Sport | FC Südtirol Women

„Frauenfußball wurde früher belächelt“

Mittelfeldspielerin Katharina Pföstl im SALTO-Interview über den Aufstiegstraum des FC Südtirol, lange Fahrten zum Training – und warum Frauen im Fußball noch immer kämpfen müssen.
Pföstl
Foto: SALTO/AHH
  • SALTO: Frau Pföstl, am Sonntag steht das vermutlich wichtigste Spiel der Geschichte der Frauenmannschaft des FC Südtirol an. Spürt man schon Nervosität?

    Katharina Pföstl:  Ja, die Anspannung ist natürlich da, weil es ein unglaublich wichtiges Spiel ist. So weit ist der FC Südtirol Women noch nie gekommen. Manche sind nervöser, manche weniger. Ich persönlich bin relativ ruhig – vielleicht auch, weil ich die Älteste in der Mannschaft bin. Aber ich freue mich riesig auf das Spiel. Schließlich geht es um den Aufstieg in die Serie B.

  • Pföstl über ihre Mannschaft: „Alle sind motiviert, alle wollen aufsteigen.“ Foto: FC Südtirol
  • Die Frauenmannschaft des FC Südtirol war bisher noch nie in der Serie B…

    Nein, bis jetzt noch nicht. Bei den Frauen ist die Struktur etwas anders. Die Oberliga ist die tiefste regionale Liga. Danach kommt die Serie C, in der wir jetzt spielen. Wir sind derzeit die einzige Südtiroler Mannschaft in dieser Liga. In der Serie B würde man dann in ganz Italien spielen – das wäre etwas ganz Besonderes.

  • Zur Person

    Die 33-jährige Katharina Pföstl stammt aus Naturns und spielt inzwischen ihre dritte Saison beim FC Südtirol. Ihre Karriere verbrachte sie bei diversen Südtiroler Damenmannschaften: Nach Karrierestationen unter anderem in Brixen und bei den Unterland Damen konnte sie mit dem FC Obermais den Italienpokal holen. Hauptberuflich arbeitet Pföstl als Sozialbetreuerin im Hauspflegedienst in Neumarkt. Sie wohnt in Predazzo.

  • Wie ist die Stimmung in der Mannschaft vor diesem Finale?

    Sehr gut. Alle sind motiviert, alle wollen aufsteigen. Auch die Trainer leben das total mit. Sogar ein Fanbus fährt am Samstag nach Rom – mit über 30 Leuten. Für uns sind das schon viele Leute, wir freuen uns sehr über diese Unterstützung.

     

    „Für Männer gibt es fast in jedem Dorf einen Verein.“

     

    Wie schwierig ist es eigentlich in Südtirol für Mädchen und Frauen, Fußball zu spielen?

    In den letzten Jahren hat sich die Situation schon merklich verbessert. Früher gab es fast keine Mädchenmannschaften. Ich selbst habe bis 15 bei den Buben in Naturns gespielt. Danach musste ich wechseln, weil man irgendwann nicht mehr mit den Jungen spielen darf.

    Damals bin ich zum Beispiel extra nach Brixen gefahren, um überhaupt spielen zu können. Später habe ich bei Unterland Damen, Obermais und anderen Vereinen gespielt. Für Frauenfußball musst du in Südtirol oft weite Strecken in Kauf nehmen.

  • Schon Routinier: Katharina Pföstl spielt inzwischen ihre dritte Saison beim FC Südtirol. Foto: FC Südtirol
  • Die Hintergründe

    Die Frauenmannschaft des FC Südtirol spielt am Sonntag in Rom gegen Catania (Spielbeginn um 15:30 Uhr) um den historischen Aufstieg in die Serie B, während die Herrenmannschaft des FCS heute um den Klassenerhalt bangen muss. Für FCS-Women-Mittelfeldspielerin Katharina Pföstl – die mit einem Dreierpack im Halbfinale ihrer Mannschaft den Einzug ins Endspiel ermöglichte – wäre es der größte Erfolg ihrer Karriere. 

  • Und bei den Männern ist das anders?

    Ja, absolut. Für Männer gibt es fast in jedem Dorf einen Verein. Du bist in zehn Minuten beim Training. Bei uns kommen die Spielerinnen aus ganz Südtirol zusammen. Ich wohne heute in Predazzo und fahre jedes Mal über eine Stunde zum Training. Andere fahren ähnlich weit. Das zeigt schon den Unterschied.

    Hat sich die Wahrnehmung des Frauenfußballs verändert?

    Auf jeden Fall. Früher wurde Frauenfußball oft belächelt. Heute wird viel mehr darüber berichtet. Die Spiele kommen im Fernsehen, es gibt mehr Aufmerksamkeit und mehr Investitionen. Große Vereine des Männerfußballs investieren inzwischen auch in Frauenmannschaften. Dadurch wird der Frauenfußball ernster genommen.

     

    „Mit 16 wusste ich, dass man als Frau vom Fußball nicht leben kann.“

     

    Warum passiert dieser Wandel gerade jetzt?

    Weil mehr investiert wird und weil der Frauenfußball professioneller geworden ist. In Italien haben Spielerinnen in den höheren Ligen mittlerweile richtige Verträge. Dadurch verändert sich auch die Wahrnehmung. Es wird professioneller geführt und entsprechend auch ernster genommen.

  • In Feierlaune: Die Frauenmannschaft des FC Südtirol nach dem Finaleinzug. Foto: FC Südtirol

    War Profi-Fußball für Sie jemals ein realistischer Traum?

    Nein, eigentlich nicht. Als ich klein war, gab es diese Möglichkeiten in Italien nicht einmal. Mit 16 wusste ich, dass man als Frau vom Fußball nicht leben kann. Heute ist das anders. Die jungen Spielerinnen haben viel mehr Chancen als wir damals.

    Ich hatte damals auch Angebote von größeren Vereinen, unter anderem von Bayern München und Innsbruck. Aber ich wollte so jung einfach nicht weg von zu Hause. Für mich war das nicht das Richtige. 

    Wie viele Frauenfußballerinnen haben Sie lange in den Jungs-Mannschaften gespielt. Hat dir das geholfen?

    Ja, bei den Buben lernt man viel, gerade technisch und körperlich. Ich habe mich dort immer wohlgefühlt. Die Jungs haben mich gut aufgenommen und respektiert. Ich würde jungen Mädchen heute sogar empfehlen, bei den Jungen mitzuspielen, wenn sie die Möglichkeit haben. Man braucht keine Angst davor zu haben.

    Ist die Dynamik in einer Frauenmannschaft anders als in einer Herrenmannschaft?

    Ja, schon. Frauenfußball ist emotionaler. Es gibt Vor- und Nachteile, bei Männern oder Frauen zu spielen. Aber ich glaube, bei Frauen spielt die emotionale Komponente eine größere Rolle.

     

    „Der Frauenfußball in Südtirol braucht mehr Möglichkeiten.“

     

    Was fehlt dem Frauenfußball in Südtirol aktuell am meisten?

    Mehr Mannschaften und mehr Möglichkeiten. Es wäre schön, wenn es mehrere Vereine gäbe, die höherklassig spielen könnten. Dann müssten junge Spielerinnen nicht so früh weggehen.

    Wenn du als Mädchen wirklich gut bist, musst du oft schon mit 14 oder 15 Jahren Südtirol verlassen. Das ist schwierig – auch sprachlich und persönlich. Nicht jede will in diesem Alter weg von zu Hause.

  • Pföstl ermutigt Mädchen, Fußball zu spielen: „Man sollte einfach mutig sein und das machen, worauf man Lust hat.“ Foto: FC Südtirol
  • Glauben Sie, dass Männer- und Frauenfußball finanziell irgendwann gleichgestellt sein werden?

    Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass Frauen irgendwann genauso viel verdienen werden wie die absoluten Topspieler bei den Männern. Aber ehrlich gesagt finde ich eher, dass so manche Männerfußballer heute zu viel verdienen. Wenn ein Ronaldo oder Messi nur ein Viertel von dem bekommen würde, hätten sie trotzdem mehr als genug.

    Was wäre aus Ihrer Sicht realistischer?

    Dass Frauen im Fußball in der Serie B oder Serie A einfach davon leben können. Das wäre schon ein großer Schritt. 

     

    „Wichtig ist, dass Mädchen sich trauen.“

     

    Was würdeen Sie jungen Mädchen sagen, die Fußball spielen wollen?

    Dass sie sich trauen sollen. Fußball ist ein toller Mannschaftssport. Du findest Freunde, lernst viel fürs Leben und hast gemeinsam Erlebnisse.

    Viele Mädchen sind am Anfang schüchtern, gerade wenn sie mit Jungen spielen sollen. Aber ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Man sollte einfach mutig sein und das machen, worauf man Lust hat.

    Und jetzt bleibt nur noch das Finale am Sonntag. Wie groß ist der Traum vom Aufstieg?

    Sehr groß. Wenn die Männer in der Serie B bleiben und wir aufsteigen würden, dann hätten nächstes Jahr sowohl die Herren als auch die Frauen des FC Südtirol die Serie B erreicht. Das wäre natürlich ein Traum.