Oh! Lago Maggiore
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Zwischen Himmel und Wasser
Ex libris
Dieser Auszug aus dem Buch von Patricia Arnold ist Teil des Formats „Ex libris“ auf SALTO.
Questo estratto dal libro di Patricia Arnold fa parte del formato „Ex libris“ su SALTO.
DAS KLOSTER SANTA CATERINA DEL SASSO
Der See schimmert in der Sonne, lässt Tausende Sternchen auf den sanften Wellen tanzen. Ein Kirchturm scheint in der Ferne zwischen Himmel und Wasser zu schweben. Das vollbesetzte Linienschiff nähert sich zügig dem Kloster Santa Caterina del Sasso, das wie festgeklebt an einer steil abfallenden Felswand hängt. Hier lebte im 12. Jahrhundert in einer engen Felsgrotte ein Ere mit, Alberto Besozzi. Als Tuchhändler und Geldverleiher war er ein reicher Mann geworden. Bei der Rückkehr von einer Geschäftsreise geriet er am Ostufer des Lago Maggiore in einen heftigen Sturm und erlitt Schiffbruch. In Todesangst gelobte Besozzi der heiligen Caterina von Alexandria, der Schutzpatronin der Tuchhändler, als Einsiedler ein Leben in Armut zu führen, wenn er das schwere Unwetter überlebe. Er überlebte, hielt seinen Schwur und zog sich in eine Höhle in der heutigen Gemeinde Leggiuno zurück.
„Ein Besuch in Caterina del Sasso ist wie ein Gang durch Kunstgeschichte von Jahrhunderten“
Die elende Unterkunft wurde schnell zu einem Anziehungspunkt für Pilger. Eine erste mittelalterliche Kapelle entstand und im Laufe der Jahrhunderte wuchs die Einsiedelei zu einer Klosteranlage, die in der Vergangenheit von unterschiedlichen katholischen Ordensgemeinschaften bewohnt wurde. Heute stehen die Zellen leer. Aber die früheren Bewohner haben mit Fresken und baulichen Veränderungen viele Spuren hinterlassen. „Ein Besuch in Caterina del Sasso ist wie ein Gang durch Kunstgeschichte von Jahrhunderten“, sagt die Restauratorin Katia Zanetti, die vier Jahre lang Wandmalereien im Felskloster restaurierte. Ein Laubengang führt zum ehemaligen Refektorium. Durch Fenster fällt sanftes Licht und erweckt die verblichenen Wandgemälde zu neuem Leben, verhangen ist der Blick der heiligen Caterina. Ein paar Schritte weiter steht die uralte Tür zur Klosterkirche offen. Hier verbinden sich drei verschiedene Kapellen zu einem Raum.
Die Fresken sind überwältigend, wenngleich manche für den heutigen Geschmack ein wenig süßlich wirken. Das Wort sasso (Fels) im Namen des Klosters kam erst im 17. Jahrhundert hinzu, nachdem fünf massive Felsbrocken in das Gewölbe der Kirche gestürzt waren. 200 Jahre blieben sie dort hängen. Einige Trümmer waren auch unweit der Grabstätte von Alberto Besozzi niedergegangen, die heute noch neben dem gläsernen Sarg mit seinen sterblichen Überresten liegen. Vor einiger Zeit versuchten Grabräuber, die Gebeine des Klostergründers zu stehlen. Die Räuber verloren jedoch am Eingang der Einsiedelei ihr Diebesgut, darunter den Schädel. Besonders geheimnisvoll wirkt die Klosteranlage, wenn Nebel sie umhüllt. Dann scheint sie wirklich zwischen Himmel und Wasser zu schweben.
AB- ODER AUFSTEIGEN?
Regelmäßig legen Linienschiffe bei Santa Caterina an. Mit Auto steuern Sie den großen Parkplatz bei Leggiuno an. Eine lange Treppe, aber auch ein Fahrstuhl führen zum Kloster hinunter.
Zur Person
Die Autorin Patricia Arnold, geboren 1952, aufgewachsen in München. „Hier bleibe ich“, war ihr erster Gedanke, als sie vor vielen Jahren nach einer nächtlichen Autofahrt durch ein Tor wilder Rosen in einen üppig wuchernden Garten am See trat. Das klappte nicht auf Anhieb. Arnold arbeitete als Redakteurin und Moderatorin für verschiedene deutsche Rundfunksender, berichtete als ARD-Hörfunkkorrespondentin aus Rom und für die NZZ am Sonntag aus Mailand. Viele Jahre pendelte sie zwischen München und Cannero Riviera, sie verstarb im August 2026.
Hier entscheidet das Herz
BÜCHERANTIQUARIAT AUF DER ALPE COLLE
Wer interessiert sich bei einem Ausflug in die Berge für gebrauchte Bücher? Die Idee war neu, sie schlug aber ein. Jedes Wochenende pilgern Wanderfreudige, Rad- und Autofahrer:innen ins Bücherantiquariat von Marco Tosi auf die Alpe Colle. „Menschen jeden Alters, von 18 bis über 90, stöbern in meinem Antiquariat, auch Leute, die selten ein Buch in die Hand nehmen und vielleicht sonst nie einen Buchladen betreten. Hier aber kaufen sie ein Buch, setzen sich hin und lesen.“ Weiß getüncht die Mauern, rot gestrichen die Fensterläden. Das Alphaus auf 1.238 Meter Höhe, das der Urgroßvater des Buchhändlers 1930 erworben hat, ist einladend. Rot-weiß gestreift ist auch der Stoff der Liegestühle auf der Wiese. An warmen Tagen sitzen darin Gäste, lesen oder genießen einfach nur die Sonne. Nicht jede und jeder findet gleich eine Lektüre, denn Marco Tosi bietet nur Publikationen in italienischer Sprache an. Bildbände über die Region ziehen auch Anderssprachige an. „Ich glaube, Leute, die im Ausland in ein Antiquariat gehen, suchen nicht unbedingt ein Buch in ihrer Sprache. Suchst du in einem Pariser Antiquariat nach einem deutschen Buch?“
Ich weiß keine Antwort, vielleicht ja, viel leicht nein. Auch ohne Buch ist es gemütlich bei Marco Tosi. Er serviert an rustikalen Holztischen Käse und Salami aus der Gegend, dazu lokale Biersorten oder piemontesischen Wein. Bei kühlem Wetter, das Antiquariat ist von April bis Weihnachten geöffnet, laden im Haus eine rustikale Eckbank sowie Ledersessel vor dem Kamin ein, an den Wänden reihen sich vollgestopfte Bücherregale an Bücherregale. Sind es allein Gastfreundschaft und Behaglichkeit, die die Ausflügler anziehen? Es ist mehr. Die Atmosphäre ist hier auch ohne Sonne warm. „So wie der Berg ruft, ruft das Buch in den Bergen. Hier entsteht ein besonderes Verhältnis zwischen Lesenden und Büchern. Neulich war ein Mädchen mit seiner Mutter hier. Sie nahmen Bücher in die Hand und legten sie wieder weg. Nach einer Weile meinte das Mädchen, ein wenig verzweifelt, dass sie keinen Titel kenne. Die Mutter antwortete, hier entscheide man nicht nach Titeln, sondern lasse sich vom Gefühl, vom Herzen leiten.“
Berge sind nicht da, um sich von der Welt abzuwenden, vielmehr um sich zu öffnen.
Damit brachte die Frau das Geschäftskonzept von Marco Tosi auf den Punkt. Er will Emotionen wecken, mit Büchern aller Art, keine Neuerscheinungen und aktuellen Bestseller. „Aber Bücher, die vielleicht vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren Bestseller waren. Mein Haus soll jedoch kein Buchmuseum sein. Ich will zum Dialog anregen. Berge sind nicht da, um sich von der Welt abzuwenden, vielmehr um sich zu öffnen.“ Mit seinem Antiquariat zwischen den Gipfeln der Cima di Morissolo und des Monte Spalavera konnte Marco Tosi seine Leidenschaften verbinden: die Liebe zu den Bergen und zu nicht druckfrischen Werken. Aber er war nicht immer ein Bücherwurm. "Als Jugendlicher interessierte ich mich für Basketball. Büchern verfiel ich erst vor dem Uni-Examen. Ich studierte Neuere Geschichte in Mailand. Professoren rieten uns, Originaltexte zu lesen. Daraufhin bin ich durch Antiquariate gezogen. Die alten Bücher haben mich begeistert.
Zum Buch
Wäre er vorbeigekommen, hätte Goethe vom Land gesprochen, wo die Zitronen blühen.
Mich küsste ein Schwan an einem heißen Sommertag. Nicht weit vom Ufer entfernt stupste mich beim Schwimmen jemand an der rechten Schulter. Es fühlte sich seltsam an, aber gut. Ein Schwan zog langsam vorbei und blickte mich an. Magie des Lago Maggiore. Er verzaubert Menschen zu allen Zeiten. Nach den Alpen beginnt hier der Süden. Das Klima ist mild, die Villen prächtig, malerisch die Dörfer. In Locarno weht ein Hauch von Hollywood, ein abgelegenes Örtchen punktet als Freiluft-Gemäldegalerie und in Arona wartet ein Koloss. Wandern im Nationalpark, Flanieren durch einen botanischen Garten, Hecht trifft auf Almkäse, und die steil abfallenden Berge spiegeln sich im See.
Das Buch ist im Folio Verlag erschienen.