Kunst | Kunstzensur

Gedeckte Kunstfreiheit

Carmen Maria Alber hat ein Bild für die Jubiläumsausstellung der Freizeitmaler bereitgestellt. Dort wurde es plötzlich abgehängt. Und nun wieder aufgehängt. Warum?
Land Südtirol

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SALTO: Frau Alber, seit wann bezeichnen Sie sich als Künstlerin?

Carmen Maria Alber: Ich bin seit zwei Jahren freischaffende Künstlerin. Davor habe ich etwa acht Jahre lang gemalt und Auftragsbilder angefertigt.

Wie sind Sie zur Malerei gekommen?

Ich habe mit etwa 13 oder 14 Jahren angefangen zu zeichnen. Mit 14 habe ich meinen ersten Malkurs besucht. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass das mein Weg ist. Die Malerei habe ich mir größtenteils autodidaktisch beigebracht. Parallel dazu habe ich Grafikdesign studiert. Nach dem Studium habe ich mich gleich selbstständig gemacht. Anfangs habe ich im Grafikdesign und als Malerin gearbeitet, mittlerweile konzentriere ich mich ausschließlich auf die Malerei. Vor allem fertige ich Porträts in meinem charakteristischen blauen Stil.

Warum ist es der Flüchtling, der dir Angst macht
Und nicht die Nazis im Landtag?
[Nura]

Stein des Anstoßes: Blaues Porträt mit Textzeile der Sängerin Nura. Land Südtirol

Warum spielt die Farbe Blau in Ihren Bildern eine so zentrale Rolle?

Farben sind sehr intensiv und transportieren Emotionen. Blau steht für mich für Tiefe – für die Tiefe der Seele. In meinen Bildern versuche ich, sowohl das Äußere als auch das Innere eines Menschen darzustellen. Das Realistische ist das Porträt, das Abstrakte ist die blaue Fläche. Sie symbolisiert für mich den Blick hinter die Oberfläche, hinter die erste Schicht eines Menschen.

Wann haben Sie Ihr erstes blaues Bild gefertigt? 

Das war 2019. Seitdem begleitet mich dieser Farbton und diese Bildsprache und ist zu meinem Markenzeichen geworden.

Kommen wir nun zu dem Bild, das derzeit so viel Aufmerksamkeit bekommt. Es zeigt ein Porträt…

Das Porträt zeigt die Rapperin und Sängerin Nura aus Deutschland. Ich höre ihre Musik schon lange. Sie hat für mich eine starke Frauenstimme, geht konsequent ihren eigenen Weg und scheut sich nicht, unbequem zu sein. Während ich ihr Bild malte, hörte ich ihre Musik. Dabei blieb ein Satz aus einem ihrer Songs (Anm. d. Red.: Der Song „Fair“.) hängen, der genau das ausdrückte, was ich über die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung empfinde. Deshalb musste dieser Satz Teil des Bildes werden.

Welchen Satz von „Nura“ haben Sie dem Bild hinzugefügt?

Warum ist es der Flüchtling, der dir Angst macht. Und nicht die Nazis im Landtag? 

Und dieses klare politische Statement wollten Sie dann auch ausstellen…

Ehrlich gesagt nicht. Das Bild lag zunächst einige Monate bei mir zu Hause. Dann ergab sich die Möglichkeit, es bei einer Ausstellung in der Stadtgalerie in Bozen auszustellen. Zu dieser Zeit fanden auch Demonstrationen gegen Remigration statt, und ich dachte, dass das Bild gut in die Galerie passt. 

Wenn ein Bild nicht ins Bild passt: Bei der 27. Landesausstellung verschwand ein Bild in der Abstellkammer der Stadtgalerie in Bozen. Südtiroler Freizeitmaler

In welchem Rahmen wurde das Bild ausgestellt?

Im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung der Freizeitmalerinnen und Freizeitmaler.

Beschreiben Sie den Vorfall zum Verschwinden Ihres Bildes in der Stadtgalerie…

Während meines Aufsichtsdienstes bemerkte ich plötzlich, dass das Bild verschwunden war. Mir wurde dann gesagt, dass es am Vortag abgehängt worden sei, weil es zu politisch sei. Offenbar hatten sich einige Personen darüber beschwert. 

Wo wurde es hingebracht?

Es wurde in einer Abstellkammer gelagert. Die Entscheidung wurde nach meinem Wissen von Verantwortlichen der Ausstellung getroffen. Später wurde beschlossen, das Bild während der Ausstellung nicht wieder aufzuhängen. Die Begründung lautete, dass das Wort „Nazi“ problematisch sei. Das war das zentrale Argument. Ich finde allerdings, dass Kunst solche Begriffe verwenden darf und muss, wenn sie gesellschaftliche Entwicklungen thematisiert.

Abgehängt und wieder aufgehängt: Das Bild von Carmen Maria Alber hängt nun gut sichtbar in den Räumlichkeiten beim Landeshauptmann Arno Kompatscher im Landhaus 1. Die Kunst und die Wissenschaft sind frei. Und frei ist ihre Lehre. Land Südtirol

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich bin zunächst nicht an die Medien gegangen. Ich wollte die Veranstalter nicht öffentlich schlechtmachen. Stattdessen habe ich auf Instagram einen Beitrag veröffentlicht. Darauf erhielt ich sehr viel Zuspruch. Viele Menschen schrieben mir, dass Kunstfreiheit wichtig sei und dass das Bild ihnen aus dem Herzen spreche.

Wie kam schließlich der Kontakt zum Landeshauptmann zustande?

Eine Person schrieb mir, dass der Landeshauptmann am Vortag in einer Rede über das gleiche Thema gesprochen habe, und fragte, ob sie ihm meinen Beitrag weiterleiten dürfe. Kurz darauf erhielt ich eine E-Mail aus seinem Büro. Er schrieb, dass das Bild unbedingt öffentlich sichtbar sein müsse, und bot an, es in seinen Büroräumen aufzuhängen. Damit wollte er ein Zeichen setzen, dass in Südtirol auch kritische Kunst ihren Platz haben soll.

Wie blicken Sie inzwischen auf den Vorfall zurück?

Für mich hat das Bild bereits in dem Moment alles erreicht, als es abgehängt wurde. Kunst soll Diskussionen auslösen und Menschen zum Nachdenken bringen. Genau das ist passiert. Es wurde über das Bild gesprochen, über Kunstfreiheit und über das Thema, das mir wichtig ist. Deshalb bin ich mit dem Ergebnis zufrieden.