Politik | Gerichtsgebäude

„Mit Augenmaß und Leidenschaft“

Viele Versäumnisse prägen die Geschichte des eingestürzten Gerichtsgebäudes in Bozen. Dafür gibt es gute Belege. Doch es gibt auch eine Vision, wie es besser werden könnte.
Schaulustige beim eingestürzten Gerichtsgebäude in Bozen: gestern Gericht, heute ein Trümmerhaufen, morgen ein Internationales Institut für Faschismusforschung? Bild: Othmar Seehauser/ Seehauserfoto

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18 Millionen Euro waren es gewesen, mit denen das marode Justizgebäude bereits 2008 auf einen passablen Stand hätte gebracht werden können. „Daraus wurde nichts“, ärgerte sich der ehemalige Senator Oskar Peterlini unmittelbar nach dem fatalen Einsturz des zentralen Teils des Gerichtsgebäudes. „2008 gingen die vorgesehenen Gelder ungenutzt in den Haushalt zurück, und die Regierung Berlusconi strich sie für die Jahre darauf.“

Fehler, Mängel und Nachlässigkeiten

Oskar Peterlini: „Im November 2007 ist es mir als Fraktionsvorsitzender der Autonomiegruppe im Senat im Rahmen der Haushaltsdebatte für das Jahr 2008 gelungen, von der Regierung Prodi eine Sonderfinanzierung in Höhe von 18 Millionen Euro für die Erneuerung des Gerichts- und Finanzzentrums Bozen im Staatshaushalt zu verankern.“ Andy Odierno/SALTO

Damals gehörte das Justizgebäude dem staatlichen Liegenschaftsamt, während die Gemeinde Bozen für dessen Instandhaltung verantwortlich war. Die Kosten waren sehr hoch und für die Gemeinde – die zuständige Bozner Stadträtin war Maria Chiara Pasquali – nur schwer aufzubringen. Gemeinsam mit Renzo Caramaschi und Maria Chiara Pasquali war es Oskar Peterlini – mit Unterstützung des Leitenden Staatsanwalts Cuno Tarfusser –, der sich für diese außerordentliche Finanzierung des Gebäudes einbrachte. Während Senator Peterlini sich in Rom für dieses Anliegen stark machte und der ehemalige Abgeordnete und Senator sowie Mitglied der Sechser- und der Zwölferkommission Gianclaudio Bressa (1956–2026) dafür sorgte, dass der Antrag von der Regierung Prodi angenommen wurde, kippte das Unterfangen unter der Regierung Berlusconi. Peinlicher Zufall: Bautenlandesrat Christian Bianchi ist seit vergangenem Jahr bei der Berlusconi-Partei Forza Italia. Nun kann er die Suppe auslöffeln, die der Parteigründer und häufig in Gerichtsverfahren verwickelte Berlusconi eingebrockt hat.

... hier muss man einfach mal den Galateos und Corraratis dieser Welt den Spiegel vorhalten ...

Gianclaudio Bressa (1956–2026): Die Lebensdauer des Bozner Gerichtsgebäudes entspricht – auch das ist ein Zufall – jener von Gianclaudio Bressa. Beide wurden 70 Jahre alt. Privat

„Vor allem aber wäre die notwendige und wichtige Sanierung des Gerichtsgebäudes auf Kosten des Staates erfolgt“, bedauert Peterlini, „noch bevor das Gebäude in das Eigentum der Provinz überging. Möglicherweise hätte dadurch sogar der Einsturz des mittleren Teils des Gerichtsgebäudes verhindert werden können.“ Doch das ist Schnee von gestern.

Gerade gestern publizierte SALTO-Journalist Fabio Gobbato unter dem Titel Tribunale, un cantiere „spezzatino“ einen ausführlichen Artikel, in dem er die zahlreichen Bauvorhaben und „Pflasterlösungen“ am Gebäude detailliert auflistet. Er zeichnet ein Bild des Schreckens. Daraus geht hervor, dass man im Dezember 2024 davon ausging, die vier mangelhaften Säulen verstärken zu können. Erst 2025 wurde beschlossen, sie zu ersetzen. Die Baukatastrophe fand mit dem Einsturz vergangene Woche ein trauriges Ende. 

Was nun?

„Bautechnischen Fragen kann und will ich nicht vorgreifen, ich argumentiere hier bloß als Historiker“, meint Hannes Obermair von Eurac Research. Als einstiger Archivar im Stadtarchiv Bozen und international erfolgreicher Museumsgestalter mit dem Siegesdenkmal kennt er die in der Ära des Faschismus angegangenen Bauvorhaben wie seine Westentasche.

Wie würde er mit dem eingestürzten Bauobjekt umgehen? „Nach meinem Verständnis moderner Denkmalpflege schließt sich eine akritische Rekonstruktion der eingestürzten Bauteile ohnehin von selbst aus“, sagt der Historiker. „Eine naive Wiederherstellung – hier muss man einfach mal den Galateos und Corraratis dieser Welt den Spiegel vorhalten – steht meines Erachtens nicht zur Debatte.“ Es könne sich in seinen Augen „nur um eine kritische Rekonstruktion handeln, die die Narbe sichtbar macht, vielleicht durch eine Verglasung oder wie auch immer.“

Spiel, Satz, Sieg?: Hannes Obermair plädiert für einen Erinnerungsort europäischen Formats. Mauro Podini

Obermair schwebt ein internationaler Wettbewerb vor, „der die städtebauliche Qualität des Ensembles“ berücksichtigt. „Ein schönes Vergleichsbeispiel böte etwa die Alte Pinakothek in München“, erwähnt er, „deren Wiederherstellung durch Hans Döllgast mittels Bauen im Bestand als eine Form ,schöpferischer Sicherung' erfolgte.“

Ein neues, „großzügig angelegtes Justizzentrum“ sollte hingegen an anderer Stelle errichtet werden, „zumal schon das alte Gebäude aus allen Nähten platzte und die ursprüngliche Funktion kaum noch erfüllen wird können.“

Warum also nicht gerade hier ein Leuchtturmprojekt Gericht 2.0 schaffen ...

Am Einsturzgebäude sieht er nun die große Chance „einer weitergehenden Historisierung jenes insgesamt historisch belasteten Areals gegeben“, an dem sich das erst im späten Faschismus errichtete und mit dem Motto „Pro italico imperio…“ entsprechend konnotierte Gerichtsgebäude befindet. „Hannah Arendts Mahnruf am gegenüberliegenden ehemaligen faschistischen Parteisitz überschreibt auf grandiose Weise das Mussolini-Relief Hans Piffraders, ohne dieses zu eliminieren“, erinnert er. „Wir haben hier also einen Erinnerungsort europäischen Formats. Er könnte vervollständigt werden durch eine geschichtspolitische Initiative, die die vertrackten Fäden Südtiroler Geschichte aufnimmt und in größere Kontexte einbettet. Südtirols doppelte Diktaturerfahrung ist selten so verdichtet gegenwärtig wie gerade am Gerichtsplatz. Er bildete mit Parteisitz, Gericht und Christkönigskirche im Sinne von Marcello Piacentinis Bozner Bauleitplan das neue Entrée des faschistischen Groß-Bozens, und ab Ende 1943 nahm mit der NS-Willkürjustiz die nationalsozialistische Terrorherrschaft von den heutigen Finanzämtern Besitz.“

Internationales Institut für Faschismusforschung?: „Südtirol war Experimentierfeld zweier Diktaturen, und wer von Südtirols Geschichte spricht, sollte tunlichst von Faschismus und Nationalsozialismus nicht schweigen.“ Seehauserfoto

Obermairs Vision

„Wer von Südtirols Geschichte spricht, sollte tunlichst von Faschismus und Nationalsozialismus nicht schweigen“, sagt er auf Nachfrage von SALTO und fragt sich angesichts des rasch, unbedacht und wenig originell in den öffentlichen Raum geworfenen Vorschlags von Vizelandeshauptmann Marco Galateo nach einem getreuen Nachbau des Palastes im Original. Angesichts der vielen Eingriffe in den letzten Jahrzehnten erscheint dies als ein wahrliches Hirngespinst.

„Warum also nicht gerade hier ein Leuchtturmprojekt Gericht 2.0 schaffen, das eine längst fällige Bringschuld einlöst – ein Internationales Institut für Faschismusforschung“, schlägt Obermair vor, „das sich neben Faschismus und Nationalsozialismus allen Spielarten autoritärer und totalitärer Politikformen auch in der Gegenwart widmet.“

Bauhistorischer Trümmerhaufen: „Erinnerungskultur bedarf des langen Atems...“ Seehauserfoto

Da das Gerichtsgebäude seit 2018 im Besitz des Landes Südtirol ist, „könnte sich hier die erstaunlich dröge Museumsabteilung beweisen und die seit Jahren in der trostlosen Franzensfeste geplante Geschichtsausstellung in der Mitte der Landeshauptstadt einrichten.“

Hannes Obermair schwebt eine Institution vor, „die Theorie und Praxis über ein Institut und ein Museum gut vereint“. Davon ist er überzeugt und schließt mit dem Gedanken: „Erinnerungskultur bedarf des langen Atems – will sie sich etablieren, so muss sie wahrlich – um mit Max Weber zu sprechen – mit Augenmaß und Leidenschaft besonders ‚dicke Bretter bohren‘.“

Morgen auf SALTO

Im Stadtarchiv Bozen lagern gut zwei Dutzend Pläne und Zeichnungen zum Bozner Justizgebäude. Gemeinsam mit Stadtarchivar Aaron Ceolan hat SALTO ausgewählte Dokumente gesichtet und ihn dazu befragt.