Musik | Acoustic Blues

Zwischen Sturkopf, Blues und Business

Zwischen Wiener Großstadt und Südtiroler Dialekt-Blues: Moritz Gamper spricht über sein neues Album, den harten Backoffice-Alltag und die wachsende Musikszene.
Moritz Gamper, Musiker Gitarrist, Blues
Foto: Thomas Schnötzlinger
  • SALTO: Wie und wann hat bei Dir alles angefangen mit der Musik? 

    Moritz Gamper: Die Leidenschaft hat angefangen, sobald ich die Gitarre von meiner Mama entdeckt habe – eine alte spanische Nylonseitengitarre. Ihr Flügel, der bei uns stand, hat mich komplett kaltgelassen. Mit 10, 11 Jahren habe ich angefangen, ohne musikalische Ausbildung ein bisschen die Saiten zu zupfen. Das hat etwas Unaufhaltsames in mir ausgelöst. Als Teenager habe ich jede freie Minute Gitarre gespielt. Irgendwann ging der Fokus aufs Songwriting und ich habe mit dem Singen angefangen. An der Meraner Musikschule sollte ich Gesangsunterricht nehmen und musste vorsingen. Sie hörten mich und meinten: Ich könne vorbeikommen und die Sänger mit der Gitarre begleiten, aber singen werde ich wohl nicht viel.

  • Moritz Gamper, Acoustic Blues Musician&Composer: Foto: Thomas Schnötzlinger

    Das klingt nach einem ziemlichen Dämpfer für einen jungen Musiker. 

    Das war ein Dämpfer, ja. Aber Gott sei Dank habe ich von meiner Tiroler DNA so einen Sturkopf in die Wiege gelegt bekommen – das hat nicht gereicht, um mich vom Weg abzubringen. Ich habe dann mit Ach und Krach Singen gelernt; das Talent war am Anfang wohl nicht so da. In meiner Familie hat niemand sonst wirklich viel mit Musik am Hut, es hat mich also niemand durchgewurstelt. Ich bin da komplett selbst draufgekommen. 

     

    Wenn du etwas wirklich willst, musst du es einfach machen. 

     

    Später stand die Ausbildung an. Ich habe erst nichts mit Musik gemacht, weil es zu Hause hieß, das sei kein zukunftsträchtiger Beruf. Ich habe mich nicht ganz getraut und an der BOKU in Wien Agrarwissenschaften studiert. Als der Bachelor fertig war, habe ich aber sofort angefangen, wirklich ernsthaft und professionell Musiker zu werden. Wenn du etwas wirklich willst, musst du es einfach machen. 

  • Zur Person

    Jahrgang 1991, stammt ursprünglich aus Meran. Nach Stationen in Südamerika und Spanien lebt und arbeitet der Singer-Songwriter heute in Wien. Musikalisch bewegt sich der Meraner in einem vielseitigen Kosmos aus Blues, Jazz, Folk und Weltmusik. Bereits in der Vergangenheit machte er durch die Teilnahme an der European Blues Challenge in Portugal sowie mit seiner Band Desert May Bloom auf sich aufmerksam; mittlerweile sorgt er mit seinem Soloprojekt im In- und Ausland für ausverkaufte Häuser. Seine handgemachten Songs leben von roher Ehrlichkeit, Poesie und starkem Storytelling.

  • Wann hat sich die Musikrichtung, also das Genre, bei Dir herausgestellt? 

    Immer noch nicht! (lacht) Ich liebe den Blues, den Jazz und Americana. Ich sehe mich in erster Linie als Songwriter, das ist mein Hauptskill. Es gibt sicher noch und nöcher bessere Gitarristen und Sänger, aber ich kann meine Emotionen einfach in die Lieder einchanneln. Ich bin nicht genre-treu. Oft braucht es einen Blues-Song für eine bestimmte Emotion, oft Jazz oder Rock. 

    Aber Du hast die Fähigkeiten, diese unterschiedlichen Genres auch zu bedienen? 

    Ja, weil ich ein Verständnis für die Emotionalität dahinter habe. Ich bin kein virtuoser Gitarrist, kann keine 34 Akkorde aufzählen und habe null Musiktheorie-Wissen. Für mich spielt sich Musik zu 100 Prozent auf der emotionalen Ebene ab, die Theorie interessiert mich nicht.

  • Moritz Gamper-König von Südtirol aus dem Album Dressed in Edelweiss

  • Wenn Du Songs schreibst, was sind da die vordergründigen Inhalte? 

    Das ist sehr persönlich und extrem vom emotionalen Zustand abhängig. Mein neues Album, das vor einigen Tagen erschienen ist, ist relativ leicht und locker aus dem Alltag gegriffen. Es geht um Südtirol, Italien, Europa, Jazz und Blues. Ein Song wie „Dressed in Edelweiss“ ist ein anderer Take auf unser Leben hier. Aber letztes Jahr ist meine Mama an Krebs gestorben. Ich merke, dass die Lieder, die ich jetzt schreibe, ganz etwas anderes sind. Aber ich muss das so machen, wie sie kommen. Ich kann nicht verfälschen. 

    Welche Message möchtest du den Hörerinnen und Hörern vermitteln? Nutzt du die Musik auch für gesellschaftskritische Themen? 

    Sicher, aber es ist nicht mein Stil, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Dazu haben wir nicht das Recht. Auf einem Album habe ich das Lied „One-Man-Job“. Das beschreibt das Gerede von Leuten, die nichts von dem verstehen, worüber sie reden. Ich verstehe ja auch nichts, aber ich weiß es wenigstens! (lacht) Ich liebe die Zweideutigkeit. Was ich gerne tue, ist ein bisschen „gutzeln“ . Dann soll jeder selber daraus machen, was er will. 

    Wo produzierst Du deine Lieder? Hast du ein Label im Hintergrund? 

    Ich habe ein Label, über das ich veröffentliche, liefere dort aber ein fertiges Produkt ab. Die Produktion und die Kosten übernehme ich komplett selbst. Das ist heute bei fast allen Artists so, außer bei den richtig Bekannten. 

     

    Die Ideen für die Instrumente kommen mir einfach, meistens aus dem Herzen.

     

    Das neue Album wurde in drei Ländern aufgenommen: Meine Parts in Wien mit dem Tonmeister Matthias Ermert, der an der Wiener Staatsoper arbeitet. Einige Instrumente wie der Kontrabass und die Stimme von Simon Gamper wurden in Südtirol eingespielt, das Akkordeon in Wien und die Trompete in Irland. Die Ideen für die Instrumente kommen mir einfach, meistens aus dem Herzen. Beim Akkordeon ist mein Zugang das französische Chanson, verwandt mit Gypsy- und Jazzmusik. Das wollte ich unbedingt draufhaben. 

     

  • Sein neuestes Album wurde in drei unterschiedlichen Ländern aufgenommen.: Foto: Thomas Schnötzlinger
  • Arbeitest Du gerne mit anderen Musikerinnen und Musikern zusammen? 

    Absolut. Ich liefere das fertige Rohgerüst vom Song ab und gehe damit zu guten Musikern. Wenn du jemandem vertraust, macht er das Lied am Ende immer besser, als du es dir ausgedacht hast. Zu sehen, wie mein Song durch das Zutun anderer bereichert wird, ist ein wunderschöner Prozess. Man muss Leute finden, die technisch gut sind und emotional mit dir funktionieren. Menschlich darf keine Dissonanz dazwischen sein. 

    Du lebst nun seit zehn Jahren in Wien. Wie siehst Du die Südtiroler Musikszene von außen? 

    Wien hat eine der fortschrittlichsten kulturellen Infrastrukturen in Europa, die Förderlandschaft und die Clubdichte sind extrem hoch. Das macht die Stadt so lebenswert.

     

     Südtirol hat ein unglaubliches Potenzial, das man in einer so kleinen Region kaum zweimal findet.

     

    Dort habe ich gelernt, wie man Wohlstand einsetzen kann, um das Leben durch Kultur besser zu machen. Südtirol hat ein unglaubliches Potenzial, das man in einer so kleinen Region kaum zweimal findet. Wir haben den Tourismus als ökonomischen Garanten, damit Konzerte finanziell funktionieren. Dorf Tirol alleine hat 700.000 Übernachtungen im Jahr. Ohne Tourismus ist es schwer, 250 Einheimische für ein Konzert zu mobilisieren. Im Urlaub verfällt man nicht in die Netflix-Routine, sondern geht aus. Das ökonomische Potenzial für Livemusik in Südtirol ist extrem hoch.

  • Zum neuen Album & Live-Termine

    Das neue Album „Dressed in Edelweiss“ ist am 22. Mai erschienen – hier singt der Musiker erstmals neben Französisch und Italienisch auch im Südtiroler Dialekt. Das neue Programm ist Ende Mai live auf zwei historischen Schlössern zu erleben: 

    • Donnerstag, 28. Mai – Schloss Maretsch, Bozen (Release-Konzert): Ab 18:30 Uhr präsentiert Moritz Gamper sein Album im eleganten Ambiente. Gemeinsam mit Kontrabass, Trompete, Blues-Harp und Akkordeon entfaltet sich ein vielschichtiges Klangbild aus Jazz, Folk und Blues. Den Abend eröffnen David Frank & Marc Perin mit einem sensiblen musikalischen Dialog. 

    • Freitag, 29. Mai – Schloss Goldrain: Am darauffolgenden Tag gastiert Moritz Gamper mit seinem neuen Programm im Vinschgau. 

    Infos & Web: www.moritzgamper.com

  • Wird dieses Potenzial bereits voll genutzt? 

    Noch nicht ganz, aber in den letzten fünf Jahren hat sich extrem viel getan. Organisationen wie die Perfas setzen sich stark ein – da merkt man, wie wichtig eine Gewerkschaft für eine Branche ist. Es ist gerade eine sehr spannende Zeit für Künstler hier, weil der Markt noch nicht fertig entwickelt ist. Ich bin extrem begeistert von dem, was hier passiert. Youngsters würde ich den Weg immer empfehlen. Wenn du etwas wirklich willst und es nicht tust, ist es Zeitverlust. Und ich appelliere an die Eltern: Wenn die Kinder kulturinteressiert sind, fördert sie! 

    Du gehst demnächst auf Europatournee. Wie funktioniert die Vermarktung? 

    Ich muss alles selber tun. Marketing ist ein ganz anderer Beruf, aber ich muss mit der Musik mein Geld verdienen. Die effektive Zeit mit dem Instrument in der Hand ist gering. Es ist extrem viel Backoffice, Telefonieren und Organisieren. Wenn man sich professionalisiert und nicht sofort entdeckt wird, muss man es selbst machen. Vor dem Album-Release ist der Alltag wirklich stressig, man kommt kaum nach. Mein Business ist noch nicht groß genug, um Leute anzustellen, obwohl das der logische Schritt wäre.

  • Moritz Gamper ist am 28.05. auf Schloss Maretsch und am 29.05. auf Schloss Goldrain zu hören.: Foto: Maria Ibba
  •  Bist Du stolz darauf, was Du erreicht hast? 

    Ich bin leider mit einer großen Selbstkritikfähigkeit auf die Welt gekommen. Statt mir auf die Schulter zu klopfen, gehe ich sofort in den Selbstoptimierungsmodus. Aber objektiv habe ich einiges geschafft, das gut war. Das Problem ist: Man braucht die rationale Geschäftsleiter-Mentalität für Gagen, Touren und Förderungen. Auf der anderen Seite steht der Künstler, der seine Emotionen unverfälscht herausschreiben muss. Diese zwei Welten kommen sich oft überkreuz, und man muss ständig dazwischen switchen. Da passieren mir die meisten Fehler, wenn der Geschäftsmann für den Künstler entscheidet oder umgekehrt. 

    Dein neues Album heißt „Dressed in Edelweiß“. Ein ungewöhnlicher Titel für ein Blues-Album. 

    Es ist das erste Album, auf dem ich im Südtiroler Dialekt singe, aber auch auf Französisch und Italienisch. Bisher habe ich alles auf Englisch gemacht. Nun ist es ein Mix in Kombination mit Jazz und Blues. Der Titel „Dressed in Edelweiß“ ist bewusst ein bisschen gefährlich, weil das Edelweiß stark durch die Volksmusik besetzt ist.

     

     Am Ende entscheidet ohnehin die Emotion, ob man ein Lied mag.

     

     Aber das hat mich so „gegutzelt“, dass ich den Begriff für mein Album umdeuten wollte. Wenn man das Album hört, hat es mit Volksmusik gar nichts zu tun – es spielt sogar ein US-amerikanischer Jazz-Trompeter mit. Ich wollte zeigen, dass Südtirol nicht nur für Volksmusik und Schlager bekannt ist, sondern viel mehr stattfindet. Der Dialekt ist dabei das Authentischste. Die Leute und Veranstalter mögen es, weil es so unvermittelt und echt ist. Man drückt sich direkter aus. Am Ende entscheidet ohnehin die Emotion, ob man ein Lied mag. Wenn die Emotion dich catcht, kratzt es nicht nur an der Oberfläche.