Simon, Pixabay
Gesellschaft | Fritto Misto

Gift und Galle

Hassposten war zu lange Kavaliersdelikt. Damit muss Schluss sein.

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Letzthin war der bekannte Moderator Markus Lanz im Landtag zu Gast, und er hat dort viele kluge Dinge gesagt: Über den Tourismus beispielsweise („Wir haben kein zweites Südtirol im Keller“), über Politik („Es braucht mehr Mut!“), und auch etwas über die Südtiroler*innen, was ich aber weniger klug als vielmehr ziemlich verklärt fand. Die Südtiroler*innen seien nämlich, so Lanz, der vielleicht schon etwas zu lange außer Landes weilt, im Grunde ein offenes und herzliches Volk, das sich durch Gastfreundschaft auszeichnet. 

 

 Da ist von „Komm herein!“ und einem Suppele für den Fremden nicht mehr viel übrig.

 

Markus, wollte ich ihm zuraunen, alles paletti, aber wirf doch mal dein Facebook an und zieh dir die Kommentare rein, die Herr und Frau Südtiroler so zum Thema Migration von sich geben. Da ist von „Komm herein!“ und einem Suppele für den Fremden nicht mehr viel übrig. Egal, ob es um die Unterkünfte für die 94 Flüchtlingsfamilien, das Ex-Alimarket oder randalierende Jugendbanden geht: Da spuckt Südtirol Gift und Galle. 

Not all Südtirol, natürlich, aber doch einige mehr als die üblichen Verdächtigen aus der Lederhosen/Incel-Schnittmenge, von denen leider nichts anderes zu erwarten ist. Da ist die Oma mit der netten Karikatur als Profilbild, der rüstige Rentner, der stolz auf seine Enkelen ist, die Tierfreundin mit den verkitschten Lebensweisheiten im Feed: Ganz normale Menschen, denen man eigentlich ein Minimum an Empathie zutrauen würde, das sie ja offensichtlich für ihr Haustier oder ihre Verwandtschaft aufzubringen imstande sind, denen aber angesichts der Buchstabenkombination „Migrant“ alle Sicherungen rausfliegen. Und zwar dermaßen, dass sie sich in die niedrigsten Niederungen menschlichen Verhaltens begeben und einer Landesrätin Vergewaltigung oder sich die Rückkehr des Führers wünschen. Mit Klarnamen und Profilbild, jawohl. 

Wie schlecht durchdacht das Ganze ist, zeigt sich auch daran, dass heftig protestiert wird, sobald die (ohnehin öffentlichen) Kommentare geteilt werden. Ganz so, als habe man sich unter einem Tarnmantel gewähnt, als habe man bloß (auf niedrigstem Niveau) Dampf ablassen wollen und dabei „vergessen“, dass zig Menschen mitlesen. 

 

Will ich wirklich diese Art von Mensch sein? Will ich wirklich online meine hässlichste Seite, die vielleicht ja nur grad punktuell aufflammt, nach außen kehren?

 

Insofern hat Landesrätin Pamer das Richtige getan, indem sie den Hass gegen sie nicht bloß thematisiert, sondern besonders garstige Beispiele vorgelesen und den Ekelball somit zurückgespielt hat: Schau her, dein Auswurf ist angekommen, er hat mich verletzt, jetzt steh dazu, was du gemacht hast: Anzeige ist raus. Sich verbal auszukotzen und widerwärtige Beleidigungen auszustoßen, weil einen etwas ärgert, sollten wir auch nicht länger mit Naivität oder Bildungsferne entschuldigen und gnädig wenn auch stirnrunzelnd übersehen. Es gibt genug andere Wege, seinen Frust loszuwerden, auf die auch ein mittelmäßig vernunftbegabter Mensch selbst kommen kann: Geh spazieren! Leg dir einen Boxsack zu! Oder versuche zumindest, deine Kritik in Worte zu fassen, die nicht unter die Gürtellinie abzielen. Andernfalls tragen auch die stumm Mitlesenden zu einem Klima der Verrohung bei, in dem kein zielführender Diskurs mehr möglich ist.

Und nicht zuletzt gehören nicht bloß die Hassposter zur Verantwortung gezogen, sondern auch die Parteien, die im Vorfeld fleißig gezündelt haben und jetzt angesichts des von ihnen bereiteten Flächenbrandes mit den Schultern zucken: Das müsse man als Politiker*in aushalten, heißt es da höchstens zynisch und feige, als habe man mit alldem gar nichts zu schaffen, als handle es sich um harmlose Kinderzankereien und nicht um Tötungsfantasien. Nur um selbst bei der kleinsten Kritik bald wieder getroffen aufzujaulen. 

Also, ihr Luisens, Elfriedes, Tanjas und Peters: Bevor ihr das nächste Mal eure Rage in menschenverachtende Einzeiler übersetzt, haltet doch bitte kurz inne und fragt euch: Will ich wirklich diese Art von Mensch sein? Will ich wirklich online meine hässlichste Seite, die vielleicht ja nur grad punktuell aufflammt, nach außen kehren? Oder gefällt mir doch das Bild der anständigen Landsleute besser, an das Markus Lanz, vielleicht auch aus Nostalgiegründen, fest glauben mag? Es ist unsere Entscheidung. Wer nicht über so viel Selbstbeherrschung verfügt, sie durchzuziehen, der möge der Tastatur, auch zu seinem eigenen Wohl, einfach fernbleiben. Oder die Konsequenzen tragen.