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Kulinarische Geschichtsverdrehung

Wenn Landesrat Christian Bianchi Geschichts- und Gerichtsunterricht erteilen möchte und klarmacht, dass er von beidem scheinbar keine Ahnung hat. Ein peinlicher Fall.
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Foto: SALTO/HM
  • Dass Christian Bianchi keine Leuchte in Geschichtsfragen ist, mag vielleicht dem einen oder der anderen bekannt gewesen sein. Nun unterstreicht er sein Defizit mit einer Stellungnahme mehr als deutlich. Ein politisches Lokal-Kaliber wie er sollte sich aber hüten, Falschmeldungen zu einem Bistro neben dem Landtag am Magnago-Platz in Umlauf zu bringen, wie er dies mit seiner Anklage auf seinem Facebook-Kanal macht und damit bei seiner pseudointellektuellen Anhängerschaft um Beifall bettelt. Oder handelt es sich um eine bewusst lancierte und irreführende Mobilmachung? Dann wäre sein Beitrag zur Sache, um die es geht, die Pasta Antifascista, wohl sogar strafbar.
     

    Weshalb missbraucht Bianchi das kulinarische Widerstandsgericht für seine politische Un-Haltung, indem er das Waltherhaus und die beiden jungen Pächter des Gastbetriebs anschwärzt? 

  • Gericht vor Gericht: Christian Bianchi hat etwas gegen ein Nudelgericht. Oder hat er etwas gegen den Antifaschismus? Und damit auch gegen die Verfassung? Foto: SALTO/HM

    Der Reihe nach. Es mag einen Politiker des rechten Spektrums sicher schmerzen, wenn er vom Stadtzentrum Bozen aus in den Landtag spaziert, die Abkürzung über den Laurinparkplatz nimmt und auf dem Vorplatz des Waltherhauses ein Schild mit einem Speiseangebot sieht, das ihm politisch nicht schmeckt. Und was macht ein Politiker wie Bianchi in so einem Fall? Er heischt nach Aufmerksamkeit und verunglimpft mit wirren Aussagen, die vollkommen am Thema vorbeigehen. Ist das eines Landesrats würdig? Nein!

    Nikolaj Oberrauch und Francesca Cantele betreiben seit Jänner das Theater-Bistro beim Haus der Kultur in Bozen (Waltherhaus), unmittelbar neben dem Landtagsgebäude. Seit Beginn ihrer Tätigkeit ist das historisch bekannte Nudelgericht Pasta Antifascista Teil ihres gastronomischen Auftritts. Gegenüber SALTO erklären sie, dass sie das Gericht bereits zuvor aus dem privaten Kontext kannten und dann gemeinsam beschlossen haben, die Pasta Antifascista sozusagen als politisch korrekten Evergreen täglich anzubieten. 

    Bei der am 25. Juli 1943 erdachten Pasta Antifascista handelt es sich im Kern um eine einfache Pasta mit Butter und Parmesan, die jedoch durch ihren historischen Namen eine klare Bedeutung trägt: sie ist demnach keine gewöhnliche Pasta „in bianco“ oder noch schlimmer, Pasta „in Bianchi“.

    „Ich halte es für inakzeptabel“, schreibt der Geschichtslaie Bianchi, „dass eine so dramatische und bedeutende Seite der italienischen Geschichte auf ein Element gastronomischen Marketings reduziert wird.“ Und er rülpst in seinem Kommentar feucht-fröhlich weiter: „Noch schwerwiegender ist, dass dies an einem Ort geschieht, der sich selbst ‚Haus der Kultur‘ nennt. Kultur sollte bilden, vertiefen und das historische Gedächtnis bewahren, nicht es für oberflächliche und geschmacklose Aktionen verbiegen.“ Bianchi schreibt von „beschämender Banalisierung der Geschichte“. Und betreibt sie selbst. 

  • Politisch korrekt: Pasta Antifascista im Waltherhaus. Im Landtag lieber ohne „Anti“? Foto: SALTO/HM
  • Will Christian Bianchi lediglich seine Unkenntnis in Geschichte vor Augen führen? Oder einfach bewusst Fehlinformation streuen? Weshalb missbraucht er das kulinarische Widerstandsgericht für seine politische Un-Haltung, indem er das Waltherhaus und die beiden jungen Pächter des Gastbetriebs anschwärzt? 
     

    Man schrecke zwar gewisse Gäste ab, sagen die Betreiber, ziehe dafür aber ein Publikum an, das die Werte des Antifaschismus teile.


    Die Reaktionen der Gäste seien überwiegend positiv, erzählen die beiden Pächter. Viele Menschen seien überrascht und amüsiert, da sie die Geschichte hinter dem besonderen Nudel-Gericht nicht kennen. Sobald diese erklärt wird, reagieren viele interessiert und erfreut. Negative Reaktionen würden sich eher indirekt äußern, etwa dadurch, dass möglicherweise manche Menschen das Lokal meiden. 

    In den letzten Jahren erlebte die „Pasta antifascista“ eine kleine Renaissance, was durchaus mit der politischen Landschaft Italiens zu tun hat, in der Antifaschismus – wie auch bei Donald Trump etwa – zum Schimpfwort verkommen ist. Dass es nun ein Bistro-Lokal in unmittelbarer Nähe zum Südtiroler Landtag gibt, das dieses Gericht anbietet, ist politisch und gesellschaftlich nicht brisant sondern wichtig und richtig. Und dazu noch in seiner bescheidenen Einfachheit sehr köstlich.

  • Gerichtsaufarbeitung für den Landtag: Wenn der Landtag ein Problem mit dem Begriff „Antifaschismus“ hat, die Pächter im „Waltherhaus“-Bistro nebenan haben es nicht. Nikolaj Oberrauch und Francesca Cantele vor ihrem Bistro. Foto: SALTO/HM
  • Christian Bianchi sollte sich Dingen in denen er keinerlei Ahnung hat zurückhalten. Die Pasta Antifascista wird seit Jänner im Waltherhaus als tägliches Gericht angeboten. Man schrecke zwar gewisse Gäste ab, sagen die Betreiber, ziehe dafür aber ein Publikum an, das die Werte des Antifaschismus teile. Für Francesca Cantele und Nikolaj Oberrauch ist entscheidend, dass der Name historisch begründet ist. Die Pasta selbst bleibt bewusst einfach und erschwinglich (8 Euro). Verwendet werden lokale Butter und Parmigiano Reggiano stagionato, denn auch die Einfachheit entspricht dem Ursprung des „populären“ Gerichts.

    Auch außerhalb Bozens, etwa in Meran, bieten Oberrauch und Cantele demnächst die Pasta Antifascista bei einer Veranstaltung an, die am 25. April (Anniversario della Liberazione) über die Bühne gehen wird. Christian Bianchi kann dann gerne mit seinem Rennradfahrer-Sohn hinstrampeln und eine Portion weiße Nudeln essen. Das ist nicht nur gut für den Körper radfahrender Athleten, sondern auch für Politiker, die ihre Hausaufgaben in Geschichte noch nachzuholen haben. Buon appetito!