„Von der Ohnmacht ins Tun kommen“
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Jetzt S+ abonnierenWie gerecht ist unsere Gesellschaft und was kann der oder die Einzelne dazu beitragen? Bei den Algunder Gesprächen 2026 in Aschbach berichteten Expertinnen und Experten von ihren Erfahrungen aus Den Haag, dem Kongo, Nepal und Südtirol. Organisiert vom Club Alpbach Südtirol Alto Adige (CASA), in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Algund und dem Bildungsausschuss Algund, stand heuer die Frage im Mittelpunkt, wie eine gerechte Zukunft gestaltet werden kann.
Dabei sei schnell klar geworden: Gerechtigkeit beginnt nicht erst bei großen politischen Entscheidungen. „Sie zeigt sich in Bildung, Gesundheit, Klimaschutz, Frauenrechten, Minderheitenschutz und vor allem dort, wo Menschen selbst Verantwortung übernehmen“, erklären Hannes Wieser, Carina Gassebner und Clarissa Bernabe vom Organisationsteam der Algunder Gespräche.
SALTO: Wieso haben Sie das Forum Alpbach nach Algund geholt?
Hannes Wieser: Die Algunder Gespräche sollen Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten zusammenbringen und gemeinsam darüber diskutieren lassen, wie Gesellschaft künftig aussehen soll. Dabei geht es vor allem darum, unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Dieses Jahr stand konkret die Frage der Gerechtigkeit im Zentrum. Algund ist zudem Partnergemeinde von Alpbach. Nachdem ich vor drei Jahren selbst beim Europäischen Forum Alpbach war, ist aus einer ersten Idee 2025 ein eigenes Format entstanden.
Und wieso das schwierige Thema Gerechtigkeit?
Carina Gassebner: In politischen Zeiten wie diesen entsteht oft der Eindruck, dass nur wenige Menschen wirklich Mitspracherecht haben. Viele Personengruppen, darunter auch Minderheiten, haben hingegen kaum Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen. Dazu hat uns Anna Wolf einen Einblick in den Umgang der indigenen Völker in Australien gegeben. Aus unserer Sicht stellt sich daher die Frage, inwiefern überhaupt von echter Gerechtigkeit gesprochen werden kann.
„Es stimmt, viele Menschen leben derzeit in Blasen, die von den Algorithmen der sozialen Medien zusätzlich befeuert werden.“
Auch Cuno Tarfusser, ehemaliger Richter am Internationalen Strafgerichtshof, hat die Frage in den Raum geworfen, ob es Gerechtigkeit, wie wir sie uns vorstellen, überhaupt gibt. Gerade deshalb wollten wir im Austausch mit jungen Menschen einen optimistischen und kritischen Blick in die Zukunft wagen. Gemeinsam wollten wir darüber nachdenken, wie unsere Zukunft gerechter und fairer gestaltet werden kann. Gerechtigkeit wurde deshalb zu unserem zentralen Thema, das wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln analysiert haben, wobei wir den Begriff auch immer wieder kritisch hinterfragen mussten.
Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer sagt, die Klimakrise wird uns in den nächsten Jahren um die Ohren fliegen. Wie können junge Menschen trotzdem Hoffnung entwickeln?
Carina Gassebner: Beim Themenblock Klimaschutz stand die Frage im Mittelpunkt, wie man aus Ohnmacht wieder zum Handeln motiviert. Die Gründerin von POW Italy, Linda Schwarz, machte uns dabei mit den Begriffen „Fight, flee, freeze or fawn“ (kämpfen, fliehen, erstarren oder anpassen) vertraut, die auch den Umgang vieler Menschen mit der Klimakrise beschreiben. Mit Evi Keifl und Paul Rösch haben wir dazu über die Unterschiede des Klimaaktivismus gestern und heute gesprochen. Wir konnten im Austausch mit den Referentinnen und Referenten viel Tatendrang mitnehmen. Und wer weiß, vielleicht hat das Wochenende der einen oder dem anderen einen Anstoß gegeben, vom Gefühl der Ohnmacht ins Tun zu kommen.
Die Landesregierung hat erstmals eine Landesrätin für sozialen Zusammenhalt beauftragt. Muss Rosmarie Pamer an diesem Ziel nicht scheitern, wenn wir uns die polarisierte Gesellschaft von heute anschauen?
Hannes Wieser: Es stimmt, viele Menschen leben derzeit in Blasen, die von den Algorithmen der sozialen Medien zusätzlich befeuert werden. Trotzdem hilft es nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Man muss aktiv dagegenhalten. Es braucht wieder mehr ein Füreinander statt ein Nebeneinander oder gar ein Gegeneinander.
Clarissa Bernabe: Die gesellschaftliche Polarisierung ist derzeit in ganz Europa zu beobachten. Auch deshalb sind Formate wichtig, bei denen unterschiedliche Menschen und Perspektiven zusammenkommen. Deswegen ermöglicht auch das Format bei den Algunder Gesprächen, die Kamingespräche, eine besondere Austauschmöglichkeit, wo man Politikerinnen und Experten in Kleingruppen auch sensible Fragen stellen kann.
Immer mehr junge Menschen haben trotz Studium Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden, trotzdem gibt es einen Fachkräftemangel...
Clarissa Bernabe: Es stimmt wirklich, dass es für viele junge Menschen gerade schwierig ist, eine passende Arbeit für sich zu finden. Einige haben zudem im Ausland studiert und finden dort die besser bezahlten Jobs als in Südtirol. Ihnen fehlt dann die Motivation, zurückzukehren.
„Momentan gibt es national und international einen Backlash bei der Bekämpfung männlicher Gewalt gegen Frauen.“
Hannes Wieser: Das ist richtig und wird derzeit in ganz Europa beobachtet. Ein wesentlicher Grund ist unter anderem der Vormarsch der Künstlichen Intelligenz. Wenn man heute selbst in einem Berufsfeld, das gestern noch als krisensicher galt, keinen Job mehr findet, sagt das eigentlich alles. Über das Problem haben wir auch mit dem Landessekretär der SVP, Martin Karl Pircher, gesprochen. Wir bekamen den Einblick, dass die Politik zwar generell die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen kann, politische Prozesse jedoch oft Zeit brauchen, die angesichts aktueller Krisen und Veränderungen nicht immer vorhanden ist. Umso wichtiger ist es, dass auch jede und jeder Einzelne Verantwortung übernimmt, um dort, wo es möglich ist, selbst aktiv zu werden und auf die gegenwärtigen Herausforderungen zu reagieren.
Also braucht es keine Bildungsreform?
Carina Gassebner: Wir hatten dieses Jahr bei den Algunder Gesprächen keinen Block speziell zur Bildungspolitik in Südtirol, aber wir haben Themen angesprochen, die Bildung als Grundstein für eine gut funktionierende Gesellschaft und damit auch für eine gerechte Zukunft darstellen. Zum Beispiel spielt Bildung eine zentrale Rolle in der Entwicklungszusammenarbeit. Ghali Egger von „Pro Nepal“ und Meinhard Kritzinger von „Südtiroler Ärzte für die Welt“ zeigten, dass Bildung, Prävention und Ernährung langfristig mehr verändern können als punktuelle Hilfe. Außerdem hat Stefan Haller mit dem Projekt „Happy Cheese“ gezeigt, dass gute Entwicklungszusammenarbeit eine nachhaltige Betreuung verlangt. Sheila Romen hingegen betonte in ihren Projekten zur transgenerationalen Traumabewältigung die Bedeutung von Bildung. Sie sieht darin ein wichtiges Instrument der Friedensförderung und einen möglichen Weg, gesellschaftliche Konflikte langfristig zu überwinden.
Clarissa Bernabe: Momentan gibt es national und international einen Backlash bei der Bekämpfung männlicher Gewalt gegen Frauen. Diesbezüglich haben wir mit Marcella Pirrone, einer Anwältin für Frauenrechte, diskutiert. Dabei spielt Bildung eine große Rolle, um das Bewusstsein für diese Thematik zu schärfen. Zudem wurden von studio.pink die sogenannten „Safer Spaces“ für FLINTA*-Personen (zusammenfassende Bezeichnung für Personen, die keine männlichen Cisgender sind, Anm. d. Red.) thematisiert. Bewusst wurde dabei der Begriff Safer Space verwendet, da es momentan keine vollkommen sicheren Räume geben kann.
Zu den Personen
Der Jugendreferent der Gemeinde Algund Hannes Wieser (28) ist Bezirkssprecher der Jungen Generation (SVP) im Burggrafenamt. Der Meteorologe arbeitet im Bereich erneuerbarer Energien.
Carina Gassebner (27) ist im Vorstand des Club Alpbach Südtirol Alto Adige (CASA), die Umweltingenieurin aus Völlan beginnt ab September in einem Planungsbüro zu arbeiten.
Clarissa Bernabe (26) ist im Vorstand des Club Alpbach Südtirol Alto Adige (CASA) für Events zuständig und hat in Paris Internationale Sicherheit studiert.
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