„...in steter Veränderung...“
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Jetzt S+ abonnierenSALTO: Wie ist Ihre Leidenschaft für den Gesang und die improvisierte Musik entstanden?
Laura Zöschg: Meine Leidenschaft für den Gesang ist schon früh durch die viele Musik, die mich in meiner Kindheit umgab, entstanden. Für mich war und ist es immer noch normal, zuhause, draußen, beim Spazieren und in allen Umfeldern, in denen ich mich wohlfühlte oder wohlfühle, vor mich hin zu singen oder mit meiner Stimme Geräusche zu produzieren oder nachzuahmen.
„Ich habe schon immer für mich selbst gerne improvisiert.“
Die Leidenschaft für improvisierte Musik ist dann später durch den Kontakt mit Jazz und dem Jazzgesangsstudium in Graz entstanden. Einige meiner Studienkollegen haben sich, neben traditionellen Jazzstandards und Kompositionen, auch mit freier Improvisation beschäftigt, und ich bin dann durch verschiedene Jamsessions mit ihnen auch zu dieser Musik gelangt.
Rückblickend kann ich aber sagen, dass ich schon immer für mich selbst gerne improvisiert habe, seitdem ich mit dem „vor mich hin singen“ begonnen habe.
Welche Sängerinnen waren, falls es welche gab, Ihre Vorbilder oder Heldinnen?
Oh, da könnte ich sehr viele nennen, die ich mir viel über die Jahre angehört habe! Es kommen bei mir auch immer wieder neue Vorbilder aus allen möglichen Genres hinzu. Die Sängerinnen, die sich im Rahmen des Jazz bewegen, die ich aber sehr für ihre Freiheit in der Interpretation und Komposition von Stücken bewundere, sind unter anderem Betty Carter, Cécile McLorin Salvant, Jazzmeia Horn, und Norma Winstone. Bezüglich freier Improvisation und „extended vocal techniques“ gehören definitiv Sofia Jernberg, Sarah Buchner, und Ute Wassermann zu meinen Inspirationen. Dann habe ich vor kurzem auch Maddie Ashmann entdeckt, die mit Mikrotonalität in ihrer Musik arbeitet. Ich bin auch ein sehr großer Fan von Ganavya, einer Sängerin und Bassistin mit Wurzeln in Indien.
Bei dieser Ausgabe des Festivals wurden Sie beauftragt, eine „eigene“ Euregio Jazzwerkstatt zu leiten. Können Sie uns etwas über dieses Projekt erzählen?
Dieses Projekt ist ein sehr spannendes und herausforderndes für mich, da ich Musikerinnen und Musiker eingeladen habe, mit denen ich vorher noch nie zusammengearbeitet habe, und zusätzlich speziell für dieses Ensemble neue Musik schreibe. Da alle von uns unterschiedliche musikalische Ausdrucksweisen haben, wird es interessant zu sehen, wie wir bei den Proben und beim Konzert zusammenfinden werden.
Es fühlt sich nach einer großen Aufgabe an, diese Euregio Jazzwerkstatt zu leiten - deshalb kamen in den letzten paar Monaten manchmal schon Selbstzweifel und Gedanken darüber auf, ob ich das auch gut machen und meinen Ansprüchen an mich selber gerecht werde. Ich merke aber immer wieder, dass es mir sehr gut tut, Projekte anzugehen, die mir zu Beginn ein bisschen Angst machen. Jetzt gerade freue ich mich aber sehr auf die Residency, das Zusammenspielen und Experimentieren mit Ruth Goller, Felix Nussbaumer, Chiara Chisté und Yvonne Moriel, und ich bin sehr dankbar darüber, dass das Südtirol Jazzfestival und der Stanglerhof mir diesen Rahmen für die Arbeit mit diesen großartigen Musikerinnen und Musikern bereitstellt.
Wie groß ist der Anteil der Improvisation in der Musik, die Sie im Stanglerhof präsentieren, und was ist hingegen „komponiert“, also bereits vor dem Auftritt festgelegt?
Das ist im Moment schwierig zu sagen, da sich das während der Residency selbst herausstellen wird. Ich arbeite gerade an der Fertigstellung von ein paar „Framework“-Stücken - damit meine ich eine Art musikalischen Rahmen, der aus verschiedenen Bausteinen wie Text, Melodien, Geräuschtexturen oder Harmonien besteht, aber dessen Aufbau noch nicht fixiert ist. Diese Bausteine sollen so flexibel wie möglich sein, sodass wir als Ensemble sie gemeinsam festlegen oder auch nach Belieben verwenden können, und dann auch den Baustein Improvisation einbauen können. Eine oder zwei Kompositionen sind in deren Ablauf und Aufbau eher festgelegt, und wir werden auch einige Teile des Konzerts komplett frei improvisieren.
Können Sie uns Ihre Musik mit vier Adjektiven beschreiben (oder wie Sie es bevorzugen)?
Intuitiv, in steter Veränderung, in Gedanken versunken, voller verschiedener Klangschichten.
Ist Ihnen während oder am Rande eines Ihrer Konzerte eine lustige oder tragikomische Begebenheit passiert, über die Sie heute noch lächeln?
Es gab und gibt immer wieder viele solcher Begebenheiten, die mir in den Momenten dann sehr peinlich sind, und die sich dann später manchmal zufällig in mein Gedächtnis einschleichen und ich dann etwas beschämt darüber lachen muss: Textzeilen vergessen, Stimmaussetzer, die sich dann in ungeplante Jodeleinlagen verwandelten, nicht gerade souveräne Stückansagen fürs Publikum, … Gerade fällt mir aber keine bestimmte Begebenheit ein.
„Gemeinschaft und Empathie werden die Welt retten.“
Stimmen Sie mit Dostojewski überein, dass „die Schönheit die Welt retten wird“?
Ich kenne ehrlicherweise den Kontext dieses Zitats nicht, und ich finde auch, dass das Verständnis von Schönheit sehr individuell und subjektiv ist. Ich würde eher sagen, dass Gemeinschaft und Empathie die Welt retten werden.
Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie nicht in Südtirol sind? Und was gefällt Ihnen, wenn überhaupt, an unserem Teil der Welt nicht?
Am meisten vermisse ich die Natur und das Klima, die Zeit mit meiner Familie und mit meinen Freundinnen und Freunden in Südtirol. Die Zeit, die ich in Südtirol verbringe, ist meistens eine Art Urlaub, deshalb bringt sie auch immer eine gewisse Entspannung mit, die ich im Alltag in Kopenhagen oft vermisse.
Die Aspekte, die mir an Südtirol im Moment nicht gefallen, treffen auch generell auf die westliche Gesellschaft und viele Länder der Welt zu: der Leitsatz „mehr ist mehr“ in allen möglichen Bereichen - zum Beispiel im Tourismus -, und konservative Einstellungen, die noch immer in Politik und Gesellschaft verankert sind.
2.07.2026 18:00 UHR
Südtirol jazz festival Alto Adige
Laura Zöschg – voc, efx
Felix Nussbaumer – reed trumpet
Ruth Goller – b, voc
Chiara Chisté – voc
Yvonne Moriel – sax, efx
Stanglerhof - Mumelterweg 42, St. Konstantin - Völs am Schlern
Freiwillige Spende - Mit freundlicher Unterstützung von Niederstätter Ag & Alpewa Gmbh