Prävention statt Schweigen im Betrieb
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Die Istat-Daten für den Zeitraum 2022–2023 zeichnen ein differenziertes, aber beunruhigendes Bild: Schätzungen zufolge haben 13,5 % der erwerbstätigen oder ehemals erwerbstätigen Frauen zwischen 15 und 70 Jahren im Laufe ihres Berufslebens sexuell motivierte Belästigungen am Arbeitsplatz erlebt, gegenüber 2,4 % der Männer.
In absoluten Zahlen entspricht das rund 2 Millionen Frauen. Hinzu kommen schätzungsweise 298.000 Frauen, die sogar sexueller Erpressung am Arbeitsplatz ausgesetzt waren, einer besonders schwerwiegenden Form der Ausbeutung, bei der Beschäftigungsverhältnisse als Druckmittel eingesetzt werden.
Besonders stark betroffen sind junge Frauen, die gerade in den Arbeitsmarkt eintreten: In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen sind es 21,2 % (gegenüber 4,8 % der gleichaltrigen Männer), bei den 25- bis 34-Jährigen 18,9 %. Diese Zahlen deuten auf eine ausgeprägte Verletzlichkeit in der Berufseinstiegsphase hin, einem Lebensabschnitt, in dem Machtverhältnisse besonders asymmetrisch sind und vertragliche Abhängigkeiten besonders schwer wiegen, was die Bereitschaft erhöht, Grenzüberschreitungen zu tolerieren.
Auch der Bildungshintergrund erweist sich als relevanter Faktor: Frauen mit geringerer formaler Bildung sind überdurchschnittlich häufig von sexualisierter Belästigung betroffen, während gebildetere Frauen häufiger über andere Formen der Belästigung berichten. Hier handelt es sich häufig um verbale Übergriffe, Mobbing oder erniedrigendes Verhalten.
Diese Unterschiede spiegeln auch verschiedene Arbeitskontexte und das Machtgefüge wider, nicht allein individuelle Verwundbarkeit. Bemerkenswert ist zudem der Zusammenhang mit finanzieller Prekarität: Mehr als jede zehnte betroffene Frau gibt an, finanzielle Schwierigkeiten zu haben, ein Hinweis darauf, dass wirtschaftliche Abhängigkeit das Risiko, Belästigungen zu dulden, deutlich erhöht.Belästigung gehört für viele Frauen zum beruflichen Alltag.
Im EU-Durchschnitt berichtet jede fünfte Frau von negativen Erfahrungen. Entscheidend ist dabei eine breite Definition von sexualisierter Belästigung, die nicht erst bei körperlichen Übergriffen ansetzt, sondern bereits unerwünschte sexuelle Aufmerksamkeit einschließt. Dazu zählen anzügliche Kommentare, unangemessene Nachrichten oder aufdringliches Verhalten. Viele Grenzüberschreitungen bleiben unterhalb der Schwelle physischer Gewalt, hinterlassen aber dennoch gravierende psychische und berufliche Spuren.
Im europäischen Vergleich verzeichnen die Niederlande und Finnland die höchsten Werte, wo rund 10 Prozent aller Frauen von unerwünschtem sexualisiertem Verhalten berichten. In Ländern wie Spanien, Malta, Bulgarien oder Zypern liegt dieser Anteil hingegen bei etwa 1 %.
Diese Unterschiede lassen sich jedoch nicht allein auf die tatsächliche Häufigkeit der Vorfälle zurückführen: In Ländern mit stärker ausgeprägter Gleichstellungspolitik – etwa in Nordeuropa – wird problematisches Verhalten nachweislich häufiger als sexualisierte Belästigung erkannt, benannt und gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte in Ländern mit geringerer Sensibilisierung und schwächerem institutionellem Schutz entsprechend höher sein.
Formelle Anzeigen bleiben derweil äußerst selten. Dies ist auch das Ergebnis eines deutlichen strukturellen Defizits: 86,4 % der Beschäftigten in Italien geben an, dass es am Arbeitsplatz keine Ansprechperson für Belästigungsfälle gibt; 69,7 % wüssten schlicht nicht, was in einem solchen Fall zu tun wäre. 93,6 % berichten, dass keinerlei Schulungsangebote zu diesem Thema existieren. Erschwerend kommt hinzu, dass es in Italien keinen spezifischen Straftbestand für sexuelle Belästigung gibt, ein rechtliches Vakuum, das Betroffene zusätzlich schutzlos lässt und Tätern strukturelle Straflosigkeit ermöglicht.
Sexualisierte Belästigung ist jedoch nicht nur ein Gleichstellungsproblem, sondern auch ein klar messbares ökonomisches Risiko. Studien zeigen, dass die Produktivität von Betroffenen um durchschnittlich 43 % sinkt.
Die Gesamtkosten geschlechtsspezifischer Gewalt – zu der die Belästigungen am Arbeitsplatz wesentlich beitragen – werden für die Europäische Union auf rund 366 Milliarden Euro jährlich geschätzt, wenn man Produktivitätsverluste, Gesundheits- und Sozialausgaben, Justizkosten sowie Unterstützungsleistungen für Betroffene zusammenrechnet.
Laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verursachen Belästigungen und Gewalt am Arbeitsplatz weltweit Produktivitätsverluste in Höhe von rund 1,5 Billionen Dollar jährlich. Für Italien fehlen bislang spezifische Berechnungen, aber auch hierzulande dürften die Einbußen beträchtlich sein.
Zusammenfassend ist die Datenlage eindeutig: Sexualisierte Belästigung ist weit verbreitet, trifft bestimmte Gruppen besonders hart und verursacht hohe individuelle wie gesellschaftliche Kosten. Gleichzeitig bleibt ein erheblicher Teil der Vorfälle unsichtbar, weil Betroffene aus Angst vor Konsequenzen schweigen oder schlicht kein Vertrauen in bestehende Meldesysteme haben.
Es liegt daher sowohl im gesellschaftlichen als auch im wirtschaftlichen Interesse, wirksame Präventionsmaßnahmen in Betrieben zu verankern, klare und niedrigschwellige Meldewege zu schaffen und bei Übergriffen konsequente arbeitsrechtliche Sanktionen vorzusehen.Cristina Masera
Die EU OSHA stellt ein Tool…
Die EU OSHA stellt ein Tool zur Selbstevaluierung bereit, das nützlich für Unternehmen ist, die auf dem Gebiet sexuelle Übergriffe u.Ä. aktiv werden wollen. Man kann sich kostenlos anmelden:
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