Wirtschaft | Medizinische Robotik

Zwischen Mensch und Maschine

Bionische Prothesen und Roboter in der Reha: im NOI Techpark wurden Chancen aufgezeigt, die Robotik und KI der Medizin eröffnen. Wissenschaftler schließen derzeit aus, dass Maschinen, die vollständige Kontrolle in der Medizin jemals übernehmen dürfen.
Fraunhofer
Foto: SALTO
  • Roboter im Alltag – für die meisten klingt das nach wie vor mehr nach Science-Fiction als Realität. Aktuell gibt es aber eine enorme Beschleunigung in der Robotik. „Wir erleben einige technologische Durchbrüche, große Investitionen in humanoide Robotik sowie Fortschritte in der künstlichen Intelligenz. Ich glaube, wir werden bald an den Punkt kommen, an dem es einen großen Umbruch geben wird und da sprechen wir eher von fünf Jahren als von fünfzig“, erzählt Antonio Bicchi am Rande der Fachtagung „Robotics in Practice: From Rehabilitation to Performance“ im Bozner NOI Techpark. Bicchi ist einer, der es wissen muss, denn er forscht am Italienischen Institut für Technologie (IIT) und ist Professor für Robotik an der Universität Pisa.  

  • Medizinische Robotik: Schon bald Realität?

    Schon heute werden laut Bicchi viele robotische Technologien in Bereichen wie der Chirurgie, der Rehabilitation und der Prothetik eingesetzt und dort verbreite sich die Robotik immer weiter. Bicchi positioniert sich diesbezüglich klar: „Ich plädiere für die Integration von Mensch und Roboter – also Roboter als Teil von uns, als Erweiterung unserer Fähigkeiten, als Möglichkeit, an anderen Orten präsent zu sein und Dinge zu tun, die wir aufgrund unserer körperlichen Grenzen sonst nicht tun könnten“, so Bicchi.

    Auch Yeongmi Kim – Professorin am MCI Innsbruck und Assistenzprofessorin an der Yale School of Medicine – kann der verstärkten Nutzung von Robotern viel Positives abgewinnen. Sie stellte auf der Tagung im NOI Techpark ihre Erkenntnisse zu Rehabilitationsrobotern für Schlaganfallpatienten vor. In Rehabilitationskliniken werden diese bereits eingesetzt. „Therapien für Patientinnen und Patienten durch menschliche Pflegekräfte sind natürlich nicht rund um die Uhr verfügbar oder zugänglich. Roboter hingegen können Aufgaben auch über 24 Stunden hinweg ohne Pause ausführen“, meint Kim. Deshalb können robotische Geräte Patientinnen und Patienten dabei unterstützen, eine kontinuierlichere Rehabilitation zu erhalten.

  • Professorin Yeongmi Kim: Sie hielt einen Vortrag über Rehabilitationsroboter für Schlaganfallpatienten. Foto: SALTO
  • Kim betont aber gleichzeitig, dass ihrer Meinung nach die beste Therapie diejenige ist, die von einem Menschen durchgeführt wird: „Nur dabei entsteht echte menschliche Interaktion, bei der Nähe und Wärme vermittelt werden kann“, so Kim. Trotzdem bleiben Roboter als zusätzliche Arbeitskräfte attraktiv; laut Kim ist die Technologie inzwischen nahezu so weit, dass sie bald für die breite Bevölkerung zugänglich werden könnte.

  • Südtirol als Verbindungsstück

    Die Entscheidung, den Fokus der Veranstaltung „Robotics in Practice“ auf medizinische Robotik zu legen, begründet Marco Todescato von Fraunhofer Italia so: „Wir wollen unser Know-how in eine neue Disziplin einbringen, insbesondere für Rehabilitationskliniken. Dieser Bereich ist aus unserer Sicht aufgrund des demografischen Wandels von großer Bedeutung“. Todescato leitet das Machine-Intelligence-Development Team bei Fraunhofer, welches sich mit der Sensorik für Roboter, deren industrieller Anwendung und hochentwickelter Intelligenz beschäftigt. Fraunhofer Italia ist ein angewandtes Forschungszentrum mit Sitz am NOI Techpark und zeichnete verantwortlich für die Organisation der Robotik-Veranstaltung.

     

    „Wir werden auch morgen noch hier sein und uns an diese historischen Fortschritte erinnern.“

     

    Eine der Ideen hinter der Veranstaltung ist laut Todescato die Betrachtung Südtirols als eine Art „Hotspot zwischen Regionen“ zu etablieren: Mit der Universität Innsbruck oder dem MCI in Tirol im Norden und starken Forschungszentren und Universitäten in Städten wie Padua, Vicenza, Verona und auch Trient im Süden. „Südtirol könnte daher eine Art verbindende Rolle spielen – sowohl geografisch als auch durch seine Fähigkeit, Innovation und Forschung finanziell zu unterstützen und zu fördern“, so Todescato.

    Auch Professor Bicchi zeigte sich von Südtirol und dem NOI Techpark begeistert: „Ich habe den NOI Techpark sowie die Labore des Fraunhofer-Instituts und der unibz heute zum ersten Mal besucht und war sehr beeindruckt“, so Bicchi. In den letzten Jahren, insbesondere im Ingenieurwesen, seien in Bozen große Fortschritte gemacht worden. 

  • Die Medizin der Zukunft

    Dass die medizinische Robotik derzeit große Fortschritte macht, davon zeigten sich die Expertinnen und Experten bei der Tagung überzeugt. In der Chirurgie sehe man erste Versuche, bestimmte Schritte autonomer zu gestalten, meint Robotik-Professor Bicchi. „Es wird aber keine vollständige Automatisierung geben, eher ein System wie beim autonomen Fahren: Unterstützung, aber keine vollständige Kontrolle“, so Bicchi.

  • Bicchi bezüglich bionischen Prothesen: „Schon heute gibt es fortschrittliche Prothesen, die eingesetzt werden können.“ Foto: SALTO
  • Auch einsatzbereite, bionische Prothesen, so erläutert es Bicchi in seiner Keynote, gebe es schon heute. Diese Prothesen hätten bereits jetzt reale Auswirkungen auf Patientinnen, Patienten und Betroffene. „Die Perspektiven einer vollständigen Integration, über die wir heute gesprochen haben, liegen allerdings noch weiter in der Zukunft. Dies würde auch chirurgische Eingriffe erfordern“, erklärt Bicchi. 

  • Rettung oder Untergang?

    Mit der Frage, ob Robotik und künstliche Intelligenz am Ende die Welt retten oder zerstören würde, sieht sich Professor Bicchi laut eigener Aussage oft konfrontiert. „Diese Frage wird oft gestellt. Und die Antwort lautet: Wir haben schon andere enorme technologische Sprünge erlebt, die scheinbar unsere Zivilisation hätten zerstören können“, so Bicchi. Ein oft genanntes Beispiel sei die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. „Das war eine gewaltige Revolution – wahrscheinlich viel größer als ChatGPT – und wir sind immer noch hier. Ich denke, wir werden auch morgen noch hier sein und uns an diese historischen Fortschritte erinnern“, meint Bicchi.