Was bleibt vom Menschen?
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Als Prof. Martin M. Lintner bei der Studientagung Mensch-Macht-Maschine am 6. Mai in Brixen das Wort ergriff, wurde schnell klar, dass es ihm nicht um eine einfache Technikdebatte ging. Der Dekan der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen spannte vielmehr einen großen philosophischen und ethischen Bogen über das Verhältnis von Mensch und künstlicher Intelligenz. Die Tagung war von der PTH gemeinsam mit EURAC Research konzipiert worden und kreiste um die Frage, wie datenbasierte Systeme unser Verständnis vom Menschsein verändern.
Reduziert sich menschliche Intelligenz tatsächlich auf kognitive Leistung?
Lintner begann nüchtern. Datenbasierte Systeme, erklärte er, seien in einem bestimmten Bereich der menschlichen Intelligenz den Menschen längst überlegen: bei der Verarbeitung großer Datenmengen. Künstliche Intelligenz könne Informationen schneller, effizienter und in weit größerem Umfang verarbeiten als jedes menschliche Gehirn. Darin liege ihre Stärke. Doch genau an diesem Punkt setzte seine zentrale Frage an: Reduziert sich menschliche Intelligenz tatsächlich auf kognitive Leistung?
Der bekannte Moraltheologe widersprach entschieden. Menschen seien eben nicht nur informationsverarbeitende Maschinen. Zur menschlichen Intelligenz gehörten ebenso soziale und emotionale Kompetenzen: Beziehung, Kommunikation, Empathie, emotionale Wahrnehmung. Während künstliche Intelligenz auf neuronalen Netzwerken und Datensätzen beruhe, funktionierten menschliche Emotionen über hochkomplexe hormonelle und physiologische Prozesse. Maschinen könnten Gefühle simulieren, aber nicht erleben. Das sei zunächst kein Problem, betonte Lintner. Problematisch werde es erst dort, wo der Mensch beginne, sich selbst nach dem Vorbild der Maschine zu definieren. -
„Emotionale Kompetenz funktioniert aber vollkommen anders als diese neuronalen Netzwerke, hauptsächlich über den Hormonhaushalt, über Hormone, die ausgeschüttet werden, und die Rezeptoren dieser Hormone, die dann zu bestimmten subjektiven Bewusstseinszuständen führen.“ Damit führte er in seine Kritik am Trans- und Posthumanismus ein. Der Transhumanismus versuche, die biologischen Grenzen des Menschen technisch zu überwinden – Alter, Krankheit, Sterblichkeit. Der Posthumanismus gehe noch weiter und stelle den Menschen selbst infrage. Lintner schilderte die Vision mancher Tech-Unternehmer, das menschliche Bewusstsein eines Tages wie Daten auf eine Festplatte übertragen zu können, um so eine Art digitale Unsterblichkeit zu erreichen. Philosophisch stelle sich dabei die grundlegende Frage: Was macht menschliche Identität eigentlich aus? Ist der Mensch bloß die Summe gespeicherter Informationen – oder gehören Körperlichkeit, Beziehungen und gelebte Erfahrung untrennbar dazu?
Ursprünglich habe man Maschinen entwickelt, um menschliche Fähigkeiten nachzuahmen. Nun drohe das Gegenteil.
„Was macht beim Menschen die Identität aus, was macht beim Menschen das Bewusstsein aus? Besteht das Bewusstsein ganz einfach nur aus kognitiven Inhalten, die wir auf eine Festplatte speichern können oder ist es nicht sehr viel mehr, zum Beispiel auch die Beziehung zu unserer Körperlichkeit?“
Eindringlich warnte Professor Lintner vor einer schleichenden Umdeutung des Menschenbildes. Ursprünglich habe man Maschinen entwickelt, um menschliche Fähigkeiten nachzuahmen. Nun drohe das Gegenteil: Der Mensch werde zunehmend daran gemessen, wie maschinenähnlich er funktioniere. Effizienz, Geschwindigkeit und Datenverarbeitung würden zum Maßstab des Menschseins. Viele Eigenschaften, die Menschen ausmachen – Verletzlichkeit, Empathie, moralisches Urteilsvermögen – gerieten dabei aus dem Blick.„Dann legt dieser Roboter seine Hand auf die Hand des Patienten und spricht, ich bin da, sei unbesorgt...“
An Beispielen machte Lintner deutlich, wie weit diese Entwicklung bereits reicht. Er sprach über Studierende, die wissenschaftliche Arbeiten von KI-Systemen verfassen lassen, über Priester, die Predigten mit Chatbots schreiben, und über Journalismus, bei dem künstliche Intelligenz längst in der Lage sei, Texte schneller und oft auch sprachlich besser zu produzieren als Menschen. Doch die entscheidende Frage sei nicht nur, was KI könne, sondern was Menschen bewusst nicht an Maschinen delegieren sollten. Journalismus etwa bestehe nicht nur aus Informationsproduktion, sondern auch aus Verantwortung, Einordnung und gesellschaftlichem Ethos. Besonders sensibel sei der Gesundheits- und Pflegebereich. Dort könnten Roboter und KI-Systeme viele Aufgaben übernehmen und menschliche Arbeit entlasten. Gleichzeitig stellte Lintner bedrückende Szenarien vor: demenzkranke Menschen, die von menschenähnlichen Robotern beruhigt werden, künstliche Stimmen verstorbener Angehöriger, emotionale Simulation statt echter Beziehung.Die Frage, die im Raum stand, lautete nicht mehr nur: Können Maschinen das? Sondern: Wollen wir das wirklich? „Dann legt dieser Roboter seine Hand auf die Hand des Patienten und spricht, ich bin da, sei unbesorgt und dann beruhigt er sich. Stellen Sie sich vor, es ist Ihre Mutter, es ist Ihr Vater. Können wir das wollen?“
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„Maschinen sind nicht moralfähig.“
Immer wieder kehrte Lintner zum Begriff der menschlichen Würde zurück. Maschinen seien nicht moralfähig, sagte er. Sie könnten Regeln anwenden, aber nicht im eigentlichen Sinn ethisch urteilen. Menschen dagegen seien in der Lage, Normen auf konkrete Situationen anzuwenden. Er verwies dabei auf die aristotelische Tradition der „Epikie“, also der klugen Anwendung allgemeiner Regeln auf den Einzelfall. Genau diese Fähigkeit fehle datenbasierten Systemen.
Zum Schluss wurde der Vortrag deutlich politischer. Lintner verwies auf den Schweizer Ethiker Peter G. Kirchschläger, der eine internationale Kontrollbehörde für künstliche Intelligenz vorgeschlagen hat – eine „Internationale Agentur für datenbasierte Systeme“, vergleichbar mit der Internationalen Atomenergiebehörde. Eine solche Institution müsse sicherstellen, dass Menschenwürde, Datenschutz und Grundrechte weltweit geschützt werden.Lintner zeichnete weder ein apokalyptisches noch ein technikfeindliches Bild. Er erkannte die enormen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz ausdrücklich an. Doch seine zentrale Botschaft war unüberhörbar: Die entscheidende Frage der Zukunft lautet nicht, was Maschinen können, sondern welches Menschenbild wir bewahren und fördern wollen.
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