Gesellschaft | Equal Pay Day

Ungleich bezahlt - immer noch

Der geschlechterbasierte Lohnunterschied in Südtirol ist 2024 im Privatsektor gestiegen und liegt bei Vollzeit nahe 20 Prozent. Ursache laut Evelyn Kirchmaier (Südtiroler Unternehmerverband): strukturelle Probleme und fehlende Kinderbetreuungsangebote.
Bild: Seehauserfoto

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Europaweit betrug der Gender Pay Gap zuletzt 11,1 Prozent. In Südtirol betrug die Distanz zwischen den Lohnniveaus bei Frauen und Männern im Jahr 2024 im Privatsektor bei Vollzeitbeschäftigung 17,5 Prozent pro Arbeitstag. Der Wert steigt im Vergleich zum Wert von 2023 (17,3 %) leicht an. 

Lehrlinge hui, Führungskräfte pfui: Während weibliche Führungskräfte fast ein Viertel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, übertrumpfen die Löhne der weiblichen Lehrlinge die der männlichen um über 16 %. SALTO/Alin Sellemond

Die Zahlen gehen aus einem aktuellen Statistikblatt des AFI-IPL sowie einer Statistik des Landesinstituts für Statistik (ASTAT) hervor. Der Gender Pay Gap in der Privatwirtschaft liegt in Südtirol damit deutlich höher als im italienweiten Vergleich und sogar an der Spitze der gesamtstaatlichen Rangliste. Bezogen auf alle Sektoren lag der geschlechterbasierte Lohnunterschied in Südtirol bei 12,4 Prozent.

Im öffentlichen Dienst beläuft sich der Gender Pay Gap hingegen auf 12,2 Prozent, was in Italien der niedrigste jemals verzeichnete Wert ist. Auch gesamtstaatlich ist in diesem Sektor der Gender Pay Gap am geringsten.

SALTO/Alin Sellemond

In absoluten Zahlen ausgedrückt, wird deutlich wie groß die Abstände bei den Entlohnungen zwischen Männern und Frauen sind. Frauen in leitenden Führungspositionen in der Privatwirtschaft verdienen im Durchschnitt rund 51.000 Euro weniger pro Jahr als Männer. In den meisten untersuchten Berufsgruppen erzielen Männer im Schnitt höhere Einkommen, mit einer Ausnahme: Weibliche Lehrlinge verdienten 2024 im Schnitt fast 1.000 Euro mehr als männliche.

Amhofs Erklärung

Personallandesrätin Magdalena Amhof erläutert die Hintergründe der ungleichen Bezahlung im öffentlichen Dienst folgendermaßen: Zwar erhalten Männer und Frauen bei gleicher Funktion, gleichem Dienstalter und gleicher Arbeitszeit dasselbe Grundgehalt, dennoch bleibt die tatsächliche Einkommenssituation ungleich – was die Grenzen der formalen Gleichbehandlung deutlich macht und strukturelle Defizite im System offenlegt: „Mit zunehmendem Alter und in höheren Führungspositionen geht auch im öffentlichen Dienst die Lohnschere zwischen Mann und Frau tendenziell weiter auseinander“, so Amhof. Das sei der ungleichen Verteilung von Arbeitszeit und Verantwortung geschuldet: Frauen arbeiteten häufiger in Teilzeit und seien in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert.

Gleichzeitig würden Männer überproportional von zusätzlichen Zulagen, etwa durch Überstunden oder Außendienste profitieren. Die Übernahme von familiären Pflichten und Care-Arbeit wirkten sich auf das monatliche Gehalt aus, denn diese Jobs lasteten weitestgehend immer auf den Schulterbn der Frauen. „Das spiegelt sich dann in niedrigeren Renten wider“, schließt Amhof. Es sei bekannt, dass Handlungsbedarf bestehe, um diese strukturelle Schieflage zu beheben.

Kinderbetreuung als Schlüsselproblem

Die Vizepräsidentin des Südtiroler Unternehmerverbandes, Evelyn Kirchmaier, weißt auf das gesetzliche Verbot einer Gender Pay Gap hin. Effektive Lohnunterschiede erklärt sie sich ebenfalls mit strukturellen Problemen. „Vielfach arbeiten Frauen in Berufen, wie etwa im sozialen Bereich, die eine niedrige Produktivität und demnach niedrigere Löhne aufweisen.“, sagt sie. Hier gelte es vor allem junge Frauen zu animieren, auch technische Berufe zu ergreifen.

Evelyn Kirchmaier fordert: Mehr Kita-Plätze sowie flexible, ganztägige und ganzjährige Betreuung für alle Altersstufen. markas

Außerdem spielen Mutterschaft und Teilzeit-Anstellungen nach wie vor bei dieser Thematik eine bedeutende Rolle, insbesondere im Privatsektor. Umso wichtiger sei es, wie Kirchmaier betont, ein zeitgemäßes, flexibleres Betreuungssystem für Familien zu schaffen, das sich an die moderne Arbeitswelt anpasse.

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„Unser Ziel muss es sein, Frauen verstärkt in die Arbeitswelt zu integrieren. Wir brauchen mehr Mitarbeiterinnen, auch in Führungspositionen, und auch mehr Unternehmerinnen“, betont Kirchmaier. Kirchmaier fordert einen deutlichen Ausbau der Betreuungsangebote, um dem entgegenzuwirken: Mehr Kita-Plätze sowie flexible, ganztägige und ganzjährige Betreuung für alle Altersstufen seien notwendig, sowie Mensa-Angebote, Ganztagesmodelle und zusätzliche Sommerprogramme im ganzen Land.

Wer geht arbeiten? Wer macht den Haushalt?

Neben den Einkommensunterschieden zeigen die Daten des AFI-IPL auch deutliche Unterschiede bei der Erwerbsarbeit: Laut einer vom AFI-IPL ausgewerteten ASTAT-Erhebung gaben 45,4 Prozent der Frauen ab 14 Jahren an, keiner bezahlten Arbeit nachzugehen, bei den Männern waren es 35,3 Prozent. Gleichzeitig arbeitet ein deutlich geringerer Anteil der Frauen in hohem Stundenausmaß: Nur 7,1 Prozent leisten mehr als 40 Wochenstunden, bei den Männern sind es 21,3 Prozent.

Umgekehrt zeigt sich bei der Hausarbeit ein deutlich anderes Bild. Während 25,1 Prozent der Männer angaben, dafür überhaupt keine Zeit aufzuwenden, trifft das nur auf 11 Prozent der Frauen zu. Knapp die Hälfte der Männer (47 Prozent) investiert weniger als zehn Stunden pro Woche in Hausarbeit, bei den Frauen sind es 33,2 Prozent. Dagegen leisten Frauen deutlich häufiger einen hohen zeitlichen Aufwand: 34,3 Prozent wenden zwischen 10 und 29 Stunden auf, und 8,3 Prozent sogar mehr als 40 Stunden pro Woche – bei den Männern sind es lediglich 1,8 Prozent.