„Wir werden siegen!“
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Jetzt S+ abonnierenMit dem feinen Hinweis Eine Art Hemingway in den Tiroler Bergen veröffentlichte der Historiker Gerald Steinacher in der Zeitschrift Skolast der Südtiroler HochschülerInnenschaft im Jahr 2003 eine detailreich zusammengestellte historische Abhandlung zum Intellektuellen und politischen Aktivisten Giangiacomo Feltrinelli. „Seine Bindungen zu Südtirol sind zwar oberflächlich bekannt, nähere Details dazu liefert die eben erschienene Biografie seines Sohnes Carlo“, schrieb Steinacher einleitend und ließ dann einige Eckdaten zum „Kronprinzen eines Mailänder Verleger-Imperiums“ aufblitzen. Was Steinacher auch veröffentlichte war ein revolutionäres Flugblatt des Intellektuellen zu Südtirol.
Seine Hauptwaffe war und blieb „die spitze Feder“.
Am 19. Juni 1926, vor genau 100 Jahren, erblickte der kleine Giangiacomo das Licht der Welt. Mit nicht einmal 30 Jahren gründete er Mitte der 1950er-Jahre seinen eigenen Verlag, um „seinem Leben einen Sinn und der Linken ein Werkzeug zu geben“, wie sein Sohn Carlo Feltrinelli in der von ihm herausgegebenen Biografie zu seinem Vater schreibt. Im Namen von Antifaschismus und Gerechtigkeit begann Giangiacomo um die Welt zu reisen, hielt Reden, nahm an Demonstrationen teil oder lud zu Partys. Unter anderem auch in seine Villa am Gardasee. Ein Jahrzehnt später, Mitte der 1960er Jahre radikalisierte er sich zunehmend. Das wurde auch in Südtirol spürbar, wo die Vorfahren des Revolutionärs als Großkapitalisten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Holzindustrie tätig gewesen waren. Im Eggental erinnern Flurnamen wie Feltrinelli-Säge oder Feltrinelli-Wald an diese florierende Zeit, die der Familie zu Macht und Reichtum verhalf.
Ab 1964 hielt sich der Verleger Feltrinelli immer wieder in Meran auf. Dort referierte er über Lateinamerika, aber auch über das Südtirolproblem, das er mit dem Sardinienproblem gleichsetzte. Feltrinelli hatte in Südtirol nicht nur Verwandte, sondern auch viele Freunde und Bekannte. 1967 lernte er in Mailand die Meranerin Sibilla Melaga kennen. Die in jungen Jahren immer wieder als begnadete Sportlerin aufgefallene Melaga hatte sich nach der Matura für ein Kunstgeschichtestudium entschieden. Und bald darauf für Giangiacomo Feltrinelli.
Wenige Tage später wurden sein Wagen samt den Flugblättern konfisziert.
Nebenbei arbeitete sie als Mannequin und betrieb mit einer Freundin eine Boutique. „Der junge Mann, mit dem ich tanzen ging, war der Neffe des damals größten Verlegers“, erinnerte sich Melaga in einer für die Literaturzeitschrift du erschienenen Sondernummer über den 1972 ums Leben gekommenen Verleger und Revolutionär. „Er lud uns mit anderen zu sich zum Spaghetti-Essen ein. Bei ihm zu Hause sah das dann so aus: Die Gäste aßen im Salon und unterhielten sich“, während sie und Giangiacomo sich einen Stock tiefer in der Küche aufhielten und „über die Probleme der Minderheiten in Südtirol“ sprachen und verspeisten, „was der Koch für ihn bereitgestellt hatte.“ Es sollte „ein langer Abend“ werden.
In Lugano heirateten die beiden 1969. Trauzeuge war Feltrinellis bester Freund, der Schriftsteller Giuseppe Zigaina.
Nach Bianca Dalle Nogare, Alessandra De Stefani und Inge Schönthal – aus dieser Ehe ging Sohn Carlo hervor – war Sibilla Melaga die vierte geehelichte Frau an Feltrinellis Seite.
Auch das „Südtirolproblem“ ließ Feltrinelli nicht kalt. In der heißen Phase der Attentate und danach wollte er seinen Beitrag leisten. „Er war auch in der Meraner Künstlerszene ein willkommener Gast“, schreibt Historiker Steinacher in seiner Spurensuche 2002, „gern traf man sich auf der Brunnenburg der Familie de Rachewiltz.“ Melaga führte Feltrinelli in ihren Freundeskreis ein und betrieb in der Kurstadt einen Buchladen. Doch das Geschäft lief nicht. Dennoch sah der bekannte Verleger in diesem Grenzland einen „Anknüpfungspunkt an eine neue sozialistische Ethik, eine Verbindung zwischen vorindustrieller Gesellschaft und den Idealen einer neuen Welt“. Seine Hauptwaffe war und blieb „die spitze Feder“.
Toleranz, Verständnis, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft
Feltrinelli Story
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Ein wiederentdecktes Flugblatt aus dem Jahr 1964, das er gemeinsam mit Südtiroler Freunden angeblich in Kärnten verfasst hatte, wurde vervielfältigt und mit einem VW Käfer nach Meran gebracht. Wenige Tage später wurden sein Wagen samt den Flugblättern konfisziert.
Im März 1972 starb Giangiacomo Feltrinelli unter ominösen Umständen. 2002 erinnerte sich seine vierte Frau in der literarischen Zeitschrift du liebevoll an den Revolutionär: „Von ihm habe ich gelernt, in jeder Situation immer zuerst Mensch zu sein und entsprechend zu handeln. Und ich habe von ihm gelernt, frei zu denken und frei zu sein. Toleranz, Verständnis, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft hat er mich gelehrt.“
Als nun vor wenigen Wochen und knapp ein Vierteljahrhundert nach dem Abdruck von Melegas Erinnerungen in der literarischen Sondernummer der erste Artikel aus der umfassenden Feltrinelli-Story des SALTO-Journalisten Fabio Gobbato auf SALTO online ging und über Facebook geteilt und verlinkt wurde, folgte ein Daumen-hoch-Like der Witwe. Und heute vielleicht ein leises Happy Birthday. In welcher Sprache auch immer.