Gesellschaft | Parallelwelten

Plan B

Ein metaphorischer „Flügelschlag“ kann eine große Kettenreaktion auslösen. Langfristige Prognosen gelten als unmöglich. Aber was, wenn sie doch möglich sind? Ein Versuchslabor aus zwei Städten.
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1. Preis-exaequo DGI Bauwerk, GINA Barcelina Architects (Berlin)
Foto: GINA Barcelina Architects (Berlin)
  • „Schon lange wird über die Zukunft des Viertels in der Innenstadt diskutiert. Die Bevölkerung widersprach den Plänen der Signa Holding aus den frühen 2010er-Jahren, an dieser Stelle ein Einkaufszentrum zu errichten. Anfang des Jahres kaufte das Land nun die betroffenen Grundstücke, die Universität soll hier eine Erweiterung erhalten. Teile des Bestands bleiben erhalten. Kürzlich wurde dafür der Wettbewerb entschieden.“

    Es scheint sich eine Parallelwelt aufzutun: Was, wenn sich alles anders entwickelt hätte? Was, wenn alle Beteiligten damals ein bisschen anders reagiert hätten und alles ein klein wenig anders gekommen wäre? Was könnte heute Realität sein? Der Butterfly Effect beschreibt, wie in komplexen Systemen kleinste Veränderungen der Anfangsbedingungen große, unvorhersehbare Auswirkungen haben können. Ein metaphorischer „Flügelschlag“ kann eine große Kettenreaktion auslösen. Langfristige Prognosen gelten als unmöglich. Aber was, wenn sie doch möglich sind?

  • einen ähnlichen und doch anderen Weg: diese beiden Städte verbindet seit gut 15 Jahren ein unsichtbares Band des Schicksals, von dem sie selbst lange nichts wussten

     

    Der Einleitungstext oben bezieht sich, anders als gedacht, nicht auf Bozen, sondern auf Bonn – und zeigt einen ähnlichen und doch anderen Weg auf, als man ihn in Bozen gegangen ist. Denn diese beiden Städte verbindet seit gut 15 Jahren ein unsichtbares Band des Schicksals, von dem sie selbst lange nichts wussten. Sie waren gegenseitige Versuchslabore der Signa für die jeweils andere Stadt. Was in Bonn gelang, wurde in Bozen wiederholt. Was in Bozen Probleme machte, wurde in Bonn vermieden. Taktische Schachzüge der Gegenseite in der einen Stadt wurden in der anderen Stadt als eigene Strategien umgesetzt. So war der Förderverein Zukunft Bozen die Reaktion auf die widerspenstige Bürgerinitiative in der Bundesstadt. Und als VivaViktoria den Bonnern eine kulturelle Innenstadt ohne Kaufhaus schmackhaft machte, schürte man in Bozen mit VivaVirgolo Gelüste nach einem Kulturzentrum am Virgl.

    Es dauerte lange – zu lange –, bis die beiden Involvierten 2015 durch die Medien von ihrem gemeinsamen Schicksal erfuhren. Was 2010 in Bonn mit der Schließung eines Schwimmbads im Stadtzentrum und in Bozen mit der angekündigten Verlegung des zentralen Busbahnhofs ins ARBO-Areal begann, rückte beide Städte ins Zentrum langwieriger Immobilienspekulationen. Diese endete sechs Jahre später auf zwei unterschiedliche und doch ähnliche Weise: Im November 2015 setzte das Nein eines Bürgerbegehrens den Shoppingträumen in Bonn ein Ende, während sie im März 2016 in Bozen durch das Ja einer Bürgerbefragung neuen Aufwind erhielten.

  • Realisierungswettbewerb Viktoriakarree

    Das ehemalige Viktoriabad in der Bonner Innenstadt wird zum „Forum des Wissens“ der Universität Bonn – einem Ort, der Bibliothek, Kulturforum und öffentlichen Stadtraum miteinander verbindet. In einem nicht offenen Realisierungswettbewerb wurden 18 Planungsteams eingeladen, Entwürfe für diesen besonderen Ort zu entwickeln. Die prämierten Entwürfe zeigen unterschiedliche Wege dorthin, gemeinsam ist ihnen der Anspruch, einen lebendigen und zugänglichen Ort für viele zu schaffen.

    „Die Entwürfe zeigen überzeugend, wie sich ein komplexer Ort wie das Viktoriakarree neu denken lässt. Sie verbinden städtebauliche Klarheit mit räumlicher Qualität und bieten eine gute Grundlage für die weitere Entwicklung“, sagt Fachpreisrichter Prof. Jens Wittfoht.

  • Nun, weitere zehn Jahre später, zeigen die Veränderungen in beiden Städten vor allem eines: dass private Akteure eindeutig schneller sind als öffentliche Prozesse. Denn während man hier im Süden bereits ein Fazit über die ersten sechs Monate des Waltherparks zieht, hat man im Norden gerade erst den Architekturwettbewerb des Folgeprojekts entschieden: Das „Forum der Wissenschaft“ wird ein Gebäude sein, das Bibliothek, Kulturforum und öffentlichen Stadtraum miteinander verbindet.

    Wer die bessere Entscheidung getroffen hat, wird sich zeigen. Ob die schnellen Renditen eines privaten Investitionsprojekts -das wortwörtlich wie eine Walze über alles andere hinwegrollte- sich langfristig positiv oder negativ auf die Stadt auswirken, ist die eine Frage, die wir in Bozen vor Ort selbst beobachten können. Die andere Frage ist, ob das Gegenmodell einer eindeutig langsameren, aber integrativen gesellschaftspolitischen Entwicklung am Ende nicht doch einen größeren Impakt für die Stadt gehabt hätte. Die Antwort werden wir auch erfahren. Denn während bisher in der ersten Phase des Versuchslabors die Kräfteverhältnisse zwischen Gesellschaft und Wirtschaft im Städtebau untersucht wurden, geht es nun in der zweiten Phase um die Nachhaltigkeit und Auswirkungen der jeweiligen Machtverhältnisse. Somit ist das angewandte Forschungsprojekt zweier Städte nicht zu Ende – dieser Artikel zieht lediglich eine erste Zwischenbilanz.