Wirtschaft | Oberalp

„Der Rucksack wird leichter“

Nach acht Jahren übergibt Christoph Engl die Führung der Oberalp-Gruppe an Stefan Rainer mit ambitionierten Wachstums- und Nachhaltigkeitszielen und einem Maskenstreit, der bis heute nachwirkt.
Nach acht Jahren übergibt Christoph Engl die Führung der Oberalp-Gruppe an Stefan Rainer mit ambitionierten Wachstums- und Nachhaltigkeitszielen und einem Maskenstreit, der bis heute nachwirkt. Bild: Matteo Groppo/Oberalp

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Mit 1. Oktober übernimmt mit dem Bozner Stefan Rainer ein Manager die Position des CEO, der seit mehr als 20 Jahren im Unternehmen tätig ist und nun bereits ziemlich konkrete Vorstellungen davon hat, wo die Gruppe in fünf Jahren stehen soll. Der Umsatz soll von derzeit 314 auf 450 Millionen Euro steigen. Gleichzeitig soll der ökologische Fußabdruck des Unternehmens und seiner Produkte um 50 Prozent sinken. „Das wird für uns wie die Besteigung des Everest ohne Sauerstoff. Denn das hat noch kein anderer gemacht“, betont Rainer

Der 42-Jährige folgt auf Christoph Engl, der das international tätige Markenhaus für Bergsport seit 2018 geführt hat. Am Kern des Unternehmens soll sich unter Rainer wenig ändern. „Der Berg und die beste Ausrüstung dafür werden weiterhin im Mittelpunkt unserer Idee bleiben“, sagt der künftige CEO.

Engl blickt mit Zufriedenheit und Schwermut auf seine Zeit als CEO: „Vor acht Jahren trat ich dann diese Verantwortung an – mit dem großen Respekt und der großen Freude zugleich. Ich habe diesen Schritt keinen Tag bereut.“ Dabei ist es nicht nur das starke Wachstum des Unternehmens, über das er emotional wird, sondern auch der Maskenstreit. Auch angesichts de in Aussicht stehenden Vergleiches zwischen Land und Oberalp, erklärt er: "Der Rucksack wird leichter, aber er wird meiner bleiben.

Maskenstreit

Oberalp hatte zu Beginn der Pandemie Schutzausrüstung aus China vorfinanziert. Wegen Qualitätsmängeln verweigerte der Sanitätsbetrieb später die Bezahlung, Oberalp klagte. Nach sechs Jahren Rechtsstreit könnte eine außergerichtliche Einigung folgen. Das Land will die gesetzliche Grundlage schaffen, um Oberalp höchstens 20 Millionen Euro der vorfinanzierten Kosten zu erstatten. Diese würden sich inklusive Zinsen auf rund 40 Millionen belaufen. Heiner Oberrauch hat dennoch angekündigt, im Gegenzug die Klage gegen den Sanitätsbetrieb zurückzuziehen. Im Artikel kommentiert er seinen Entschluss.

Boom-Wellenreiten und „Sanfter Übergang“

An einer selbstgezeichneten Kurve zeigt Rainer, wie sich der Alpinismus seit der Erstbesteigung des Mont Blanc entwickelt hat. Seit der Pandemie profitiert Oberalp von einem anhaltenden Outdoor-Boom: Der Umsatz liegt inzwischen bei über 300 Millionen Euro, das Geschäftsergebnis wuchs in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich um sieben Prozent. Die Gruppe betreut heute 18 Marken, sieben davon im eigenen Besitz, investiert in Kletterhallen und baut für externe Marken den europäischen Vertrieb auf. Gleichzeitig soll der ökologische Fußabdruck bis 2031 halbiert werden, spätestens 2050 will Oberalp Net Zero erreichen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Kreislaufwirtschaft: Produkte sollen langlebiger, reparierbarer und wiederverwertbar werden. Als Beispiel nennt Rainer das „Second Life“-Konzept für gebrauchte Produkte und Materialien.

Stefan Rainer, Ehemann von Oberalppräsidentin Ruth Oberrauch, kennt das Unternehmen bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten. Er war in unterschiedlichen Funktionen im Marketing und Produktmanagement tätig und leitete zuletzt sechs Jahre lang als Chief Sales Officer den Vertrieb.

Übergabe: Mit 1. Oktober übernimmt Stefan Rainer den Posten des Oberalp-CEOs. Matteo Groppo/Oberalp

Christoph Engl zieht sich unterdessen nicht vollständig aus der Oberalp-Gruppe zurück. Ab 1. Januar 2027 soll er der Geschäftsführung als Senior Advisor zur Seite stehen und sich um ausgewählte Projekte kümmern. Dazu gehört insbesondere das internationale Lizenzgeschäft der Oberalp-Marken in Asien. Von seiner bisherigen Aufgabe trete er zwar zurück, sagt Engl, „aber nicht von der Passion für den Bergsport und der Markenentwicklung, die in meiner DNA liegen und bleiben“.

Auch Ruth Oberrauch bezeichnet ihren Amtsantritt als Präsidentin am 1. Juni als „sanften Übergang“. Bereits in den vergangenen drei Jahren sei sie eng in die strategischen Entscheidungen eingebunden gewesen und habe dem Verwaltungsrat angehört. Im Tagesgeschäft habe sich deshalb zunächst gar nicht so viel verändert. „Was sich ändert, ist das Gefühl der Verantwortung“, sagt Oberrauch. „Wenn jetzt etwas schiefläuft, weißt du, dass du definitiv verantwortlich bist. Vorher war ich mitverantwortlich.“

Auch ihre öffentliche Rolle habe sich verändert. Dass der Übergang über mehrere Jahre vorbereitet worden sei, bezeichnet Oberrauch als „großes Geschenk“ von Heiner Oberrauch und Christoph Engl. So habe sie nicht nur das Unternehmen besser kennenlernen können, sondern auch Management und Mitarbeitende hätten Zeit gehabt, Vertrauen in die neue Führung aufzubauen.

„Ein Rucksack, den man jeden Morgen trägt“

Spürbar prägend für Engls Jahre an der Spitze der Oberalp-Gruppe war die Auseinandersetzung um die während der Pandemie beschafften Schutzmasken habe Spuren hinterlassen. Auf die Radio NBC, welche Lektion er sich vom Maskenstreit mitnimmt, beschreibt Engl seine Ansicht mit emotionalem Unterton: „Es ist, als würdest du jeden Morgen mit einem Rucksack aufstehen, den du auf dem Rücken trägst und von dem du weißt, dass du ihn vielleicht dein ganzes Leben lang nicht mehr ganz loswirst.“ Die Auseinandersetzung habe ihn auch darüber nachdenken lassen, „ob die Werte, die man selbst in sich trägt, noch jene der Gesellschaft sind“. Dazu gehöre für ihn etwa die Überzeugung, „dass auch in der öffentlichen Verwaltung ein gegebenes Wort etwas wert ist“.

Eine mögliche finanzielle Einigung würde die wirtschaftliche Belastung für Oberalp zwar reduzieren. Dennoch werde die Angelegenheit nach Engls Einschätzung „der größte Verlust bleiben, den dieses Unternehmen jemals erlitten hat“.

„Das wiegt schwer!“

Heiner Oberrauch wolle mit einer möglichen Einigung vor allem „das Gewicht für die nächste Generation erleichtern“ und dafür sorgen, dass wieder Mittel für Investitionen zur Verfügung stehen. Engl spricht jedoch mit allem anderen als einer zufriedenen Miene, denn „der Rucksack wird leichter, aber er wird meiner bleiben.“ Denn als damaliger CEO fühle er weiterhin die Verantwortung dafür, dass dem Unternehmen ein immenser Schaden entstanden sei, „und das wiegt schwer.“

Dennoch plädiert Heiner Oberrauch für ein Ende des Schreckens: „Es hat jetzt sechs Jahre gedauert und die Justiz war nicht imstande, eine Entscheidung zu treffen. Wenn der Fall vollständig ausjudiziert würde, kann sich das Verfahren weitere sieben oder acht Jahre ziehen. Und das wollen wir einfach nicht.“ In der Hoffnung, „dass das alles endlich ein Ende hat“, nehme er diesen großen Verlust in Kauf. „Mit mir hat es auch etwas gemacht.“, sagt Oberrauch, denn spurlos sei die Auseinandersetzung auch an ihm nicht vorbeigegangen. Zugleich ordnet er die Erfahrung persönlich ein: „Mir ist im Leben alles gut gegangen. Vielleicht gehört das auch dazu.“

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