Umwelt | Landwirtschaft

Zukunftsmission: doppelte Ernte

Hagel, Frost, Hitze, Wassermangel: Der Naturnser Kurt Raffl entwickelt ein bewegliches Schutzsystem und macht seinen Bauernhof zum Kraftwerk.
Das bewegliche Schutz- und Energiesystem für die Landwirtschaft von Erfinder Kurt Raffl. Bild: Kurt Raffl/Agrarkurtsystem

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Der Schmied, Schlosser, Bauer und Erfinder Kurt Raffl setzt seine Konstruktion in Bewegung. Über den Baumreihen öffnet sich die dachartige Abdeckung und der Wind beginnt, zwischen den Äpfeln, Kirschen und Trauben zu rauschen, die er im selbstgebauten Agrarkurtsystem, auf einer 400 Quadratmeter großen Versuchsfläche vor seinem Haflingerhof anbaut. Bei Regen, Hagel, zu starker Sonne oder Frost kann die Folie wieder eingefahren werden. Was hier auf dem Naturnser Sonnenberg in Untervinschgau steht, erinnert zunächst an eine Mischung aus Hagelschutz, Markise und Gewächshaus. Doch hinter der Konstruktion steckt weit mehr, als auf den ersten Blick sichtbar ist. Raffl bricht es herunter: „Wir können ein eigenes Raumklima schaffen“.

Kurt Raffl: Früher baute er Schneelastmarkisen, heute bewirtschaftet der 55-Jährige gemeinsam mit seiner Frau Marlene nicht nur den Haflinger Hof, sondern auch ein Forschungszentrum. Kurt Raffl/Agrarkurtsystems

Auch die Grundidee, die hinter dem jahrelang entwickelten Projekt steht, ist eine erstaunlich einfache: Herkömmliche Hagelnetze halten dem heutigen Klima einfach nicht mehr stand. Statt landwirtschaftliche Kulturen dauerhaft unter Netze zu stellen, soll eine bewegliche Konstruktion dann eingreifen, wenn die Pflanzen tatsächlich Schutz brauchen, Licht und Wind einlassen, wenn die Pflanzen Wärme und Dynamik brauchen, und auf klimatische Veränderungen reagieren können. Ganz einfach: Bei gutem Wetter bleibt sie offen. Wird es zu heiß, droht Hagel oder Starkregen, kann sie per Knopfdruck geschlossen werden.

Der Entwickler betont klar: „Meine Erfindung ist weder fertig ausgefeilt noch makellos, aber ein entschiedener Schritt in eine Zukunft, die kommt, ob wir es wollen oder nicht“. Und dafür will er ganzheitliche Lösungen anbieten: Regenwasser lässt sich auffangen und speichern, Pestizide können drastisch bis auf ein Minimum reduzier werden, Abdrift soll zum Problem der Vergangenheit und auf der Konstruktion künftig effizient Solarstrom erzeugt werden.

Aus der Frostlösung wird ein Forschungszentrum

Die Idee entstand nicht am Schreibtisch. „2017 richtete ein Frostereignis in den Apfelwiesen meines Cousins Schäden an. Da ich früher großflächige Schneelastmarkisen und Beschattungssysteme gebaut habe, dämmerte mir eine Lösung für das Problem“, erzählt Raffl. Als er mit seiner Frau den Hof am Sonnenberg übernahm, fasste er einen Entschluss: „Wir machen ein Forschungszentrum.“ Seit 2020 experimentiert und tüftelt er intensiv an seiner Erfindung, dem „Agrarkurtsystem“, das er selbst geplant und finanziert hat. Dabei handelt es sich um ein bewegliches Schutz- und Energiesystem für die Landwirtschaft.

„Dabei brauche ich nur ein Drittel der Menge an Pflanzenschutzmitteln herkömmlicher Plantagen.“

Was heute auf dem Hof steht, ist kein fertiges Serienprodukt. Raffl hat eine 400 Quadratmeter große Versuchsanlage aufgebaut und mit einem Prototyp seines Systems überdacht. Daneben liegen in seiner Werkstatt weitere Entwicklungsstufen: Konstruktionen für den Weinbau, bewegliche Elemente, Versuche mit flexibler Photovoltaik. Der Erfinder sagt von sich selbst: „Ich bin der Techniker. bei Metallurgie und Konstruktion kenne ich mich aus. Einen grünen Daumen habe ich allerdings nicht.“

Ganz einfach: Wenn Niederschlag problematisch wird, schließt man die Anlage. Brauchen die Früchte Wind, Sonne, Trockenheit, öffnet man sie David Orrú/SALTO

Und der Prototyp scheint zu funktionieren. Die Saison ist voll im Gange und die Äpfel sehen aus und schmecken, wie Äpfel, die von einer herkömmlichen Plantage kommen. Und hier kommt das nächste Staunen. Das Obst ist vielleicht minimal kleiner, aber farbstark, knackig und süß „und dabei brauche ich nur ein Drittel der Menge an Pflanzenschutzmitteln herkömmlicher Plantagen“, unterbricht Raffl das Schmatzen des Redakteurs.

Verträglich: Ganz ohne Pestizide ging es nicht, aber sie konnten auf ein Minimum reduziert werden. David Orrú/SALTO

Er untermauert dies mit einer Rückstandsanalyse der Laimburg aus dem Jahr 2025, die zeigt, dass sich Raffls Ansatz auch in den Früchten niederschlagen könnte: In einer untersuchten Probe der Apfelsorte Morgenduft blieben fast alle geprüften Pflanzenschutzmittel weit unter der jeweiligen Bestimmungsgrenze.

„Viele Pilzkrankheiten werden durch Regen und den feuchten, tropischen Klimabedingungen unter den Hagelnetzen begünstigt“, erklärt Raffl. Sein Ansatz: „Wenn Niederschlag für die Kulturen problematisch wird, schließt sich die Anlage. Brauchen die Früchte Wind, Sonne, Trockenheit, öffnet man sie.“ Dadurch, so seine Erwartung und seine Erfahrung aus der Versuchsanlage, könne der Einsatz von Fungiziden erheblich reduziert werden.

Vollständige Pestizidfreiheit verspricht die Realität auf dem Hof nicht. Raffl erzählt selbst: „Bei einzelnen Kulturen in bestimmten Situationen biologische mussten wir Pflanzenschutzmittel einsetzen“. Für ihn ist das allerdings kein Widerspruch. Sein Ziel sei nicht, Landwirtschaft mit einem Zaubertrick frei von jedem Eingriff zu machen, sondern die Notwendigkeit für große Produktionen möglichst weit zu reduzieren und drängende Probleme zu lösen, für die es bis dato keine wirkliche Lösung gibt, so wie etwa für die Abdrift. „Muss gespritzt werden, kann die Konstruktion die Ausbreitung der Sprühwolke auf angrenzende Grundstücke reduzieren. Ich denke: Gerade dort, wo Obstwiesen unmittelbar an Wohngebiete, Gärten oder Beherbergungsbetriebe grenzen, könnte das von großem Nutzen sein“, betont Raffl.

„Durch die Etsch fließt das Wasser der letzten Gletscher und damit wassern wir die Äpfel.“

Täglich mit dem Sommerthema der Wasserknappheit konfrontiert, fällt sofort die nächste Funktion ins Auge: die Wassersammelbecken zwischen den Baumzeilen. „Regen, der auf das ausgefahrene Dach fällt, kann gesammelt, in einem Container gespeichert und für die Bewässerung nutzbar gemacht werden. Gleichzeitig verhindert die Folie, dass Feuchtigkeit im Boden zu rasch verdunstet und Bodenfeuchtigkeit länger beibeahlten werden kann“, erklärt Raffl.

Auch zu traditionellen Frostschutzsystemen, die große Wassermengen für die Beregnung im Frühjahr verbrauchen, sieht Raffl in seinem System einen anderen Weg: „Das geschlossene Dach soll einen Teil der vom Boden abgegebenen Wärme im Bestand halten. Dadurch kann der Wasserbedarf bei der Frostschutzberegnung massiv sinken“. Er schildert die zukunftsträchtige Idee: „Durch die Etsch fließt das Wasser der letzten Gletscher und damit wassern wir die Äpfel. Es gilt also möglichst dann Wasser einzusparen, wenn es vorhanden ist, und Verluste zu vermeiden, wenn es knapp wird“.

Auch das Thema Mikroplastik lässt Raffl grübeln: „Direkt vor unserer Haustür verwittern riesige Kunststoffnetze jahrelang unter Sonne, Wind und Wetter. Meine Schutzfolie wird nur bei Bedarf ausgefahren und bleibt ansonsten eingerollt und vor Witterung geschützt.“ Der mögliche Vorteil liegt auf der Hand: weniger dauerhafte Kunststoffexposition, weniger Verschleiß und damit potenziell weniger Mikroplastik. Wie groß dieser Effekt tatsächlich ist, müsste noch unabhängig quantifiziert werden.

Doppelernte, der ersehnte Business-Case?

Im Diskurs um nachhaltige Innovationen, heißt es stets, dass Nachhaltigkeit zum Business-Case werden muss, um in der Gesellschaft und Wirtschaft Fuß zu fassen. Viele Bäuerinnen und Bauern in Südtirol wären heute schon glücklich, wenn ihre Ernte wieder ein Business-Case wäre. „Was, wenn beide Probleme dieselbe Lösung hätten?“ Raffl hat seine Konstruktion mit Agri-Photovoltaik verbunden und verfolgt einen Ansatz, der sich von den gängigen Agri-PV-Anlagen unterscheidet. „Die Solarmodule liegen nicht als vollständig geschlossenes Glasdach über der Fläche, sondern werden punktuell an den Pfeilern integriert. Dadurch wirken geringere Windlasten auf das Gestell und es werde weniger Material benötigt“, schildert Raffl.

Doppelernte: „Ein Bauer kann dieselbe Fläche zweimal nutzen.“ Kurt Raffl/Agrarkurtsystem

Unten wachsen Äpfel, Trauben oder Beeren. Oben entsteht Strom. „Ein Bauer kann dieselbe Fläche zweimal nutzen“, so Raffl. Für eine Anlage auf einem Hektar rechnet Raffl mit einer Photovoltaikleistung in der Größenordnung von 360 bis 400 Kilowatt. 

„In industrieller Fertigung werden diese Anlagen einen Bruchteil der gängigen Agri-PV-Anlagen kosten“, ist sich Raffl sicher. Noch spricht er nur von Zielwerten, nicht von Preisen eines Serienprodukts. Hinzu kämen laut Raffl noch Einsparungen bei Pflanzenschutzmitteln, Bewässerungs- und Strombedarf. Die Frage, ob sein System teurer ist als ein Hagelnetz, erscheint beim grübelnden Blick auf die Plantagen-Landschaft im untervinschger Talkessel tatsächlich immer obsoleter.

Zu schön, um wahr zu sein?

Kurt Raffl macht keinen Hehl daraus, dass die Arbeit an seinen Komponenten noch nicht abgeschlossen ist. „Die Anlage am Sonnenberg habe ich handwerklich entwickelt und gebaut, eine industrielle Fertigung ist nochmal etwas anderes“, betont Raffl. Aber dieser Schritt erscheint seinen Aussagen zufolge nicht weit entfernt.

Sicher, in der Serie müssten Profile gewalzt, Bauteile standardisiert und Produktionsabläufe entwickelt werden. Dazu kommen Statik, Zertifizierungen, Patente, Genehmigungen und Kapital. Das holistische Konzept des Agrarkurtsystems weckt jedoch bereits jetzt handfestes internationales Interesse. „Ich hatte bereits Delegationen und interessierte Gäste aus Marokko, der Schweiz, Afrika und aus dem Nahen Osten bei mir zu Gast“. Internationales Interesse ist zwar noch nicht gleichbedeutend mit einer internationalen Referenzanlage und Strukturen im Ausland wurden auch noch keine realisiert. Doch die Anlage auf seinem Hof ist eben auch mehr als eine Zeichnung. Sie steht da und ist funktional. Sie lässt sich öffnen und schließen. Darunter wachsen Obstkulturen.

Andreas Leiter Reber: „Das Land solle deshalb vom derzeitigen Verbot abrücken.“ Seehauserfoto

Potenzial sieht darin auch der Freie Landtagsabgeordnete Andreas Leiter Reber. Solche Systeme könnten bei einem entsprechenden gesetzlichen Rahmen so errichtet werden, „dass sie Landwirtschaft ermöglichen und landschaftlich nicht mehr beeinträchtigen als Hagelnetze“.

Leiter Reber zieht dabei einen Vergleich zur früheren Energieversorgung der Höfe: „War früher ausschließlich die Wasserkraft der natürliche Energieträger, mit dem die Sägen und Mühlen auf den Höfen angetrieben wurden, so ist es heute der Solarstrom, der immer mehr Maschinen und künftig auch den Fuhrpark günstig versorgen kann.“

Von großflächigen Photovoltaikfeldern hält Leiter Reber wenig. Landwirtschaftlichen Betrieben müsse aber eine zeitgemäße Eigenversorgung ermöglicht werden. Das Land solle deshalb vom derzeitigen Verbot abrücken und jedem Hof zumindest eine bestimmte Fläche für Solarpaneele zugestehen, für den Eigenbedarf und zur Amortisierung der Investition, so der Landtagsabgeordnete.

Holistischer Ansatz: Auch Wildbienen und andere Bestäuber, bekommen in den Bestäuberkästen des Agrarsystems ihren Platz. David Orrú/SALTO

Raffl sieht sich auf Mission, der ungewissen, auch unsicheren Zukunft Taten entgegenzusetzen. Er versteht sein Agrarkurtsystem nicht als einzelne technische Lösung für die Landwirtschaft, sondern als Ausgangspunkt eines dezentralen Gesamtsystems: Nahrung unten, Energie oben, Speicherung und Nutzung möglichst vor Ort, Kreislaufwirtschaft. 

Ob aus dem Prototyp am Naturnser Sonnenberg tatsächlich ein System für Landwirtschaft im großen Maßstab wird, muss sich erst zeigen. Während etwa das Verbrenner-Aus oder die CO₂‑Neutralität immer weiter nach hinten verschoben werden, arbeitet Raffl in seinem Forschungszentrum daran, das stetig unberechenbarere Klima technisch steuerbar zu machen, und denkt Energiegemeinschaften und Lebensmittelnetzwerke zusammen. Raffl dabei als bloßen Träumer abzutun, würde übersehen, was auf seinem Hof bereits steht.