Wirtschaft | Klimawandel

„In Polen Ernte wegen Frost zerstört“

Wetterextreme machen auch dem Obstbau Probleme, Hagelschutznetze haben dieses Jahr das Schlimmste in Südtirol verhindert. Doch die Frage zu Speicherbecken bleibt offen.
Hitzewellen und Hagel: Die Wetterextreme stellen die Landwirtschaft heuer vor große Herausforderungen. Bild: Versuchszentrum Laimburg

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Die vielen Tropennächte in den vergangenen Sommermonaten machten auch den Südtiroler Äpfeln zu schaffen. „Der Apfel liebt die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, erst dann bilden sich in der Schale vermehrt rote Farbpigmente. Bleibt es in der Nacht ebenfalls warm, reift die Frucht zwar im Inneren, aber die Farbe bleibt blass und unattraktiv. Fällt dann auch noch Regen auf die überreife Frucht, kann sie aufplatzen“, erklärt Walter Guerra, Institutsleiter für Obst- und Weinbau am Versuchszentrum Laimburg. 

Walter Guerra: „Die größten Herausforderungen für die Zukunft sind sicherlich die Dynamik am Markt und die Folgen des Klimawandels.“ Ivo Corrà

Das führte dazu, dass bei der Obstversteigerung Sigmundskron 40 Prozent der gelieferten Gala-Äpfel als Industrieware zu einem deutlich niedrigeren Preis verkauft wurden, wie das Tagblatt Dolomiten letzte Woche berichtete. Heuer musste deshalb ein bedeutender, ungewohnt hoher Anteil der Südtiroler Sommersorten nicht als Tafelware, sondern als Industrieware geliefert werden, schätzt der Obstbauexperte an der Laimburg. „Letztes Jahr sah die Situation ganz anders aus und die Nächte vor der Ernte kühlten auf unter 15 Grad ab. 2025 war eines der besten Gala-Jahre auch in Bezug auf Fruchtgrößen. Aber solche Jahre sind wahrscheinlich in Zukunft die Ausnahme, nicht die Regel“, sagt Guerra. 

„Noch ist es für eine Bilanz viel zu früh. Wir werden noch rund zwei Monate mit der Ernte beschäftigt sein und sie Mitte oder Ende November abschließen“, erklärt Robert Wiedmer, Bereichsleiter für den Obstbau beim Südtiroler Beratungsring, dazu. Während die Apfelsorte Gala gelitten hat, sehe die Situation bei den Herbstsorten besser aus. 

Aktuelle Lage

Durch die Folgen des Klimawandels muss sich die Landwirtschaft auf neue Herausforderungen einstellen. Dazu zählen die Überwinterung größerer Bestände von Schädlingen in Wintern mit milderen Temperaturen, eine frühere Blüte, häufigere Wetterextreme wie Hagel, Wasserüberschuss oder Wasserknappheit während langer Trockenperioden. 

„Das heißt nicht, dass es im Südtiroler Obstbau eine unüberlegte und radikale Wende braucht. Wir sind schon gut aufgestellt. Zum Beispiel sind auf zwei Dritteln der Flächen bereits Hagelschutznetze vorhanden und wir haben auf einem bedeutenden Anteil unserer Apfelfläche Frostschutzberegnung. In Polen hingegen soll heuer wegen Frost fast die Hälfte der Ernte zerstört worden sein“, erklärt Guerra. Doch auch die besten Schutzmaßnahmen garantieren nicht, dass Schäden ausbleiben, wie die heftigen Gewitter mit Hagel vor einigen Wochen im Großraum Brixen zeigten. 

Robert Wiedmer: „Wir haben riesige Summen in die Bewässerung investiert und das Thema Wasser wird auch in Zukunft wichtig bleiben.“ Südtiroler Beratungsring

Scheint die Sonne und das ziemlich lange und stark, entstehen zudem leichter Schäden auf der Schale, die mit dem Sonnenbrand bei Menschen vergleichbar sind. Deshalb seien Hagelschutznetze heute nicht nur bei Hagel hilfreich, sondern spenden wichtigen Schatten. Um Wasser zu sparen, sind bereits über 80 Prozent der Apfelanbauflächen mit Tropfbewässerung ausgestattet. „Wir haben riesige Summen in die Bewässerung investiert und das Thema Wasser wird auch in Zukunft wichtig bleiben“, sagt Wiedmer vom Beratungsring.

„Frühwarnsysteme für Frost, Schädlinge oder Wasserknappheit haben noch ein großes Potential.“

Gleichzeitig führen auch die milderen Winter zu neuen Problemen in der Landwirtschaft: Die Bestände von Schadinsekten wie die Marmorierte Baumwanze oder künftig womöglich der Japankäfer schaffen es durch die höheren Temperaturen in größerer Zahl zu überwintern. 

Zudem setzt der Blütenaustrieb im Vergleich zu den 70er Jahren um bis zu zwei Wochen früher ein. Die Spätfrostnächte werden im Trend zwar weniger, die verfrühte Blüte trägt aber dazu bei, dass das Risiko über längere Zeit bleibt. „Der Zeitraum mit Kaltlufteinbrüchen hat sich verlängert. Früher waren es nur eineinhalb oder zwei Monate, heute sind es fast drei Monate“, erklärt Wiedmer. 

Handlungsempfehlungen

„Die größten Herausforderungen für die Zukunft sind sicherlich die Dynamik am Markt und die Folgen des Klimawandels“, sagt Guerra vom Versuchszentrum Laimburg. Um sich darauf vorzubereiten, seien sowohl Politik als auch Betriebe gefragt. Dazu zählt die Auswahl möglichst resilienter Sorten und Kulturen, aber auch Investitionen in Digitalisierung und Monitoring. „Kapillarere Frühwarnsysteme für Frost, Schädlinge oder Wasserknappheit haben noch ein großes Potential. Diese Technologien müssen erschwinglicher und benutzerfreundlicher werden“, fordert der Obstbauexperte. 

Zudem empfiehlt der Bereichsleiter für den Obstbau beim Beratungsring ein flexibles Erntemanagement: „Wenn die Ernte wie dieses Jahr überraschend drei oder vier Tage früher losgeht wie gewohnt, dann muss der Landwirt darauf vorbereitet sein.“ Durch den schnelleren Reifungsprozess verkürze sich außerdem das Erntefenster. 

Versicherung und Wasserspeicher

Ist ein landwirtschaftlicher Betrieb mit wirtschaftlichen Einbußen wegen Wetterextreme konfrontiert, greift in vielen Fällen die Versicherung. Über das HAKO Schutzkonsortium Südtirol sind derzeit rund 5.400 landwirtschaftliche Betriebe gegen wetterbedingte Ernteausfälle abgesichert, wobei der Obst- und Weinbau den weitaus größten Anteil ausmacht. 

Manfred Pechlaner: Er bietet Versicherungen für Ernteausfälle. HAKO Schutzkonsortium

„Im Obstbau sind rund 50 Prozent und im Weinbau rund 80 Prozent der gesamten Produktion in Südtirol versichert“, erklärt Manfred Pechlaner, HAKO-Direktor. Hinzukommen, wenn auch mit einem deutlich geringeren Anteil, Grünland, Ackerbau und Gemüseanbau. Während Flächen ohne Schutzmaßnahmen nahezu alle versichert sind, verfügen 25 Prozent der versicherten Flächen über Hagelnetze oder Frostberegnung. „Diese zusätzliche Absicherung wird angesichts zunehmender Wetterextreme immer wichtiger, da auch aktive Schutzsysteme an ihre Grenzen stoßen können – etwa, wenn Hagelschutznetze extremen Ereignissen nicht standhalten, wie letztens bei Hagelschlag im Raum Brixen deutlich wurde oder eine Frostberegnung aufgrund von Wassermangel im Frühjahr nicht eingesetzt werden kann“, sagt Pechlaner. 

Die große ungelöste Frage auf politischer Ebene bleibt indessen wohl die Wasserspeicherung. Zwar können landwirtschaftliche Betriebe durch Einsaaten die Dauerbegrünung auf ihren Flächen erhöhen und dazu beitragen, dass der Boden auf natürliche Weise mehr Wasser speichert. Aber bei Starkregen hilft diese Maßnahme nur bis zu einem bestimmten Punkt. Speicherbecken seien deshalb in Zukunft notwendig, erklären Walter Guerra und Robert Wiedmer.

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