Wirtschaft | Interview

„Die neuen Bauern sind Akademiker“

Morgen eröffnet in Meran der Lebensmittelladen Ginko: Genossenschaftspräsidentin Elda Dalla Bona über Greenwashing und neue Perspektiven in der Landwirtschaft.
Elda Dalla Bona
Foto: privat
  • SALTO: Frau Dalla Bona, wie funktioniert das Konzept von Ginko?

    Elda Dalla Bona: Unser Geschäft ist kein normaler Lebensmittelladen, sondern auch ein Bildungsprojekt. Deshalb haben wir neben dem Sortiment eine Lehrküche mit Büchern, in der Kurse für Erwachsene und Jugendliche stattfinden werden, zum Beispiel zum Brotbacken. Im Sortiment haben wir Lebensmittel, Hygieneartikel und Kleidung. Der Verkauf wird von Ehrenamtlichen getragen, nur der Geschäftsführer wird angestellt. Die Herausforderung ist dabei, mit einem Preis auf den Markt zu gehen, den sich die Mehrheit der Menschen leisten kann. Trotzdem wird ein Discounter niedrigere Preise haben. 

     

    „Deshalb würde ich sagen, ja, es gibt mehr Sensibilität, aber auch mehr Greenwashing.“

     

    Wieso sind Ihre Produkte teurer?

    Der niedrige Preis im Discounter kommt letztendlich nur zustande, weil jemand anderes dafür bezahlt – entweder die Arbeiter entlang der Lieferkette, die Natur oder unsere Gesundheit. Bei Ginko setzen wir auf bewusstes Einkaufen und wollen den Gedanken der GAS-Gruppen in Italien weitertragen. Deshalb ist uns auch wichtig, dass die Ehrenamtlichen über die Lieferkette einzelner Produkte Bescheid wissen, um auf Fragen der Kundschaft antworten zu können. 

  • Zur Person

    Elda Dalla Bona engagiert sich seit Jahrzehnten für nachhaltiges Einkaufen und hat im Jahr 2004 die erste GAS-Gruppe in Südtirol gegründet. Die Abkürzung GAS steht für „Gruppo di Acquisto Solidale“. Die pensionierte Grundschullehrerin ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und hat zwei Enkel. Die 74-jährige Meranerin ist die Präsidentin der Genossenschaft Ginko mit knapp 170 Mitgliedern. 

  • Wie hat sich das Bewusstsein zum Thema nachhaltiges Einkaufen in den letzten Jahren verändert?

    Es stimmt, dass gerade viele Krisen herrschen, wie eine liebe Freundin bei unserem letzten Treffen sagte. Es stimmt aber auch, dass immer mehr Menschen Sensibilität für Nachhaltigkeit entwickeln. Nur ist die Sache ein zweischneidiges Schwert, weil nun auch Supermärkte biologische und als grün deklarierte Produkte verkaufen. Das heißt aber nicht, dass entlang der Lieferkette alles gerecht abläuft. Deshalb würde ich sagen, ja, es gibt mehr Sensibilität, aber auch mehr Greenwashing. 

  • Der neue Laden in der Meraner Schießstandstraße: Ginko ist nicht nur Geschäft, sondern auch Bildungsprojekt. Foto: privat
  • Vielen dürfte auch nicht klar sein, dass die Ausbeutung von Menschen und Natur viele dazu bringt, ihr eigenes Land zu verlassen... 

    Sie sprechen ein wichtiges Thema an. Denn häufig wird behauptet, dass Migranten uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Dabei sind viele von uns heute gar nicht mehr bereit diese Tätigkeiten auszuüben, die Migranten übernehmen, zum Beispiel auf den Feldern bei der Tomatenernte. 

     

    „Etwa kennen wir eine junge Akademikerin, die zuvor im Handel gearbeitet hat und nun eine sehr gute Pasta aus alten Getreidesorten verkauft.“

     

    Naja, viele Eltern wünschen sich von ihren Kindern ja auch, dass sie studieren gehen, anstatt Landwirtschaft zu betreiben oder in der Gastronomie zu arbeiten… 

    Ich kenne viele Akademiker besonders im Süden, aber auch im Zentrum Italiens und einige sogar im Trentino und in Südtirol, die nach ihrem Studium und ersten Berufserfahrungen entscheiden, zurück in die Landwirtschaft zu gehen. Sie bringen aber Kompetenzen und eine mentale Offenheit mit, die einem klassischen Landwirt fehlen. Zum Beispiel kennen wir eine junge Akademikerin, die zuvor im Handel gearbeitet hat und nun eine sehr gute Pasta aus alten Getreidesorten verkauft. 

    Wie erklären Sie sich diese neue Entwicklung?

    Die neuen Bauern in Süditalien sind Akademiker, die genug von dem schwierigen Arbeitsmarkt in ihrem Bereich haben und in ihre Heimat zurückkehren. Wir müssen deshalb aus der Logik herauskommen, dass die jungen Menschen unbedingt studieren und Anwalt oder Arzt werden sollen, denn es ist nicht immer für alle der richtige Weg. 

  • Eröffnungsfeier von Ginko

    Schießstandstraße 58, Stadtviertel Maria Himmelfahrt in Meran

    ab 10.30 Uhr feierlicher Bandschnitt mit musikalischer Begleitung von Rolando Biscuola & Christine Plaickner, Brindisi & Buffet 

    ab 14 Uhr Aktivitäten für Kinder

    ab 15 Uhr Musik mit der Radix Band 

    16 Uhr Ladenschluss