Zufluchtsort voller Widersprüche
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Jetzt S+ abonnierenVenezuela war für mich zunächst kaum mehr als ein Name aus dem Erdkundeunterricht: ein Land im Norden Südamerikas mit der Hauptstadt Caracas. Erst während meines Studiums in Mailand und Turin begann dieser Name Gestalt anzunehmen. Dort lernte ich mehrere Italienerinnen und Italiener kennen, die in Caracas geboren oder aufgewachsen waren. In ihren Erzählungen erhielt das Land erste Konturen. Gleichzeitig eröffnete mir das Studium der spanischen Sprache und Literatur einen kulturellen Zugang zu einer Welt, die mir bis dahin weitgehend fremd gewesen war.
Die erste Reise nach Venezuela führte mich während der Sommerferien 1974 nach Caracas. Schon die Ankunft hinterließ einen bleibenden Eindruck. Nach fast zehn Stunden Flug von Mailand öffnete sich beim Landeanflug der Blick auf das tiefblaue Karibische Meer, unmittelbar dahinter erhob sich die imposante Küstenkordillere. Der Flughafen liegt direkt an der Küste; von dort führt eine moderne Autobahn hinauf in die auf rund 950 Metern Höhe gelegene Hauptstadt, die sich über etwa 35 Kilometer durch ein langes Tal erstreckt und im Norden von der mächtigen Bergkette des Ávila begrenzt wird.
Zwei Wochen nach meiner Hochzeit in Bozen kehrte ich 1975 nach Caracas zurück – diesmal nicht als Besucherin, sondern mit der Aussicht, dort meinen Lebensmittelpunkt zu finden. Rückblickend markierte dieser Tag den Beginn einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit einem Land, das sich jeder einfachen Beschreibung entzieht.
Die Autorin
Immergrün ist eine Südtirolerin, die lange in Venezuela gelebt und gearbeitet hat. Sie hat uns gebeten, ein Pseudonym zu verwenden, da sie noch nach Venezuela reist. Ihre Identität ist der Redaktion bekannt.
Bereits der erste Aufenthalt hatte erkennen lassen, dass Venezuela von tiefen Gegensätzen geprägt ist. Ganz besonders blieb mir ein Ausflug an die Küste in Erinnerung. Die Landschaft mit ihren kleinen Inseln, den bunten Vögeln, den von Mangroven gesäumten Wasserstraßen und dem türkisfarbenen Meer wirkte beinahe paradiesisch. Nur wenige Schritte entfernt zeigte sich jedoch eine andere Wirklichkeit: Im Dorf gab es keine Kanalisation, und auf den schmalen Wegen zwischen der Landstraße und der Küste bewegten sich Kinder, Hunde und Schweine selbstverständlich nebeneinander. Diese unmittelbare Nachbarschaft von überwältigender Natur und großer infrastruktureller Armut erschien mir damals befremdlich. Später wurde mir bewusst, dass sie beispielhaft für viele Facetten Venezuelas stand – eines Landes, dessen Reichtum und dessen Widersprüche untrennbar miteinander verbunden sind.
„Der Beginn meines Lebens in Venezuela fiel damit in eine Zeit des Aufbruchs und großer Erwartungen.“
So präsentierte sich das Venezuela der späten 1970er Jahre, in denen meine eigenen Erinnerungen einsetzen. Als ich am 30. Dezember 1975 zum zweiten Mal in Caracas landete – diesmal mit der Absicht zu bleiben –, ahnte ich nicht, dass ich Zeugin eines historischen Wendepunkts werden würde. Bereits am 1. Januar 1976, trat die Nationalisierung der Erdölindustrie unter Präsident Carlos Andrés Pérez in Kraft. Der Beginn meines Lebens in Venezuela fiel damit in eine Zeit des Aufbruchs und großer Erwartungen. Das Land verstand sich als aufstrebende Erdölnation, deren wirtschaftliche Möglichkeiten nahezu grenzenlos schienen.
In den ersten Monaten bewegte ich mich zunächst in der Welt der italienischen Einwanderer, zu denen auch meine Schwiegereltern gehörten. Diese Gemeinschaft bot Orientierung und Vertrautheit in einer noch fremden Umgebung, zugleich schirmte sie aber auch ein Stück weit von der venezolanischen Alltagswirklichkeit ab. Der eigentliche Zugang zum Land begann deshalb mit der Sprache.
Um meine Spanischkenntnisse zu vertiefen, besuchte ich einen Sprachkurs. Ebenso lehrreich waren jedoch die alltäglichen Erfahrungen: das Fernsehen, die lebhaften Gespräche in der Familie und das aufmerksame Zuhören. Nach und nach wurde aus dem zunächst kaum verständlichen Sprechtempo der Caraqueños eine Sprache, der ich mühelos folgen konnte. Diese sprachliche Sicherheit eröffnete mir zugleich die ersten beruflichen Möglichkeiten. Meine erste Anstellung fand ich als Chefsekretärin in der Pharma-Sparte von Bayer, wo ich unter anderem die spanischen Diktate des Abteilungsleiters transkribierte. Rückblickend war diese Tätigkeit weit mehr als eine sprachliche Bewährungsprobe; sie bot zugleich einen ersten Einblick in die Arbeitswelt eines Landes, das sich im Zeichen des Erdölbooms wirtschaftlich und gesellschaftlich rasant veränderte.
Bereits im März 1976 ergab sich eine unerwartete Wendung. Aufgrund meines Studienabschlusses in Modernen Sprachen mit Schwerpunkt Deutsch wurde ich im Sprachenzentrum der wichtigsten Universität des Landes, der Universidad Central de Venezuela, als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache eingestellt.
„Auch Berufseinsteiger konnten von ihrem Gehalt gut leben.“
Das Sprachenzentrum hatte einen klaren Bildungsauftrag: Es bot Studierenden sämtlicher Fakultäten Kurse in Englisch, Französisch, Deutsch und Italienisch an. Während Englisch und Französisch den meisten bereits aus der Schule vertraut waren, begannen Deutsch und Italienisch bei null. Ziel war es, die Studierenden – je nach Engagement – bis zu einem soliden Niveau zu führen, das ihnen den Zugang zu wissenschaftlicher Literatur und zu einem Studium oder einer beruflichen Tätigkeit im Ausland eröffnete. Fremdsprachen galten damals nicht als luxuriöse Zusatzqualifikation, sondern als selbstverständlicher Bestandteil einer modernen akademischen Ausbildung. Die Universität verstand sich als Tor zur Welt, und viele Studierende begegneten Europa mit echter Neugier und dem Wunsch, ihren Horizont zu erweitern.
Da meine Stelle an der Universität zunächst nur eine halbe Lehrverpflichtung umfasste, unterrichtete ich im Schuljahr 1976/77 zusätzlich an der Deutschen Auslandsschule, dem Colegio Humboldt in Caracas, an dem ich in der Unterstufe Deutsch als Fremdsprache erteilte. So lernte ich zwei Bildungswelten kennen, die sich trotz ihrer Unterschiede in einem Punkt ähnelten: Beide waren von dem Vertrauen geprägt, dass Bildung eine Investition in die Zukunft des Landes sei.
Heute ist kaum noch vorstellbar, wie attraktiv die Arbeitsbedingungen an den venezolanischen Universitäten damals waren. Auch Berufseinsteiger konnten von ihrem Gehalt gut leben. Eine Vollzeitstelle mit zwölf Wochenstunden Unterricht wurde mit rund 4.000 Bolívar vergütet – damals fast 1.000 US-Dollar. Dieses Einkommen ermöglichte ein Leben in der gesellschaftlichen Mitte und bot jungen Hochschullehrenden eine verlässliche Zukunftsperspektive.
Die 1970er Jahre waren für Venezuela eine Zeit des Wohlstands. Die Erdöleinnahmen ermöglichten erhebliche Investitionen in Bildung und Wissenschaft. Universitäten genossen hohes Ansehen, akademische Berufe boten wirtschaftliche Sicherheit und die Aussicht auf eine langfristige Karriere. Gehaltsanpassungen, Stipendien für Auslandsstudien und eine gute medizinische Versorgung gehörten zu den selbstverständlichen Leistungen des Staates. Erst Jahrzehnte später wurde deutlich, wie außergewöhnlich diese Jahre tatsächlich gewesen waren.
„Venezuela galt als Zufluchtsort für Menschen, die vor den Militärdiktaturen Südamerikas in Chile, Argentinien, Uruguay flohen.“
Ob ich damals Heimweh nach Bozen und Südtirol hatte? Nicht wirklich. Venezuela bot zu jener Zeit großartige Möglichkeiten. Die neue Aufgabe an der Universität forderte mich täglich heraus, zugleich eröffnete mir das Land eine Natur, wie ich sie bis dahin nicht gekannt hatte: die wunderbaren karibischen Strände, die endlosen Savannen der Llanos, die schneebedeckten Gipfel der Anden und die tropischen Regenwälder. Hinzu kam der Aufbau eines neuen Familienlebens. Alles deutete auf einen dauerhaften Neuanfang hin.
Diese ersten Jahre standen im Zeichen einer Demokratie, die bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten Bestand hatte. Das politische System mit seinen beiden großen Parteien – der sozialdemokratischen Acción Democrática (AD) und der christdemokratischen COPEI – vermittelte den Eindruck von Stabilität und Berechenbarkeit. Der Bolívar zählte zu den stärksten Währungen Lateinamerikas und blieb bis zum sogenannten „Schwarzen Freitag“ am 18. Februar 1983 mit einem Wechselkurs von 4,30 Bolívar je US-Dollar bemerkenswert stabil. Venezuela galt als Zufluchtsort für Menschen, die vor den Militärdiktaturen Südamerikas in Chile, Argentinien, Uruguay flohen. Viele von ihnen fanden an der Universidad Central de Venezuela eine neue akademische Heimat. Auch zahlreiche Wirtschaftsflüchtlinge aus Kolumbien, Ecuador und Peru erreichten damals zumeist auf „grünen“ Wegen das reiche Venezuela. Dass ausgerechnet dieses Land wenige Jahrzehnte später selbst Millionen Menschen zur Emigration zwingen würde, konnte damals kaum jemand ahnen.
Der „Schwarze Freitag“ von 1983, an dem der feste Wechselkurs des Bolívar aufgegeben wurde, markierte den Beginn eines schleichenden wirtschaftlichen Niedergangs. Für uns Hochschullehrende bedeutete dies vor allem, dass die steigenden Lebenshaltungskosten unsere Kaufkraft zunehmend schmälerten. Zwar gehörten Universitätsprofessoren weiterhin zu einer vergleichsweise privilegierten Mittelschicht. Die Universität versuchte, den Kaufkraftverlust durch Leistungszulagen und wissenschaftliche Prämien auszugleichen und so Forschung und Lehre zu fördern. Doch diese Maßnahmen konnten den schleichenden Niedergang nicht aufhalten.
Die Universitäten selbst gerieten immer stärker unter finanziellen Druck. Ihre Haushalte wurden den steigenden Kosten nur unzureichend angepasst, Investitionen wurden verschoben und die finanziellen Spielräume enger. Was zunächst wie ein vorübergehendes wirtschaftliches Problem aussah, entwickelte sich allmählich zu einer strukturellen Krise.
Parallel dazu schwand das Vertrauen vieler Venezolaner in das politische System. Das über Jahrzehnte stabile Wechselspiel zwischen AD und COPEI wurde zunehmend nicht mehr als Ausdruck demokratischer Kontinuität, sondern als Zeichen eines erstarrten Machtkartells wahrgenommen. Korruption, soziale Ungleichheit und die wirtschaftliche Unsicherheit ließen den Unmut wachsen. Dieser entlud sich schließlich am 27. Februar 1989 in den schweren sozialen Unruhen, die als Caracazo in die Geschichte eingingen – ein Einschnitt, der weit mehr war als ein gewaltsamer Protest gegen steigende Preise. Die Anhebung der Benzinpreise war nur der Auslöser gewesen. Nach den ersten Protestaktionen in der 30 km nördlich von Caracas gelegenen Satellitenstadt Guarenas griffen die Proteste schnell auf Caracas und die anderen großen Städte über, bis sie schließlich von der Armee niedergeschlagen wurden. Rückblickend markierte der Caracazo den Beginn des politischen Zerfalls, der Venezuela in den folgenden Jahrzehnten grundlegend verändern sollte. Denn bestimmte Teile der Bevölkerung begannen sich vom Erdölreichtum ausgeschlossen und als unsichtbare Vertreter des Volkes nur für Wahlzwecke ausgenutzt zu fühlen.
„Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten herrschte die Überzeugung vor, dass sich Lateinamerika – und insbesondere Venezuela – auf dem Weg zu einer stabilen demokratischen Entwicklung befand.“
Anfang 1992 eröffnete sich mir eine besondere Gelegenheit. Auf Einladung der österreichischen Botschaft in Caracas nahm ich anlässlich des 500. Jahrestages der Entdeckung Amerikas am Seminar Austria–América Latina teil. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dreizehn lateinamerikanischen Ländern kamen in Österreich zusammen, um über Geschichte, Kultur und die Zukunft ihres Kontinents zu diskutieren. Die Atmosphäre war von intellektueller Offenheit geprägt. Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten herrschte die Überzeugung vor, dass sich Lateinamerika – und insbesondere Venezuela – auf dem Weg zu einer stabilen demokratischen Entwicklung befand.
An eines der letzten Seminare erinnere ich mich bis heute. Ein deutscher Soziologieprofessor hob Venezuela als Beispiel einer gefestigten Demokratie hervor, die sich im Gegensatz zu vielen Nachbarstaaten den Militärdiktaturen und Bürgerkriegen entzogen habe. Weniger als zwei Wochen später, am 4. Februar 1992, erschütterte der von Oberstleutnant Hugo Chávez angeführte Putschversuch genau diese vermeintlich gefestigte Demokratie. Rückblickend erscheint mir jener Kontrast fast symbolisch: Zwischen wissenschaftlicher Analyse und politischer Wirklichkeit lagen wenige Tage.
„Die politische Stabilität, die Venezuela über Jahrzehnte ausgezeichnet hatte, war brüchig geworden.“
Der gescheiterte Putsch bedeutete zwar zunächst keine Machtübernahme, doch er erschütterte das Vertrauen vieler Venezolaner in die bestehenden Institutionen und markiert den Beginn eines politischen Prozesses, der bis heute andauert und das Venezuela meiner ersten Jahre unwiderruflich verändert hat.
Die politischen Erschütterungen jener Zeit hatten vielfältige Ursachen. Venezuela engagierte sich außenpolitisch für die Demokratisierung Mittelamerikas und unterstützte unter anderem die Regierung von Violeta Chamorro in Nicaragua. Im eigenen Land jedoch wuchsen die Spannungen. Präsident Carlos Andrés Pérez, der 1989 mit überwältigender Mehrheit gewählt worden war, verlor zunehmend an Rückhalt. Korruptionsvorwürfe und politische Machtkämpfe führten schließlich zu seiner Amtsenthebung. Die Präsidentschaftswahlen von 1993 brachten Rafael Caldera ein zweites Mal ins Amt – allerdings bei einer deutlich geringeren Wahlbeteiligung. Die politische Stabilität, die Venezuela über Jahrzehnte ausgezeichnet hatte, war bereits brüchig geworden.
Obwohl sich das Ende des 20. Jahrhunderts näherte und vielerorts von Modernisierung, Globalisierung und demokratischer Erneuerung die Rede war, traten in Venezuela plötzlich Kräfte hervor, die überwunden geglaubt waren. Der alte „Caudillismus“, die Vorstellung, ein charismatischer Militär könne die politischen und sozialen Probleme des Landes lösen, gewann erneut an Anziehungskraft.
Lesen Sie morgen den zweiten Teil von „Mein Venezuela“.
Sehr interessante…
Sehr interessante Beschreibung von Venezuela, das in Folge von Korruption + U S A - Einfluss, den Reichtum aus dem Erdöl für die Bürger leider nicht um-setzen konnte ...!