Vom hybriden Krieg zur Deutschen Bahn
-
Wie stehen die Krisen der Gegenwart in Zusammenhang mit der Wirtschaft? Nach den Begrüßungen durch Landeshauptmann Arno Kompatscher, Unternehmerverbandspräsident Alexander Rieper und Sparkassenpräsident Gerhard Brandstätter ging es beim Südtiroler Wirtschaftsforum gleich ans Eingemachte. EU-Kommissar Magnus Brunner sprach von der „neuen Weltunordnung“, Ex-NATO-General Hans-Lothar Domröse sieht die NATO nicht gefährdet, Innovationsberaterin Ulrike Tagscherer warnte vor Europas Trägheit, Flixbus-Mitgründer Daniel Krauss predigte Mut zum Risiko. Am stärksten wirkte der Nachmittag aber als Evelyn Palla, die Südtirolerin an der Spitze der Deutschen Bahn, die Bühne betrat.
Mit dem Programm des Südtiroler Wirtschaftsforums hat man sich heuer viel vorgenommen – und offen gesagt auch eingehalten. Denn in einer Zeit von Unsicherheit, Verwirrung und Krieg, zeigten die Referierenden auf, wie wichtig der „Mut zur Idee“ bleibt. Ganz zu schweigen davon, dass zu Beginn des Tages so manches Start-up dem Publikum bereits anfangs die Kinnladen herunterklappte.
-
EU, der verlässliche und träge Partner
Magnus Brunner: Für den EU-Kommissar ist klar: „Wir haben uns zu sehr auf andere verlassen“. Foto: DO/SALTOEU-Kommissar Magnus Brunner bestimmte die Richtung. Zu Beginn der Vortragsreihe sprach der EU-Kommissar von einer ‚neuen Weltunordnung‘. „Wir haben uns zu sehr auf andere verlassen“, so seine Diagnose. Bei der Sicherheit, bei der Energieversorgung, in wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Brunner zeichnete das Bild einer Union, die sich neu aufstellen müsse, weil Russland eine anhaltende Bedrohung bleibe. Im Gegenzug stelle die EU für andere Weltregionen wieder stärker einen stabilen Partner dar.
Interessant war dabei weniger der übliche Europapathos als die Reibung in Brunners Argumentation. Einerseits warb er für mehr europäisches Selbstbewusstsein, und nannte Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Stabilität als globale Standortvorteile.
Andererseits räumte er sehr offen ein, wie schwerfällig die EU an gewissen Stellen arbeitet. Ob Binnenmarkt oder Entbürokratisierung: Brunner landete mit seiner Argumentation schließlich beim selben Problem: Europa gibt sich politisch ambitioniert, in der Umsetzung stockt es oftmals aber an den Einzelinteressen von 27 Mitgliedstaaten. Er zeigte sich offen für eine Debatte über das Ende des Einstimmigkeitsprinzips.
Kritik am EinstimmigkeitsprinzipDas Einstimmigkeitsprinzip bedeutet, dass eine Entscheidung nur getroffen werden kann, wenn alle Mitgliedstaaten zustimmen. Das Einstimmigkeitsprinzip in der EU wird stark kritisiert, da es zentrale Entscheidungen, besonders in der Außen- und Steuerpolitik, blockiert und die Union handlungsunfähig machen kann. Kritiker fordern den Übergang zu Mehrheitsentscheidungen, um Handlungsfähigkeit zu steigern.
Kritik am Einstimmigkeitsprinzip
Hans-Lothar Domröse: „Es ist die Frage, entweder man hat sich komplett verschätzt oder eine Person ist beratungsresistent.“ Foto: DO/SALTONoch entschiedener sprach Hans-Lothar Domröse. Der ehemalige NATO-General verließ die Brüsseler Diplomatiesprache und verortete die Gegenwart mitten im hybriden Krieg. Domröses zentrale Botschaft war klar: Europa müsse sicherheitspolitisch endlich erwachsen werden. Aufrüstung, Investitionen in Technologieinnovation und strategische Eigenständigkeit seien keine aggressiven Fantasien, sondern die Voraussetzung dafür, nicht selbst zum Spielball anderer zu werden.
„Die Amerikaner wissen, dass wir ihnen den Rücken frei halten.“
Diplomatie kam in diesem Weltbild zwar vor, ist aber nur eine Option, wenn auf der Gegenseite überhaupt noch ein ernsthafter Verhandlungspartner vorhanden ist. Auch wenn der Vortrag wahrscheinlich, der unterhaltendste der Reihe war, hinterließ er doch irgendwie einen skurrilen Nachgeschmack. Das Wirtschaftsforum im behüteten, eingekesselten Bozen bedient sich eines immer direkteren Kriegsjargons. Und das nicht ohne Grund: Cyberangriffe auf den Deutschen Bundestag und russische U-Boote vor den britischen Inseln seien längst Alltag, erklärt der ehemalige NATO-General.
Dafür ist er sich sicher, dass Trump keine ernste Gefahr für die NATO sei: „Die Amerikaner wissen, dass wir ihnen den Rücken freihalten. Irgendjemand muss hinten aufpassen, wenn die Amerikaner nach Asien wollen“, so Domröse mit ironischem Unterton.
Auch in den wirtschaftsnahen Beiträgen dominierte die Diagnose: Nicht der Mangel an Ideen ist Europas Problem, sondern die Angst, sie umzusetzen. Ulrike Tagscherer, ehemalige Innovationschefin bei Kuka, machte das am Beispiel Kodak fest. Gescheitert sei das Unternehmen nicht an fehlender Technologie, sondern an Selbstzufriedenheit und Zögern. Während sich die Digitalkamera durchsetzte. Gerade in Krisen, so ihre Botschaft, brauche es mehr Risikobereitschaft – nicht weniger.
Daniel Krauss, Gründer von Flixbus, übersetzte diese Kritik in unternehmerische Praxis. Innovation, so seine These, entstehe selten durch radikale Brüche. Entscheidend seien letztlich nicht die Idee, sondern Geschwindigkeit und Mut zur Umsetzung. Lautstarke Betonung bei beiden Referierenden war die unbedingte Offenheit für den ‚Gamechanger‘: Künstliche Intelligenz.
„Eisenbahn? Niemals.“Dass SWZ-Chefredakteur Christian Pfeifer sie als Frau ankündigte, „auf die wir Südtiroler ein bisschen stolz sind“, war keine bloße Heimatformel. Eine Südtirolerin an der Spitze eines der größten und zugleich am stärksten kritisierten Infrastrukturkonzerne Europas – das erzeugt Aufmerksamkeit, und nicht nur aus regionalem Stolz.
Palla beschönigte dabei nichts: „Ich werde ja auch nicht müde, in der Öffentlichkeit zu sagen: Es wird erst in zehn Jahren wirklich besser“. Das deutsche Schienennetz sei über Jahrzehnte kaputtgespart worden, der Investitionsrückstau betrage 130 Milliarden Euro, die Zahl der Baustellen ist rekordverdächtig.
Wer auf diesem Netz unterwegs sei, dem könne man keine Wunder versprechen. Sie erlebe die Bahn „genauso wie alle anderen“, also inklusive Verspätungen und struktureller Mängel. Gerade das sei für sie entscheidend: „Nur wer sein Produkt aus Kundensicht kennt, kann es verändern“.
Auf die Anfrage von Christian Kern, damals noch ÖBB-Chef, reagierte sie zunächst mit Skepsis: „Eisenbahn? Niemals.“ Aber die Vision, aus einem schwerfälligen Staatsbetrieb ein kundenorientiertes Unternehmen zu formen, überzeugte sie. Die Begeisterung lag für Palla damals in der Transformation: „Etwas, was noch nicht richtig funktioniert, besser zu machen für die Menschen“.
„Ich bin grundsätzlich nicht aus der Bahn zu werfen.“
Die Frage, warum man sich einen derart exponierten und oft undankbaren Job überhaupt antut, beantwortet Palla pragmatisch: „Tausend wissen, wie es besser geht, aber keiner will es machen“. Für sie selbst sei ausschlaggebend gewesen, dass sie das Unternehmen vor ihrer Ernennung zur Vorstandsvorsitzenden bereits kannte, an dessen Potenzial glaubt und einen Weg sieht, es aus der Krise zu führen.
Kritik, meist gebündelt auf die Person an der Spitze, sei schlicht Teil des Systems. Sie werde nicht verschwinden, zumindest nicht kurzfristig. „Ich bin grundsätzlich nicht aus der Bahn zu werfen“, ein Satz, den sie selbst mit einem Augenzwinkern als Voraussetzung für den Job versteht.
Vielleicht war das die eigentliche Lehre dieses Nachmittags: Lasst euch nicht von außen beirren. Denn es sind genau die Zeiten der Krise, die Nischen, Notwendigkeiten und Chancen aufwerfen.
Weitere Artikel zum Thema
Politik | TrasportiPalla confermata dal consiglio
Wirtschaft | BahnverkehrBBT-Zulaufstrecke soll genehmigt werden
Politik | LandesregierungGrünes Licht für BBT-Tunnel im Unterland
Danke für diesen Artikel!…
Danke für diesen Artikel! Ich fühle mich informiert.
Das Problem der E U liegt…
Das Problem der E U liegt bei den „an den Marionetten-Fäden der Wirtschaft zappelnden armseeligen Politikern, die nur in Wahl-Perioden - + nur an einer möglichst hohen eigenen Versorgung denken können ...!“