Musik | Performance Pop

Glücklich, mutig, aus der Zeit gefallen

Die Basler Kultband Les Reines Prochaines steht seit 1987 für queeren Feminismus, Anarcho-Pop und Performance. Ein Interview vor ihrem Auftritt in Feldthurns.
„Scherige Schwesternschaft“ und Zuversicht: Les Reines Prochaines (v.l. Fränzi Madörin, Muda Mathis, Sus Zwick) mit ihrem Banner für tatkräftige Solidarität Bild: Iris Ganz

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren

SALTO: Fränzi Madörin, Muda Mathis und Sus Zwick, das Motto der diesjährigen Summer School Südtirol lautet „Freundschaft“. Welchen Stellenwert hat Freundschaft für ein Kollektiv, das seit Jahrzehnten zusammenarbeitet? 

Les Reines Prochaines: Den Allergrössten. Freundschaft, Vertrauen und gemeinsam Spaß zu haben, ist das Wichtigste überhaupt. Wenn man sich so lange kennt, teilt man unzählige Erfahrungen, auf denen man aufbauen kann. Es bedeutet schlichtweg, gemeinsam zu leben, den Lebensweg zusammen zu gehen und das mit möglichst viel Freude. Inzwischen heißt das auch: gemeinsam alt werden. Das ist ein ganz neues Abenteuer. Wir haben uns deshalb riesig über die Einladung nach Feldthurns gefreut, weil uns das Thema sofort angesprochen hat. 

„Visuell sehen wir erst einmal saugut aus!“

Das Publikum darf sich auf einen vielschichtigen Abend freuen. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher visuell und akustisch? 

(lachen)Visuell sehen wir erst einmal saugut aus! Wir tragen schöne Kleider und arbeiten mit typografischen Videoprojektionen aus unserer hauseigenen Videoküche. Akustisch bringen wir eine Vielfalt an Instrumenten mit: Klarinette, Saxophon, Bass und ein Deckel sind dabei. Die Hauptsache sind jedoch unsere Stimmen. Wir sind drei Sängerinnen und wechseln uns ab: Mal singt eine alleine, mal singen wir mehrstimmig zusammen. Dazu kommt bei einigen Stücken ein selbst eingespieltes Playback mit Schlagzeug und Klavier – die Band kommt also teils aus der Konserve.

Les Reines Prochaines

Wie klingt das musikalisch und was macht die Texte aus? 

Die Songs bedienen ganz unterschiedliche Einflüsse: Manches ist vom Pop inspiriert, anderes von Volksmusik oder ganz minimalistisch gehalten. Sehr zentral sind für uns die Sprachnummern und die Texte. Nach einem unserer letzten Konzerte kam beispielsweise der Bruder von einer von uns vorbei und meinte: „Es ist zwar komplett aus der Zeit gefallen, was ihr macht, aber es macht einfach glücklich.“ 

Ihr Schaffen bewegt sich seit jeher an den Schnittstellen von Musik, Performance und bildender Kunst. Wie entsteht aus einer ersten Idee ein fertiges Stück? 

Das ist ein gewachsener kreativer Prozess. Oft bringt eine von uns einen Text, eine Idee oder ein Thema mit, das sie gerade beschäftigt. Daraus entwickeln wir zu dritt den gesamten Song. Jede steuert musikalische Einfälle bei, wir probieren vieles improvisatorisch aus. 

Am Anfang weiß man überhaupt nicht, wie es wird, und man hat fast ein wenig Angst, dass es nichts wird.

Wo die anderen einhängen können und es zusammenkommt, arbeiten wir weiter. Da gehört auch Mut dazu: Am Anfang weiß man überhaupt nicht, wie es wird, und man hat fast ein wenig Angst, dass es nichts wird. Aber im Prozess fügt es sich. Wichtig ist uns dabei die Unterscheidung: Bildende Kunst oder reine Performanceprojekte machen wir separat. Les Reines Prochaines ist primär ein Musik-Performance-Projekt.

Zelebrieren die „Scissor*hood“ – mit besten Grüßen aus dem Hühnerstall.: Iris Ganz

Ihre Musik transportiert eine klare Haltung. Welche Themen brennen Ihnen derzeit besonders unter den Nägeln? 

Unsere Songs sind meistens gar nicht primär auf Kritik oder Angriff ausgelegt. Wir begegnen den Themen eher mit einer positiven, zugewandten Haltung. Aktuell beschäftigen wir uns viel mit dem Begriff der „Scissorhood“* – ein Wortspiel aus Sisterhood (Schwesternschaft) und Scissor (Schere). Es geht um eine scherige Schwesternschaft und Solidarität unter Frauen. Die Schere steht dabei für Ermächtigung und Tatendrang: Man braucht Werkzeug, um sich die Welt so zu schneiden, wie man sie braucht, anstatt resigniert zu sagen: „Es ist gerade alles furchtbar.“ Es geht darum, im Alltäglichen bescheiden anzupacken, Mut zu beweisen und vor den großen Problemen der Welt nicht in Schockstarre zu verfallen. Wir wollen die Zuversicht nicht verlieren. 

Zur Band

Die Basler Autorinnenband Les Reines Prochaines (die kommenden Königinnen) wurde 1987 im Umfeld der Schweizer Jugend- und Frauenbewegung gegründet. Heute besteht das interdisziplinäre Kollektiv aus Muda Mathis, Sus Zwick und Fränzi Madörin. In ihren Programmen bewegen sich die Künstlerinnen an den Schnittstellen von Musik, Performance, bildender Kunst und Video. Mit Schalk, Anarchismus und einem queeren, feministischen Blick hinterfragen sie seit mehr als 35 Jahren traditionelle Geschlechtergrenzen sowie gesellschaftliche Machtverhältnisse. Ihre Musik reicht dabei von Pop und Volksmusik bis hin zu minimalistischen Stücken und Sprachnummern. 

Für ihr Schaffen wurden sie unter anderem mit dem renommierten Schweizer Musikpreis (2019) und dem Kulturpreis der Stadt Basel (2022) ausgezeichnet. Im Rahmen der diesjährigen Summer School Südtirol treten Les Reines Prochaines bei der Eröffnung am 21. August um 18 Uhr auf Schloss Velthurns in Feldthurns auf. Das gesamte Programm der diesjährigen Sommer School Südtirol findet man hier 2026 - Summer School Südtirol