zuzulassen und abzugeben. 

  • Emily Ferri, Roby Nogler, Max von Milland, Simon Gamper und Teresa Staffler: Foto: Jakob Lauber
  • Ihr singt im Dialekt. Wird das in Südtirol manchmal kritisch hinterfragt? 

    Max: Lustigerweise bekomme ich diese Frage fast nur in Südtirol gestellt. Draußen, in Bayern zum Beispiel, würden sie mich ausbuhen, wenn ich plötzlich auf Hochdeutsch sänge. Dialekt ist meine Identität. Ich kann dem Publikum nur meinen Blick auf die Welt anbieten. Wie das interpretiert wird, liegt bei den Leuten selbst. 

    Wie steht ihr zur Dialekt-Debatte im Landtag? 

    Max: Ich habe eine klare Meinung: In einem Land mit drei Sprachgruppen muss man Kompromisse suchen, wenn sich ein italienischsprachiger Mitbürger mit dem Dialekt schwertut. Aber die Grundfrage ist: 

     

     Spricht man Dialekt, um jemanden auszugrenzen?

     

    Was ist die Intention? Spricht man Dialekt, um jemanden auszugrenzen? Wenn jemand den Dialekt wirklich nicht versteht, wechsle ich gerne zum Hochdeutschen. Wenn man mir aber jemand sagen würde: „Du musst Hochdeutsch reden“, obwohl der oder diejenige in Bozen aufgewachsen ist, dann sage ich: Nein, tut mir leid. 

    Simon: Die Frage ist: Warum rede ich Dialekt? Wenn Sprache identitätsstiftend ist, sollte sie im Austausch mit anderen nicht ausgrenzen. Man verliert seine Identität nicht, wenn man sich in der Mitte trifft. Es ist gut, wenn  regierende Menschen, wissen, dass außerhalb der Südtiroler Grenze auch noch eine Welt existiert. 

  • Die Band

    • Der Künstler: Max von Milland ist seit über einem Jahrzehnt als erfolgreicher Liedermacher in der deutschsprachigen Musikszene verwurzelt. Sein Schaffen umfasst bisher fünf Studioalben: „Woher i eigentlich kimm“ (2013), „Bis dir olls wieder gfollt“ (2015), „Bring mi hoam“ (2018), „Der Oanzige“ (2021) und zuletzt „Eisack“ (2023) und die EP„HOI“   

    • Die Band: Unter dem Namen „Die Brennenden Herzen“ agiert eine fest eingespielte Formation: 

    • Roby Nogler, Schlagzeug, Backing Vocals 

    • Simon Gamper, Multiinstrumentalist, Backing Vocals 

    • Teresa Staffler, Keyboards, Akkordeon, Backing Vocals 

    • Emily Ferri, Keyboards, Akkordeon und Backing vocals 

    • Technische Leitung: Claus Stecher leitet die Technik, Kilian Reischl zeichnet als Produzent für den aktuellen Sound verantwortlich. 

         INFOS zur Tour

  • Habt ihr Rituale vor den Konzerten? 

    Simon: Wir versuchen eigentlich immer, eine halbe Stunde vorher auf die Bühne zu gehen, um uns in Ruhe einzuwärmen. Das ist unser Moment, in dem wir meistens einen Jodler singen. Aber in der Realität klappt das oft nicht so ganz, weil der Max einfach viel zu freundlich ist. Er kann niemanden wegschicken, und so kommen oft noch direkt vor dem Auftritt Leute oder Fans zu ihm. 

    Max: (lacht) Ja, das stimmt. Aber das gehört für mich dazu. Auch wenn ich heute Nacht wieder kaum geschlafen habe – nicht wegen negativer Gedanken, sondern weil ich einfach dieses „Lass mich aufs Schlachtfeld“-Gefühl habe. Sobald ich den In-Ear rein tue, wird es dann sowieso leise und ich bin ganz bei mir.

  • Foto: Jakob Lauber