Der Niedergang
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Jetzt S+ abonnieren2006 bot sich mir eine neue berufliche Perspektive. Das Goethe-Institut Caracas suchte eine Leiterin für die Spracharbeit. Für mich war diese Aufgabe weit mehr als ein beruflicher Wechsel. Sie eröffnete die Möglichkeit, trotz der schwieriger werdenden Rahmenbedingungen weiterhin an der Förderung der deutschen Sprache und der kulturellen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Venezuela mitzuwirken. Zugleich versprach sie eine größere finanzielle Sicherheit als die zunehmend prekäre Situation an der Universität. Am 2. Mai 2006 trat ich die neue Stelle an – in der Hoffnung, dass der akademische und kulturelle Austausch auch in einem sich rasch verändernden Venezuela Bestand haben würde.
Die Autorin
Immergrün ist eine Südtirolerin, die lange in Venezuela gelebt und gearbeitet hat. Sie hat uns gebeten, ein Pseudonym zu verwenden, da sie noch nach Venezuela reist. Ihre Identität ist der Redaktion bekannt.
Doch auch das Goethe-Institut blieb von den Veränderungen im Land nicht verschont. Die zunehmende Unsicherheit im Stadtteil San Bernardino machte schließlich den Umzug nach Altamira erforderlich, einem besser erschlossenen Stadtteil im Osten von Caracas. Der Standortwechsel erwies sich zunächst als Glücksfall. Die bessere Erreichbarkeit führte zu steigenden Teilnehmerzahlen, ebenso die wachsende Nachfrage nach Deutschkenntnissen. Die Partnerschule in Valencia entwickelte sich mit mehr als siebenhundert Deutschlernenden zu einem wichtigen Pfeiler der Spracharbeit. Gleichzeitig nahm die Zahl der Menschen zu, die Deutschprüfungen ablegten – nicht mehr nur aus akademischem Interesse, sondern weil sie ihre Zukunft zunehmend außerhalb Venezuelas sahen. Familienzusammenführungen, Auswanderungspläne und die gezielte Anwerbung qualifizierter Fachkräfte, insbesondere im Gesundheitswesen, durch Deutschland verliehen der deutschen Sprache eine neue, existenzielle Bedeutung. Wer früher Deutsch lernte, um Literatur zu lesen oder in Deutschland zu studieren, lernte es nun häufig, um ein neues Leben beginnen zu können.
„Verkehrschaos infolge ständiger Demonstrationen, immer längere Fahrzeiten quer durch die Millionenstadt, Stromausfälle und Wasserknappheit erschwerten den Unterricht erheblich.“
Mit jedem Jahr wurde jedoch deutlicher, wie sehr die politische und wirtschaftliche Krise den Alltag bestimmte. Die größte Herausforderung für das Goethe-Institut war längst nicht mehr die Organisation von Sprachkursen, sondern die Bewältigung der äußeren Umstände. Verkehrschaos infolge ständiger Demonstrationen, immer längere Fahrzeiten quer durch die Millionenstadt, Stromausfälle und Wasserknappheit erschwerten den Unterricht erheblich. Schon bevor digitales Lernen weltweit selbstverständlich wurde, erfreuten sich deshalb die Online-Kurse des Goethe-Instituts immer größerer Beliebtheit – allerdings nicht aus didaktischen Gründen, sondern weil der Weg zum Institut oft kaum noch zu bewältigen war. Allerdings hatten gerade diese Kurse immer wieder unter den instabilen Strom- und Internetverbindungen zu leiden. Selbst das Goethe-Institut blieb von den Versorgungsengpässen nicht verschont.
Es gelang dem Goethe-Institut Caracas zwar, die Einkommen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch besondere Maßnahmen zumindest teilweise an die galoppierende Inflation anzupassen. Doch Geld allein konnte den Verlust an Lebensqualität nicht ausgleichen. Was in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends noch als vorübergehende Krise erschien, war inzwischen zum Normalzustand geworden.
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Wie so viele Venezolaner – und wie viele Zugewanderte, die das Land längst als ihre zweite Heimat betrachteten – versuchten auch wir, uns den neuen Verhältnissen anzupassen. Man organisierte den Alltag neu, lernte mit Engpässen zu leben und hoffte, dass sich die Lage irgendwann wieder verbessern würde. Viele hielten erstaunlich lange durch. Irgendwann aber kommt für jeden der Moment, an dem die Anpassungsfähigkeit an ihre Grenzen stößt.
„Erst sechs Jahre nach meiner Rückkehr nach Südtirol konnte ich Venezuela wieder besuchen.“
Für mich fiel dieser Moment in das Jahr 2019, nachdem meine beiden Söhne mit ihren Ehefrauen Venezuela verlassen hatten. Mehrmals hatte ich mich an der damals noch jungen Freien Universität Bozen um eine Stelle beworben. Im Februar jenes Jahres ergab sich schließlich die Möglichkeit, als wissenschaftlich-didaktische Mitarbeiterin für die deutsche Sprache „nach Hause“ zurückzukehren. Ich nahm das Angebot mit großer Freude an und konnte dort noch drei Jahre bis zu meinem siebzigsten Lebensjahr tätig sein.
So schloss sich nach mehr als vier Jahrzehnten ein Kreis. Als ich 1976 nach Venezuela aufbrach, hatte ich meine Südtiroler Heimat verlassen, ohne zu ahnen, dass dieses Land einmal zu meiner zweiten Heimat werden würde. Als ich 2019 nach Bozen zurückkehrte, brachte ich weit mehr mit als berufliche Erfahrungen. Ich nahm die Erinnerung an ein Venezuela mit, das ich in seinen Jahren der Offenheit und des Wohlstands kennengelernt hatte, ebenso aber die schmerzliche Erfahrung seines langsamen Niedergangs. Vielleicht erklärt gerade dieser doppelte Blick, warum ich mich bis heute beiden Ländern gleichermaßen verbunden fühle – dem einen als Geburtsort, dem anderen als Heimat eines großen Teils meines Lebens.
Erst sechs Jahre nach meiner Rückkehr nach Südtirol konnte ich Venezuela wieder besuchen. Die Pandemie und familiäre Umstände hatten unsere Pläne immer wieder durchkreuzt. Im Herbst 2025 flogen mein Mann und ich schließlich noch einmal nach Caracas – diesmal, um unseren über Jahrzehnte aufgebauten Haushalt aufzulösen und die Wohnung zu verkaufen, deren Unterhalt angesichts der anhaltenden Inflation immer schwieriger geworden war.
Zunächst überwog die Freude des Wiedersehens mit Freunden und ehemaligen Kolleginnen und Kollegen. Doch schon nach wenigen Tagen wich sie einer gewissen Ernüchterung. Besonders überrascht hat mich, dass viele Lebensmittel des täglichen Bedarfs inzwischen teurer waren als in Bozen. Zwar schien sich die Sicherheitslage gegenüber früher verbessert zu haben, doch in fast jedem Gespräch waren die Unzufriedenheit mit der politischen Entwicklung und die Sorge um die Zukunft des Landes spürbar.
„Ich nahm die Erinnerung an ein Venezuela mit, das ich in seinen Jahren der Offenheit und des Wohlstands kennengelernt hatte.“
Während unseres Aufenthalts verschärfte sich die internationale Lage erneut. Als unser Rückflug Anfang Dezember ausfiel und der internationale Flugverkehr zunehmend eingeschränkt wurde, hatten wir erstmals das Gefühl, das Land nicht mehr aus eigener Entscheidung verlassen zu können. Erst mit der Unterstützung unseres jüngeren Sohnes gelang uns kurz vor Weihnachten die Ausreise über Curaçao und Miami.
Als ich 1976 nach Venezuela kam, galt das Land als Zufluchtsort und Hoffnungsland für viele Menschen in Lateinamerika. Fast fünfzig Jahre später verlassen Millionen Venezolaner ihre Heimat auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Kaum ein anderes Land hat sich in so kurzer Zeit so tiefgreifend verändert.
Und doch denke ich nicht zuerst an den Niedergang, sondern an die Menschen, denen ich dort begegnet bin. Vierzig Jahre meines Berufslebens und ein großer Teil meiner Familie sind untrennbar mit Venezuela verbunden. Deshalb bleibt dieses Land – trotz allem – meine zweite Heimat.
Venezuela zeigt auf, welche…
Venezuela zeigt auf, welche negativen Konsequenzen die Werkzeuge aus der linken bis kommunistischen Wirtschaftspolitik wie Verstaatlichungen, Preiskontrollen, Enteignungen sowie Mindestlöhne haben.
Antwort auf Venezuela zeigt auf, welche… von Oliver Hopfgartner
Ja genau, weil bevor Chavez…
Ja genau, weil bevor Chavez kam, flossen für alle Milch und Honig in dem Land. Da gab es noch keine Inflation von 70%, keine Korruption. Da gab es noch nicht mal Sanktionen, und trotzdem haben es die Vorgänger von Chavez geschafft, das Kand in den Ruin zu treiben.
Antwort auf Ja genau, weil bevor Chavez… von Manfred Gasser
Fließt bei uns Milch und…
Fließt bei uns Milch und Honig? In welchem Land fließt Milch und Honig? Du nennst bewusst ein unrealistisches Maximalbeispiel, damit die Misswirtschaft von Chavez und seiner Bande im Vergleich dazu weniger dramatisch wirkt.
Die Erfahrungsberichte dieser Frau sprechen eine eindeutige Sprache. Sie berichtet von ihren Erfahrungen als Zeitzeugin und beschreibt eindrucksvoll den Niedergang eines Landes, der nach ihrer eigenen Beobachtung signifikant nach der Machtübernahme von Chavez Fahrt aufgenommen hat.
Antwort auf Fließt bei uns Milch und… von Oliver Hopfgartner
Ok, lassen wir Milch und…
Ok, lassen wir Milch und Honig mal weg. Die Inflation vor Chavez: bis 70-75%
Korruption vor Chavez: Schwer zu evaluieren, aber bei Marcos Pérez Jiménez und Carlos Andrés Pérez wurde auch ganz schön geklotzt.
Verstaatlichungen: Bei Carlos Andrés Pérez wurden Hunderte von staatlichen Betrieben privatisiert, auf Vorschlag des IWF, was aber die Ungleichheiten im Land noch verschlimmert haben, und daraus folgten die großen Protest, die sehr blutig niedergeschlagen wurden.
Dass die Zeitzeugin hier davon nicht mitbekommen hat, bedeutet eigentlich nur ihre gehoben Stellung in der eigenen Blase.