Die Lage verschlechtert sich
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Jetzt S+ abonnierenMit der Präsidentschaftswahl von 1998 begann für Venezuela eine neue Epoche: Der 1994 von Präsident Caldera begnadigte Anführer des missglückten Putschversuchs von 1992, Hugo Chávez, wurde zum Präsidenten gewählt. Er versprach, mit der alten politischen Elite „aufzuräumen“, die Korruption zu bekämpfen und den Wohlstand gerechter zu verteilen. Nach Jahren wirtschaftlicher Krisen und wachsender Enttäuschung über die traditionellen Parteien traf diese Botschaft den Nerv eines großen Teils der Bevölkerung.
Chávez war ein außergewöhnlich begabter Redner. Seine stundenlangen Ansprachen passte er dem jeweiligen Publikum an und verstand es, den Eindruck zu vermitteln, er spreche jeden Einzelnen persönlich an. Nicht nur Menschen aus den ärmeren Bevölkerungsschichten fühlten sich von ihm angesprochen. Auch zahlreiche Intellektuelle, Universitätsprofessoren und Vertreter der politischen Linken setzten große Hoffnungen auf ihn. Viele glaubten, seine Bewegung werde die überfällige Erneuerung des Landes einleiten und die demokratischen Institutionen stärken. Doch diese Erwartungen sollten sich als Illusion erweisen.
Die Autorin
Immergrün ist eine Südtirolerin, die lange in Venezuela gelebt und gearbeitet hat. Sie hat uns gebeten, ein Pseudonym zu verwenden, da sie noch nach Venezuela reist. Ihre Identität ist der Redaktion bekannt.
Die ersten Jahre nach Chávez' Amtsantritt verliefen zunächst erstaunlich unspektakulär. Im Alltag schien sich wenig zu verändern. Die politischen Debatten wurden leidenschaftlicher, doch das öffentliche Leben funktionierte weiter. Für unsere Familie machte sich die wirtschaftliche Entwicklung vor allem in einem konkreten Bereich bemerkbar: Die Inflation führte dazu, dass das Schulgeld für das Colegio Humboldt, das beide Söhne seit dem Kindergarten besuchten, in immer kürzeren Abständen erhöht wurde. Es waren zunächst kleine Veränderungen, die den Alltag komplizierter machten, ohne dass man bereits von einer tiefen Krise gesprochen hätte.
„Noch war das Vertrauen in die Zukunft des Landes nicht verloren.“
1999 legte mein älterer Sohn das deutsche Abitur ab. Wie viele Absolventen der Deutschen Schule stand auch er vor der Entscheidung, sein Studium an einer deutschen Universität aufzunehmen oder an der Universidad Simón Bolívar in Caracas, einer der angesehensten technischen Hochschulen Lateinamerikas. Dass junge Menschen diese beiden Möglichkeiten gleichwertig gegeneinander abwägen konnten, sagt viel über das Venezuela jener Jahre aus. Noch war das Vertrauen in die Zukunft des Landes nicht verloren.
Die politischen Veränderungen blieben aber nicht länger abstrakt. Sie begannen, unser Berufsleben unmittelbar zu beeinflussen. Mein Mann und ich waren beide an der Universidad Central de Venezuela tätig und damit vollständig von den dortigen Einkommen und den bis dahin verlässlichen Pensionsregelungen abhängig. Als 2002 Pläne bekannt wurden, die Altersversorgung der Hochschullehrenden grundlegend zu verändern, entschloss ich mich nach sechsundzwanzig Dienstjahren, meine Emeritierung zu beantragen. Es war keine Entscheidung aus dem Wunsch heraus, mich aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Im Gegenteil: Als emeritierte Professorin konnte ich meine Lehrtätigkeit zunächst unverändert fortsetzen. Die Emeritierung war vielmehr eine Vorsichtsmaßnahme, um die bis dahin geltenden Pensionsansprüche zu sichern – eine Entscheidung, die damals viele Kolleginnen und Kollegen trafen.
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Gleichzeitig gewann die politische Auseinandersetzung im Land an Schärfe. Präsident Chávez propagierte den von ihm geprägten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ als Zukunftsmodell für Venezuela. Anfangs blieb dieser Begriff für viele eher ein politisches Schlagwort als ein konkretes Regierungsprogramm. Doch je heftiger darüber in den Medien diskutiert wurde, desto deutlicher wurden die gesellschaftlichen Fronten. Demonstrationen und Gegendemonstrationen bestimmten zunehmend das Straßenbild von Caracas. Immer häufiger füllten Zehntausende die großen Avenidas und Stadtautobahnen. Das politische Klima wurde spürbar angespannter.
Die Auswirkungen reichten bald weit über die Innenpolitik hinaus. Zum Jahresende 2002 warnte die deutsche Botschaft vor Reisen nach Venezuela, und nach den Weihnachtsferien durften die aus Deutschland entsandten Lehrkräfte nicht mehr an die Deutsche Schule in Caracas zurückkehren. Für die Schule bedeutete dies eine ernste Krise. Gemeinsam mit der Deutschen Schule in Quito gelang es jedoch, eine außergewöhnliche Übergangslösung zu organisieren: Die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen verbrachten drei Wochen in Ecuador, um dort den Unterricht fortzusetzen und den ordnungsgemäßen Abschluss des Schuljahres 2002/2003 zu sichern. Dass der Abiturjahrgang – zu dem auch mein jüngerer Sohn gehörte – seine T-Shirts mit der Aufschrift „Abi impossible“ versah, brachte die Unsicherheit jener Monate treffend zum Ausdruck. Hinter dem ironischen Motto verbarg sich die Erfahrung einer Generation, deren Schulzeit bereits von politischen Krisen überschattet wurde.
Auch an der Universität verschlechterten sich die Bedingungen von Jahr zu Jahr. Die Inflation ließ die Realeinkommen kontinuierlich schrumpfen, während die staatlichen Mittel mit dieser Entwicklung nicht Schritt hielten. Forschungsprojekte waren immer schwieriger zu finanzieren, Lehrmaterialien wurden knapper und die Zukunftsaussichten für den wissenschaftlichen Nachwuchs unsicherer. Selbst der Deutschunterricht blieb von dieser Entwicklung nicht verschont. Mehrere deutsche Unternehmen stellten ihre Tätigkeit in Venezuela ein oder reduzierten sie erheblich. Zugleich verließen immer mehr Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer das Land. Das über Jahrzehnte gewachsene Netzwerk deutsch-venezolanischer Bildungs- und Kulturbeziehungen begann sich langsam aufzulösen.
Lesen Sie morgen den drtiten Teil von „Mein Venezuela“.
Die Redaktion sollte davon…
Die Redaktion sollte davon Abstand nehmen, Artikel zu veröffentlichen, die nicht mit Klarnamen gezeichnet sind. Das ist unseriös.
Antwort auf Die Redaktion sollte davon… von Lollo Rosso
Namen, und vielleicht auch…
Namen, und vielleicht auch Foto, fordern eigentlich immer nur diejenigen, die mit den Aussagen nicht einverstanden sind, keine Fakten entgegenstellen können und sich auf den Menschen dahinter einschießen wollen.
Ganz generell und wertfrei gesagt.
Antwort auf Die Redaktion sollte davon… von Lollo Rosso
Leider ist das heutzutage…
Leider ist das heutzutage oft notwendig, weil man nicht mehr offen sprechen kann, ohne dass man von Leuten mit anderer politischer Meinung im Betrieb, bei Vorgesetzten oder öffentlichen Institutionen angeschwärzt wird. Die Anonymität stellt den Inhalt in den Vordergrund.
Mich interessiert der Name…
Mich interessiert der Name des Autors kein bisschen. Der Logik folgend wären dann auch Verlage und Zeitungen unseriös, die Bücher oder Artikel unter Pseudonym drucken. Dann gäbe es wahrscheinlich gar keine seriösen Medien.