Touristische Krokodilstränen
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Jetzt S+ abonnierenLinks an der Wand der Galerie Ar/Ge Kunst in Bozen hängt ein Krokodil aus Keramik. Davor stehen Tische und Stühle und geben eine Osteria vor. Darauf ruhen Tischdecken aus Papier. Ausgehend von Palermo und in Abstimmung mit dem Bozner Kontext nimmt das aktuelle Ausstellungsprojekt Solastalgie die Gestalt einer friggitoria-bar an, einer Frittier-Bar, die als ein vielschichtiges Dispositiv verstanden wird. Dazu steht auch schon die Holzkohle bereit.
Das Krokodil spiegelt die Ambivalenz des Tourismus wider. Als Kraft, die sowohl anzieht als auch verändert.
„In der palermitanischen Vorstellungswelt steht das Krokodil für Zerstörung und für lokale Legenden. Es hat also eine doppelte Bedeutung und spiegelt die Ambivalenz des Tourismus wider – als Kraft, die sowohl anzieht als auch verändert“, erzählt die bildende Künstlerin Sofia Melluso (Palermo, 1992). Sie gehört dem 2020 gegründeten Kollektiv mit dem flotten Namen ৺ ෴ ර ∇ ❃ ̅ ̅ an, mit dem sie einen unabhängigen Kunstraum in Palermo betreibt. Gemeinsam mit dem Künstler Gianluca Concialdi (Palermo, 1981) wurde sie für die heute eröffnende Ausstellung Solastalgia nach Bozen eingeladen, die sich mit den Veränderungen von Orten unter dem Druck des globalen Tourismus befasst.
Die bis Ende Juli gezeigte Schau tangiert den Dunstkreis zwischen Verführung und Verwertung, zwischen Folklore und Branding und „jenem Gefühl des Verlusts, das sich einstellt, wenn man an einem Ort bleibt und dieser zwar weiter besteht, ganz allmählich aber aufhört, mit sich übereinzustimmen“, schreibt Ar/Ge Kunst in der Aussendung.
„Beide beschäftigen sich mit den Auswirkungen des globalen Tourismus auf das alltägliche Leben im palermitanischen Kontext. Für die Ausstellung wurden sie eingeladen, diese Themen auf Bozen und Südtirol zu übertragen und aus einer neuen Perspektive zu betrachten“, erzählt Francesca Verga, die gemeinsam mit Zasha Colah Solastalgie kuratiert. Der Begriff wurde vom australischen Philosophen Glenn Albrecht entlehnt, der mit Solastalgie „das Gefühl von Verlust, Schmerz und Entfremdung beschreibt“, wenn sich „der eigene Lebensort schleichend verändert und irgendwann nicht mehr wiederzuerkennen ist“.
Auch in Südtirol werden Orte, mit denen Menschen Erinnerungen und Identität verbinden, (touristisch) umgebaut, kommerzialisiert oder funktional neu inszeniert. Die Ausstellung greift diese Idee räumlich auf. Geschaffen wurde eine fiktive Szenerie, eine Mischung aus Installation und inszeniertem Ort. Unter anderem entstand auch die Idee eines künstlichen oder „falschen“ Franchise-Konzepts, das an touristische Konsumräume erinnert. Im Raum zu sehen sind Elemente wie Souvenirs, Objekte (z. B. historische Teller) und eine bewusst künstliche Atmosphäre, die sichtbar machen sollen, wie Tourismus Räume vereinheitlicht und lokale Identitäten verdrängt.
Die Künstler beschreiben ihren Eindruck und unterstreichen, „dass Bozen sich bereits deutlich in Richtung touristischer Umgestaltung entwickelt habe“. Der Tourismus verändert soziale Strukturen, Wohnräume und Nachbarschaften. Kultur wird dabei neuerdings als Motor verstanden, der wirtschaftliche Prozesse antreibt und große Menschenströme bewegt. Welche Folgen hat das nun aber für die lokale Bevölkerung?
„Das zeigt, wie sich Wohnraum zunehmend in eine Ware verwandelt und wie Stadtteile unter Druck geraten.“
Sofia Melluso erzählt ein persönliches Beispiel aus Palermo, aus dem Viertel, in dem sie lebt: Kalsa. Inzwischen bekomme sie regelmäßig Anrufe von Immobilienagenturen, die Wohnungen für touristische Investitionen suchen. „Das zeigt, wie sich Wohnraum zunehmend in eine Ware verwandelt und wie Stadtteile unter Druck geraten.“
Kunst liefere dazu zwar keine fertigen Antworten, sei aber eine gute Möglichkeit, bedenkliche Entwicklungen sichtbar zu machen und Räume für Reflexion zu schaffen. Und was nehmen die Besucher und Besucherinnen nach dem Besuch von Solastalgie mit? Auf jeden Fall ein als Papiertischtuch gestaltetes Fanzine mit Texten und Überlegungen.
Zur heutigen Eröffnung
18 Uhr: Gespräch mit Lucia Tozzi, moderiert von Valentino Liberto, über die Transformationen von Territorien im Zeitalter des globalen Tourismus. Lucia Tozzi ist Journalistin, Essayistin und unabhängige Kritikerin. Zu ihren Büchern gehören „Dopo il turismo“ (2020) und „L’invenzione di Milano“ (2023). Valentino Liberto ist Journalist und Redakteur bei SALTO. Er beschäftigt sich mit territorialen Transformationen, Tourismus und politisch-kulturellen Dynamiken im Südtiroler Kontext.
19 Uhr: Ausstellungseröffnung