„Diese Menschen bringen einen Mehrwert“
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Jetzt S+ abonnierenIm Bioladen Giannibio in der Bozner Drususallee geht es an diesem Vormittag um mehr als um Lebensmittel. Zwischen Obstkörben und bunten Regalen stehen Kundinnen und Kunden, etwas verwundert über die Kameraleute und die zwei Landesrätinnen, die hier heute eine Pressekonferenz halten.
Rosmarie Pamer, Landesrätin für Soziales und Magdalena Amhof, zuständig für das Ressort Arbeit und Personal, sprechen über die Integration von Menschen mit Behinderung durch Arbeit und Beschäftigung.
Der Ort ist bewusst gewählt. Giannibio, ein Unternehmen, das mit seinen biologischen, regionalen Produkten und kurzen Lieferketten für Nachhaltigkeit steht, ist auch sozial engagiert: „Dieser Betrieb ist ein positives Beispiel dafür, wie Inklusion gelebt wird“, sagt Soziallandesrätin Pamer. Giannibio arbeitet eng mit den sozialen Diensten und zugleich mit dem Bereich der Arbeitsintegration zusammen.
Für Andrea Paiarola, einer der drei Gründer von Giannibio, ist Inklusion längst Teil des betrieblichen Alltags. Vor einigen Jahren begann das Unternehmen mit einem Mitarbeiter, heute arbeiten zwei weitere Menschen mit Behinderung im Bioladen. Hinter der Ladentheke schaut Federico Zemilli heraus. Seit Anfang des Jahres ist er fix angestellt im Geschäft.
Das dreistufige Fördermodell
Entscheidend sei, Menschen als Individuen zu sehen und die passenden Rahmenbedingungen für sie zu schaffen, finden Amhof und Pamer. Genau darum geht es beim dreistufigen Fördermodell vom Land Südtirol, das Angebote aus den Ressorts Soziales und Arbeit miteinander verbindet.
Die erste Ebene umfasst Werkstätten und geschützte Dienste. Sie richten sich an Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf und bieten einen geschützten Rahmen und Tagesstruktur. Dieser Bereich fällt in Pamers Ressort für Soziales.
Die zweite Säule ist die Arbeitsbeschäftigung. Dazu gehören Tagesstätten, Arbeitsbeschäftigungsprojekte und individuelle Vereinbarungen. Menschen können dort ihre Fähigkeiten weiterentwickeln, soziale Kontakte pflegen und sich aktiv einbringen – außerhalb des regulären Arbeitsmarktes. Aktuell nutzen 983 Menschen die 57 Werkstätten und sozialpädagogische Tagesstätten in Südtirol.
Wichtig sei dabei: „Arbeitsbeschäftigung ist keine Übergangsphase auf dem Weg in den Arbeitsmarkt“, betont Amhof, sie verfolge „ein ganz eigenständiges und wertvolles Ziel“.
Pamer unterstreicht diesen Punkt. Nicht jeder Mensch müsse zwangsläufig in den regulären Arbeitsmarkt gelangen. Entscheidend sei die individuelle Situation: „Es wird gemeinsam geschaut, welche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Möglichkeiten der Mensch hat“ und welches Unterstützungsmodell passend sei.
Und dann gibt es die Arbeitsintegration. Hier beginnt die Zuständigkeit von Arbeitslandesrätin Magdalena Amhof im Ressort Arbeit. Ziel ist die Vermittlung und Qualifizierung für den ersten Arbeitsmarkt: Assessments der individuellen Fähigkeiten, Analyse des Arbeitsplatzes sowie Begleitung und Unterstützung bei der Suche nach der passenden Stelle. Jährlich gelingt es so, rund 200 Menschen in Beschäftigung zu bringen.
Damit bestehende Angebote nicht nur erhalten, sondern weiter ausgebaut werden können, soll auch das Team der Arbeitsmarktintegration wachsen: Anfang 2027 ist ein Wettbewerb für sechs weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Arbeitsmarktintegration geplant.
Der Schritt in den Arbeitsmarkt
Bei rund einem Drittel der Menschen beginnt der Weg in den Arbeitsmarkt über eine individuelle Vereinbarung zur Arbeitseingliederung. Darunter kann man sich praktikumsähnliche Projekte vorstellen, die der Orientierung und Qualifizierung dienen und den Menschen mit Behinderung Praxiserfahrung ermöglichen sowie ihre fachlichen und sozialen Kompetenzen fördern.
Amhof erklärt, dass rund 70 Prozent der Menschen, die über eine individuelle Vereinbarung in einen Betrieb kommen, nach zehn Jahren noch im selben Betrieb beschäftigt seien. „Die Erfahrung zeigt uns, dass Arbeitsverhältnisse gerade dann besonders nachhaltig und stabil sind, wenn die Integration in den Betrieb schrittweise und begleitet erfolgt“, sagt sie. Genau das sei bei der individuellen Vereinbarung der Fall.
Auch für Federico Zemilli ist es durch eine individuelle Arbeitsvereinbarung zu einem effektiven Arbeitsvertrag gekommen. Federico ist seit April 2023 bei Giannibio. Während er Dosen in die Regale einordnet, erzählt er, dass er die Arbeit hier sehr positiv erlebt und jetzt umso glücklicher über seine fixe Anstellung ist.
Fördermodelle wie „Pro Ability“ seien deshalb „keine Gefälligkeiten“, sondern Investitionen in die Anerkennung individueller Leistungen.
Auch Betriebe müssen auf Inklusion vorbereitet sein
„Damit aber die Inklusion im Arbeitsalltag wirklich funktioniert, braucht es auch verlässliche Ansprechpersonen in den Betrieben selbst“, sagt Amhof. Es gehe darum, Barrieren abzubauen und Mitarbeitende und Ansprechpersonen durch Kursangebote besser darauf vorzubereiten, Menschen mit Behinderung im Arbeitsalltag zu unterstützen.
Amhof betont, wie wichtig das Zusammenspiel der Begleitung von Seiten der Arbeitsmarktintegration und der individuellen Begleitung am Arbeitsplatz selbst sei: „Das ist ganz viel Beziehungsarbeit, die da gemacht werden muss“.
Erste Informationsveranstaltungen haben bereits in Bruneck und Schlanders stattgefunden. Im Herbst werden dort entsprechende Fortbildungen starten und langfristig soll das Angebot auf das ganze Land ausgeweitet werden.
„Pro Ability“: Prämien für Unternehmen
Das Land setzt dabei auch auf finanzielle Anreize: Das Prämiensystem „Pro Ability“ unterstützt Unternehmen, die Menschen mit Behinderung einstellen, auch über die Pflichtquote hinaus. „Wir wollen damit Unternehmen belohnen, die diese soziale, aber auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen“, so Amhof. Das Fördersystem wurde im vergangenen Jahr stark vereinfacht und digitalisiert.
Mit wenigen Mausklicks könnten Unternehmen ein Ansuchen stellen und den Beitrag bekommen: Für Verträge mit einer Laufzeit von mindestens 180 Tagen sind laut Land 4.000 Euro vorgesehen, für bestehende langfristige Arbeitsverhältnisse 9.000 Euro. Die jährlichen Fördermittel wurden erst von 2,2 Millionen auf 3 Millionen Euro erhöht.
Magdalena Amhof unterstreicht, dass Menschen mit Behinderung eine wertvollen Beitrag für Betriebe und den Arbeitsmarkt leisten und sich dabei auch selbst weiterentwickeln. Fördermodelle wie „Pro Ability“ seien deshalb „keine Gefälligkeiten“, sondern Investitionen in die Anerkennung individueller Leistungen.
Mehr Anerkennung für geleistete Arbeit
Auch die Entgelte für Arbeit und Beschäftigung werden ab 1. Jänner 2027 erhöht. Der Höchstbetrag bei Eingliederungs- und Beschäftigungsprojekten steigt von bisher 492 Euro auf 650 Euro monatlich, bei Tätigkeiten in Werkstätten und sozialpädagogischen Diensten von 410 auf 585 Euro. Damit sollen die Leistungen von Menschen mit Behinderung anerkannt werden. Gleichzeitig soll dabei ihre Eigenständigkeit gestärkt werden.
Pamer weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Menschen in Werkstätten und geschützten Diensten zusätzlich Pflegegeld und/oder Invalidenrente beziehen können.
„Diese Menschen bringen einen Mehrwert.“
Öffentliche Arbeitgeber als zusätzliche Chance
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Projekt „Plus +35“, erklärt Rosmarie Pamer. Damit werden öffentliche Körperschaften bei der Anstellung von Menschen mit Behinderungen unterstützt. Im vergangenen Jahr beteiligten sich 74 Südtiroler Körperschaften und ermöglichten dadurch 276 Menschen eine Arbeitsmöglichkeit. Das Projekt schafft damit zusätzliche Chancen auf Beschäftigung und trägt dazu bei, Menschen mit Behinderungen stärker in öffentliche Einrichtungen einzubinden.
Ein Mehrwert für beide Seiten
Die unterschiedlichen Ebenen des Systems und die zwei Ressorts, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, verfolgen ein gemeinsames Ziel: Menschen mit Behinderung sollen ihr Leben möglichst selbstbestimmt gestalten und gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben. Es gehe darum, individuelle Fähigkeiten einzubringen und eine sinnvolle Beschäftigung zu ermöglichen.
Arbeit bedeutet dabei nicht nur finanzielle Unabhängigkeit und Struktur für die Menschen mit Behinderung, sondern auch die Möglichkeit, sich einzubringen und gebraucht zu werden. Landesrätin Amhof bringt es auf den Punkt: „Diese Menschen bringen einen Mehrwert“.
Das sieht Andrea Paiarola genauso. Die Menschen mit Behinderung bei Giannibio seien eine große Hilfe. Und zudem: „Die gemeinsame Arbeit bringt Freude. Es entsteht ein gutes Klima, man arbeitet gern zusammen“, lächelt der Arbeitgeber. „Es macht Spaß!“
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