Bühne | Tanz Bozen

Bozner Tanzfieber

Bozen bittet zum Tanz. Auf verschiedenen Tanzflächen der Stadt. Vor wenigen Tagen eröffnet, geht das Festival mit einem reichhaltigen Programm weiter. Und mit einem Talk.
Tanz Bozen

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Anouk Aspisi steht am Eingang der Büros der Stiftung Haydn von Bozen und Trient in der Bozner Gilmstraße 1/A. Die Kulturmanagerin widmete den jüngsten Tanzabend Diptych der legendären Kompanie Peeping Tom ihrer vor wenigen Tagen verstorbenen italienischen Großmutter. Diese persönliche Erinnerung verlieh der Aufführung eine emotionale Dimension. Dann wurde es ganz schön (gruselig).

Mit „The Missing Door“ und „The Lost Room“, erschufen „Peeping Tom“ eine ebenso faszinierende wie verstörende Welt zwischen Realität und Traum. Die Räume auf der Bühne gerieten aus den Fugen, die Figuren bewegten sich tanzend zwischen Erinnerung, Sehnsucht und Unterbewusstsein. Andrea Macchia

Diptych war in der Tat ein außergewöhnlicher und einzigartiger Tanzabend, denn die Arbeit ist nicht nur ein Tanzstück, sondern ein komplexes künstlerisches Experiment mit einer starken visuellen und filmischen Wirkung. Manchmal glaubte man, der im vergangenen Jahr verstorbene David Lynch habe an den Regiehebeln gesessen. Die Kombination aus Bewegung, Mechanik und vermeintlich erkennbarer Symbolik erzeugt eine Atmosphäre wie bei Mulholland Drive. Die Stückkombination wirkte durch die Bank bedrohlich, zugleich aber immer poetisch; die Tanzeinlagen waren präzise, die Musik ein albtraumhaftes Pendant. Ob zunächst im engen Zimmereck mit fünf Türen, dann im zweiten Teil in der erweiterten luxuriösen Suite: Alles mag scheinbar zusammenhängen, eine Folge des anderen sein, auch wenn am Ende nichts dergleichen einzutreten scheint, was die Zuschauerinnen und Zuschauer im Publikumsraum zu erahnen glauben. Was zum Teufel geht da vor sich?

Gestern war die Compagnie Leïla Ka mit Maldonne an der Reihe. Mit ihren preisgekrönten Arbeiten „rockten“ die fünf Tänzerinnen das Stadttheater in Abendroben, Brautkleidern, Hauskleidern und Alltagskleidung. Was folgte, war eine Choreografie in ständiger Verwandlung. Das Bozner Publikum zeigte sich begeistert. 

Obwohl die Choreografie gleich bleibt, verändern sich die Körper, die Ausdrucksformen und die gesellschaftlichen Perspektiven der Tänzerinnen

Blick nach vorne und auf morgen: „Die Körper waren früher viel mehr im klassischen Tanz verankert. Sie waren alle ähnlich oder gleich. Alle mussten gleich sein. Die Körperliche hat sich inzwischen sehr verändert. Das sieht man besonders bei Rosas danst Rosas.“ Tanz Bozen

Tanz Bozen verfolgt auch in diesem Jahr das Ziel, bedeutende internationale Künstlerinnen und Künstler ins Land zu holen, und „koppelt sein Programm mit anderen Austragungsorten wie Bassano del Grappa oder Verona.“Das funktioniert, spart Ressourcen und erweist sich am Ende für alle Beteiligten als Gewinn. Nur wenige Tage nach dem Start des diesjährigen umfangreichen Tanzspektakels blickt Aspisi mit Stolz auf den aktuellen Ticketverkauf: „Wir haben bereits jetzt über 1.000 Tickets mehr verkauft als im Vorjahr.“ Das kann sich tanzen lassen.

Ein wichtiger Schwerpunkt des Festivals ist seit Jahren die Beziehung zwischen zeitgenössischem Tanz und dem Publikum. Damit wird auch signalisiert, dass Tanz nicht nur eine Kunstform für Spezialisten oder Theaterbesucher ist, sondern darüber hinaus – neben den allabendlichen Highlights – eine Plattform bietet, auf der verschiedene Tanzformen zusammenkommen: von Flamenco über Hip-Hop, Capoeira und lateinamerikanische Tänze bis hin zu klassischen und zeitgenössischen Formen. Einfach Extra Danza.

Eine besondere Choreografie der französischen Kompanie Rosas von Anne Teresa De Keersmaeker geht am morgigen Mittwoch über die Bühne des Stadttheaters in Bozen: Rosas danst Rosas. „Das Stück stammt ursprünglich aus dem Jahr 1983“, blickt Aspisi zurück und freut sich auf das, was Bozen erwartet.

Italienische Erstaufführung von „Rosas danst Rosas“: Ein Meisterwerk der Tanzgeschichte aus dem Jahr 1983. Noch immer eines der prägendsten Werke des zeitgenössischen Tanzes. Bolzano Danza/Tanz Bozen

„Vier Tänzerinnen zeigen eine Bewegung von Einschränkung hin zu Freiheit im Raum. Die aktuelle Aufführung ist bereits die fünfte Übertragung dieser Choreografie innerhalb der Kompanie. Dadurch wird sichtbar, wie zeitgenössischer Tanz über Generationen weitergegeben wird und sich gleichzeitig verändert.“ Was aber verändert sich? „Obwohl die Choreografie gleich bleibt, verändern sich die Körper, die Ausdrucksformen und die gesellschaftlichen Perspektiven der Tänzerinnen. Dadurch wird deutlich, dass Tanz nicht statisch ist, sondern immer mit seiner Zeit verbunden bleibt.“ Das Festival verlässt auch in diesem Jahr bewusst den klassischen Theaterraum und nutzt Plätze, Parks und öffentliche Räume – sogar den Bunker H in Gries. Auch der Kapuzinergarten ist unter dem Namen BoDa wieder ein fixer Treffpunkt für Tänzer, Tänzerinnen und das Publikum. „Man wolle weiter experimentieren und neue Formate entwickeln, damit Tanz nicht nur zu den Menschen kommt, die bereits interessiert sind, sondern auch jene erreicht, die bisher keinen Zugang dazu hatten.“

SALTO TALK

Über Grenzen hinweg ist der Titel eines SALTO Talk, das am Mittwoch 22. Juli vor der italienischen Erstaufführung von Rosas danst Rosas im BoDa der Frage nachgeht, was geschieht, wenn Kunst und Wissenschaft wirklich aufeinandertreffen. Antworten darauf suchen und finden neben den beiden Verantwortlichen für die künstlerische Leitung von Bolzano Danza/Tanz Bozen Anouk Aspisi und Olivier Dubois, auch Elisa Weiss vom Public Engagement im NOI Techpark, Elisa Piras von Eurac Research sowie die Unternehmerin und gestern bei der Pressekonferenz vorgestellte neue Präsidentin des Festivals Transart, Daniela Niederstätter. Die Moderation übernimmt SALTO-Chefredakteurin Simonetta Nardin. Beginn ist um 18 Uhr im BoDa (Kapuzinergarten Bozen).

Im BoDA: Reges Treiben nach der Aufführung des Tanztheater-Ensembles aus Brüssel „Peeping Tom“ SALTO/HM

Info

Das Festival läuft für Ende Juli und bietet noch zahlreiche Höhepunkte. Generaue Informationen finden sich auf der Website von Bolzano Danza/Tanz Bozen